Epidemie

Das Ebola-Drama

Eine Epidemie gerät außer Kontrolle

Bonn - 07.07.2014

Wir sind am Limit, es ist außer Kontrolle." Dieser Hilferuf des Teams von Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) katapultierte die Ebola-Epidemie in Westafrika jetzt in die deutschen Schlagzeilen. Schon seit Februar verbreitet sich das hämorrhagische Fieber von Guinea aus nach Sierra Leone und Liberia.

Mehr als 500 Menschen sind in den letzten Monaten bereits daran gestorben. Als bisher schwerster Ausbruch galt bis dato die Epidemie von 1976 im Kongo, bei der 280 Menschen ums Leben kamen.

Es ist nicht nur die hohe Zahl der Todesopfer, die die Mediziner dann doch an ihre Grenzen bringt, es ist auch die ungewöhnlich weite Verbreitung. "Ärzte ohne Grenzen war bei fast allen Ebola-Epidemien der vergangenen Jahre im Einsatz, aber diese waren jeweils örtlich sehr begrenzt und betrafen eher abgelegene Orte", beschreibt MSF-Koordinator Mariano Lugli die Lage bereits im Frühjahr gegenüber Welt.de. Da die jetzigen Fälle weit über das Land verstreut sind und mobile Behandlungszentren nur in begrenzter Zahl aufgebaut werden können, wird es immer schwieriger, die Epidemie einzudämmen.

Der Zusammenbruch droht

In Westafrika reisen die Menschen mehr als in den bisherigen Ausbruchsgebieten. So betraf der erste dokumentierte Ebola-Fall in Sierra Leone eine Heilerin, die Patienten aus dem Nachbarland Guinea behandelte. Über die Verkehrswege kam das Virus dann bis in die Hauptstadt. "Ich glaube, dass wir es hier mit einem sehr gefährlichen Szenario zu tun haben", bewertet August Stich, Chefarzt der Tropenmedizin an der Missionsärztlichen Klinik und Vorsitzender des Missionsärztlichen Instituts in Würzburg, die Situation.

„Ich glaube, dass wir es hier mit einem sehr gefährlichen Szenario zu tun haben.“

Professor August Stich, Leiter der Tropenmedizin am Missionsärztlichen Institut in Würzburg

Zum einen durch den grassierenden Virus selbst, zum anderen, weil dadurch in den betroffenen Ländern ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems bevorstehe. Durch die massive Bedrohung von Ebola würden Menschen mit anderen Krankheiten schlechter versorgt. "Dort ist jetzt Regenzeit und damit Hochsaison für Malaria. Ganz viele Kinder sind erkrankt und keiner traut sich mehr ins Krankenhaus", berichtet der Mediziner. "Das wird wahrscheinlich noch viel mehr Menschenleben kosten als Ebola selbst."

Sierra Leone, das ärmste der drei betroffenen Länder, hat es seit dem Ende des Bürgerkrieges vor zwölf Jahren nicht geschafft, ein Gesundheitssystem aufzubauen. "Die Krankenhäuser sind reine Verwahranstalten, medizinisches Personal fehlt oder ist schlecht ausgebildet. Die Krankenschwestern sind korrupt und es sind vor allem Fake-Medikamente im Umlauf", klagt Bruder Lothar Wagner von Don Bosco Mission , der sich mit seinen Kollegen um die gesundheitliche Aufklärung und Prävention in Freetown, Sierra Leone, kümmert.

Bus der Don Bosco Mission auf staubiger Dorfstraße.
Das Don Bosco Mobile ist in den Armutsvierteln und Dörfern Sierra Leones unterwegs, um über die heimtückische Krankheit zu informieren.  Don Bosco Mission

Gegen Unwissenheit und Hexenkult

"Wir fahren mit unserem Bus in die Schulen und zu den Marktplätzen und sprechen im Radio über Symptome und Ansteckungsmöglichkeiten", so Bruder Lothar. Am Beratungstelefon sitzen derweil rund um die Uhr drei Mitarbeiter und beantworten Fragen. "Die Zahl der Anrufe ist auf das 50-fache gestiegen – 200 sind es mittlerweile am Tag." Die Aufklärung ist auch wichtig, weil in Sierra Leone noch ein sehr lebendiger Hexenkult vorherrscht. "Wenn jemand schwer erkrankt, heißt es schnell, er ist verflucht", erklärt Bruder Lothar. Und derart gebrandmarkte Menschen würden meist vom Mob getötet.

