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"Dann lieber Granaten"

Um Omar, eine 60 Jahre alte Großmutter aus der umkämpften syrischen Provinz Homs, ist froh, dass sie Flucht und Kriegsgräuel überlebt hat. Mit ihrem familiären Anhang hat sie Unterschlupf im nordlibanesischen Dorf Wadi al-Dschammus, nahe der syrischen Grenze, gefunden.

Flüchtlinge | Beirut - 20.07.2013

Um Omar, eine 60 Jahre alte Großmutter aus der umkämpften syrischen Provinz Homs, ist froh, dass sie Flucht und Kriegsgräuel überlebt hat. Mit ihrem familiären Anhang hat sie Unterschlupf im nordlibanesischen Dorf Wadi al-Dschammus, nahe der syrischen Grenze, gefunden.

Doch die Verhältnisse in dem Schulgebäude, das den Flüchtlingen zugewiesen wurde, sind beengt, die hygienischen Umstände ungenügend. "Wir sind hier mehr als 250 Menschen", klagt Um Omar, "aber es gibt gerade Mal zehn Latrinen und keine Duschen oder sonstige Waschgelegenheiten."

Samira al-Ahmed ist mit ihren sechs Kindern vor den Kämpfen in den Vorstädten der syrischen Hauptstadt Damaskus geflohen. Am Rande des ostlibanesischen Dorfes Bir Elias haben sich syrische Flüchtlinge aus Plastikplanen zeltartige Unterstände angefertigt. Fließendes Wasser, ordentliche Toiletten oder gar Küchen sind in diesen improvisierten Behausungen unbekannt. "Ich würde am liebsten zurückgehen und wieder den Granatbeschuss ertragen", hadert die 30 Jahre alte Mutter mit ihrem Schicksal. "Besser das, als dieser Alptraum hier."

Ein Soldat der Rebellengruppen raucht am 5. Januar 2013 in den Straßen von Aleppo eine Zigarette.
Mehr als 17 verschiedene Rebellen-Gruppen tummeln sich mittlerweile in Syrien imd liefern sich Kämpfe mit den Truppen der Assad-Regierung. Auch viele Islamisten mischen sich unter die Kämpfer.
 KNA

Sogar unter einer Brücke der Beiruter Stadtautobahn schliefen eine Zeit lang Kriegsvertriebene aus Syrien. Spontan entstandene Bürgerkomitees erbarmten sich der gestrandeten Menschen und sorgten dafür, dass sie schließlich in einem Schulgebäude unterkamen. Wer kann, sucht sich eine private Bleibe. Nicht wenige Familien in Syrien haben Verwandtschaft im Nachbarland, vor allem in Grenznähe. "Im Nordlibanon gibt es Dörfer, wo in jedem Haus bis zu 30 Menschen leben", sagt Olivier Beucher, der Libanon-Direktor des Dänischen Flüchtlingskomitees. "Auf Dauer ist das aber unhaltbar, zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten sind dringend nötig."

Für den Libanon ist die Belastung enorm . Der kleine levantinische Staat, mit einer Fläche halb so groß wie Hessen, hat 4,2 Millionen Einwohner. Bisher sind 615.000 syrische Flüchtlinge registriert, die wahre Zahl der Ankömmlinge, so schätzen die Behörden, dürfte aber eher nahe bei einer Million liegen. Nach Angaben des UN-Hilfswerks UNHCR haben mindestens 1,8 Millionen Menschen Syrien verlassen. Die meisten von ihnen hat der Libanon aufgenommen. 500.000 sind nach Jordanien geflohen , 410.000 in die Türkei, 160.000 in den Irak und 90.000 nach Ägypten. Die Zahl der innerhalb Syriens entwurzelten Menschen schätzt Amnesty International auf 4,2 Millionen.

Was nach Ansicht der Helfer besonders beunruhigend ist: zwei Drittel der über die Grenzen Geflohenen sind erst seit Beginn dieses Jahres zu Flüchtlingen geworden. Das bedeutet, dass derzeit jeden Tag 6.000 Syrer irgendwo im Ausland Schutz suchen . Für die Nachbarländer stellt das eine riesige Herausforderung dar. Sie müssen die Flüchtlinge versorgen und unterbringen.

Assads Truppen auf dem Vormarsch

Im Libanon verstärkt der Menschenstrom die ohnehin bestehenden Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit ihren komplexen ethnischen und konfessionellen Identitäten. Der Zedernstaat ist zwischen Anhängern und Gegnern des Assad-Regimes in Damaskus tief gespalten. Blutige Zusammenstöße sind nicht selten. Das Überschwappen des Konflikts aus Syrien droht den Libanon mit in den Strudel der Gewalt zu ziehen.

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Gemeinsam für den Frieden
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Die zunehmende Dynamik der Flüchtlingsströme reflektiert die jüngste Verschiebungen im syrischen Bürgerkrieg. Die Truppen des Assad-Regimes, unterstützt von Russland und vom Iran und verstärkt durch Kämpfer der libanesischen schiitischen Hisbollah-Miliz, konnten zuletzt starke Terraingewinne verbuchen. Mit Al-Kusair fiel im Vormonat eine wichtige strategische Position der Rebellen an der Scheide zwischen Zentral- und Nordsyrien. Das Ergebnis sind neue Flüchtlingswellen aus der Provinz Homs und aus dem Umland von Damaskus.

Seit Beginn des Konflikts im März 2011 sind in Syrien nach Schätzungen inzwischen mehr als 100.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Syrischen Menschenrechtbeobachter in London, deren Angaben als zuverlässig gelten, gaben Ende Juni die Zahl von 100.200 Toten an. Auch UN-Generalsektär Ban Ki Moon und UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres sprechen inzwischen offen von mindestens 100.000 Toten. Offiziell nennen die Vereinten Nationen noch die Zahl von 93.000 - das ist aber nur der Stand von Ende April. Und gezählt werden auch nur die Toten, bei denen Name, Todesort und -datum feststehen.

In Syriens umkämpften Städten wie Homs oder Aleppo ist das Leben für die Zivilisten zur Hölle geworden. Zur ständigen Todesgefahr kommt der Zusammenbruch der Infrastruktur. Grausame Belagerungen bewirken, dass es an allem fehlt, vor allem an medizinischem Bedarf. Krankenhäuser sind teilweise zerstört, die Notversorgung muss in Keller und Garagen ausweichen. Es ist ein humanitäres Desaster, für das sich kein Ende abzeichnet und das noch viele Menschen in die Flucht treiben wird.

Von Weedah Hamzah und Gregor Mayer

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