Anders als in den Nachbarländern seien die Menschen in Sierra Leone jedoch bereit, sich aufklären zu lassen. "Wir Salesianer genießen mittlerweile großes Vertrauen in der Bevölkerung, die Menschen hören uns zu", sagt Bruder Lothar. Im Süden Guineas dagegen musste ein Hilfsdienst vor kurzem eine Aktion abbrechen, nachdem Mitarbeiter von Einheimischen mit Messern bedroht worden waren.

Häufig werden die Helfer selbst verdächtigt, die Krankheit einzuschleppen. "Man muss sich vorstellen, da kommen Gestalten in Schutzanzügen und nehmen einen Dorfbewohner mit, der nie wieder zurückkehrt", veranschaulicht Professor Stich das Erleben der Menschen. So komme es immer wieder vor, dass kranke Familienmitglieder versteckt werden oder Erkrankte selbst untertauchen. Dutzende Menschen, mit Verdacht auf Ebola, flohen kürzlich aus einem Krankenhaus in Sierra Leone.

Hände weg von Fledermäusen

Es gibt aber auch die anderen. Die, die sich freiwillig bei den Salesianern melden und ihre Hilfe anbieten bei der gesundheitlichen Aufklärung. Die mit an die Schulen gehen und sich für die Telefonberatung ausbilden lassen möchten. Sie lernen zum Beispiel, wie sie den Menschen vermitteln können, kein Buschfleisch mehr zu essen. Denn es sind unter anderem Affen und Flughunde, die das Virus in sich tragen.

Drei Mitarbeiter sitzen mit Headsets an einem langen Tisch.
Und derzeit sitzen rund um die Uhr drei Mitarbeiter an der von Kindermissionswerk finanzierten Telefonhotline, um Fragen zur Ebola-Epidemie zu beantworten.  Don Bosco Mission

Aufklärung erfordert es auch, wenn es um die Beerdigungsriten geht. Und da kollidiert die Vernunft mit jahrhundertealter Tradition. "Es ist schwer, die Menschen davon abzuhalten, ihre Toten zu waschen und anzufassen", so Tropenmediziner Stich. An Ebola Verstorbene seien jedoch hoch ansteckend. "In Sierra Leone wachen jetzt die Dorf-Häuptlinge bei Bestattungen darüber, dass die Toten nicht berührt werden", sagt Bruder Lothar. So nach und nach fange auch die Regierung an zu begreifen, dass die Lage katastrophal ist. "Am Anfang haben sie unsere Aufklärung über Ebola nur belächelt."

Seit einigen Tagen aber besteht ein Versammlungsverbot in einigen Distrikten Freetowns. Die Pubs, eigentlich gerüstet für die Übertragung der Fußball-WM, sind geschlossen. Die Schulen auch. "Um die Epidemie wirksam einzudämmen, müsste man die Gebiete großräumig abriegeln und alle untersuchen, die hinauswollen", erklärt Stich. Dazu brauche es sehr gutes Personal, das auch in der Lage ist, Reihenuntersuchungen von großen Menschenmengen durchzuführen. "Ohne großangelegte internationale Hilfe geht das nicht."

Hoffen und beten

Es bestehe auch immer ein kleines Restrisiko für die Helfer, so der Tropenarzt. "Je besser das Schutzmaterial und je besser geschult und ausgeruht die Ärzte und Pfleger sind, desto geringer die Ansteckungsgefahr. Dann ist es vielleicht sogar der sicherste Arbeitsplatz von allen." Andererseits herrschen in der Region derzeit Temperaturen zwischen 35 und 40 Grad und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Deshalb sei es auch eine große körperliche Belastung in der Schutzkleidung zu arbeiten.

Spenden

Don Bosco Mission verschifft Medikamente, Schutzkleidung und vieles mehr in Containern nach Sierra Leone. Wer für den teuren Transport spenden möchte, kann das unter der folgenden Kontoverbindung tun. Don Bosco Mission Stichwort: Sierra Leone - Fambul Spendenkonto 22 37 80 15 BLZ 370 601 93 | Pax Bank

Die Don Bosco Mission packt derweil einen Container mit Schutzanzügen und Gesichtsmasken zusammen, um ihn auf den Weg nach Sierra Leone zu schicken. "Ich hoffe, es wird keine Probleme an der Grenze geben", sagt Bruder Lothar. Auch in den Einrichtungen der Salesianer in Freetown gebe es Schutzkleidung. "Gerade in unserem Mädchenhaus und auch im Zentralgefängnis, in dem wir willkürlich inhaftierte Kinder versorgen, haben wir es ständig mit Verletzten zu tun." Bis jetzt habe es jedoch noch keine Ebola-Erkrankungen gegeben, sagt er und klingt hoffnungsvoll.

Tropenmediziner Stich dagegen befürchtet, dass der Virus auf die westafrikanischen Nachbarländer übergreifen könnte. Und mehr noch: "Es kann gut sein, dass es morgen heißt: In Paris ist der erste Ebola-Fall am Flughafen angekommen." Er mache sich jedoch keine Sorgen, um die europäische Bevölkerung. "Wir haben hier eine ganz andere medizinische Versorgung und professionelle Möglichkeiten der Isolierung." Auch die Missionsärztliche Klinik in Würzburg könnte es im schlimmsten Fall mit an Ebola Erkrankten zu tun bekommen. "Wir hoffen und beten, dass das nicht passiert."

Von Janina Mogendorf

Das Ebolafieber

Die Bezeichnung geht auf den Fluss Ebola (im heutigen Kongo) zurück, an dem das Virus 1972 zum ersten Mal aufgetreten ist. Ebola wird von Tieren wie Affen oder Fledermäuse auf Menschen übertragen, etwa durch den Verzehr oder durch Bisse. Die Erkrankung verläuft in 50 bis 90 Prozent aller Fälle tödlich. Da es eine Tiererkrankung ist, führen die ersten Ansteckungen fast immer zum Tod. Dann passt sich das Virus an und mit dem Voranschreiten der Epidemie verringern sich die Todesfälle. Für einen Virus ist es nämlich unvorteilhaft, seinen Wirt zu töten. Es gibt fünf verschiedene Erreger. Darunter auch einen Stamm der nicht tödlich ist. Das Furchterregende einer Ebolaerkrankung ist ihr Verlauf. Die ersten Symptome ähneln einer beginnenden Grippe. Dann folgen hohes Fieber mit inneren Blutungen (hämorrhagisches Fieber), Kreislaufzusammenbrüche, Krämpfe und Lähmungserscheinungen, Übelkeit mit Erbrechen und viele Leiden mehr. Nach und nach zerstört die Infektion den ganzen Organismus. Von Mensch zu Mensch wird das Ebolavirus durch Schmier- und Tröpfcheninfektion übertragen. Je kränker ein Mensch, desto größer die Ansteckungsgefahr. Seit 1972 ist das Virus 23 Mal ausgebrochen. Die Angaben zur Inkubationszeit schwanken zwischen zwei und 21 Tagen. Es gibt bisher keine wirkungsvolle Therapie für Ebola. Das Fieber gehört zu den sogenannten "vernachlässigten" Infektionskrankheiten. Das Leiden tritt zeitllich begrenzt mit einer verhältnismäßig geringen Fallzahl und vorrangig in der Dritten Welt auf. So lohnt sich eine Medikamentenentwicklung für die Pharmaindustrie kaum. Wegen der Gefährlichkeit ist das Ebolafieber in den USA als Biowaffe gelistet. Informationen: Wikipedia, Welt.de, Professor August Stich

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