Denkerin ohne Geländer

Heute wäre die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt 110 Jahre alt geworden. Ihr kritisches Denken prägt die Philosophie bis heute – und kann auch die katholische Soziallehre bereichern.

Philosophie | Sankt Augustin/Bonn - 14.10.2016

Frage: Hannah Arendt wäre heute 110 Jahre alt geworden. Was macht die Denkerin und ihr Werk für die heutige Welt relevant?

Pater Fidelis Waton: Hannah Arendt hat immer ein kritisches Denken vertreten. Das stand für sie über allem. Was sie dabei von anderen Philosophen unterscheidet: Viele Philosophen waren zwar auch kritisch, aber sie banden sich in ihrem Denken an eine Denkrichtung. Das kam für Hannah Arendt nicht in Frage. Sie wollte sich an keine Schule binden. Sie wollte frei sein, das heißt, mit den Worten von Kant: Denken ohne Geländer.

P. Fidelis Waton SVD
Pater Fidelis Regi Waton SVD wurde 1970 in Wailolong (Indonesien) geboren. 1991 trat er dem Orden der Steyler Missionaren bei. Er promovierte mit einer Arbeit über Hannah Arendt und ist heute Lektor für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Steyler Missionare in Sankt Augustin.
 Steyler Missionare

Frage: Gleichzeitig war sie auch eine Denkerin, die sehr stark auf die deutsche, auf die europäische Geschichte Bezug nahm. Sie sind in Indonesien geboren und aufgewachsen, lesen Sie Hannah Arendt anders als westliche Leser?

P. Fidelis: In meiner Heimat sind viele noch von alten Ordnungen, Regeln und Traditionen geprägt. Kritisches Denken im Sinne Hannah Arendts hat dort keinen hohen Stellenwert. Auch in der Ausbildung ist kritisches Denken wenig gefordert. Die Idee, kritisch "ohne Geländer" zu denken, war daher für mich etwas Neues, Begeisterndes.

Frage: Die westliche Geschichte spielt eine große Rolle für Hannah Arendts Analysen. Was hat ihr Werk über Europa hinaus zu sagen?

P. Fidelis: Arendts Denken ist zwar sehr europäisch geprägt, aber es hat immer die ganze Menschheit im Blick. Die Menschheit lebt in Pluralität. Dass Menschen nie allein und isoliert existieren können, ist ein wesentliches Element ihrer Theorie. Und deshalb geht ihr Denken auch in die ganze Welt hinaus.

Linktipp: Sie raucht, sie denkt

Hannah Arendt war Prozessbeobachterin des Prozesses gegen den Nazi-Bürokraten Adolf Eichmann in Jerusalem. Ihre Reportage über die "Banalität des Bösen" polarisiert. Die Regisseurin Margarethe von Trotta zeigt in ihrem biographischen Film "Hannah Arendt", wie die Kontroverse um Arendts Reportage ihr Leben verändert.

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Frage: Es klingen dabei auch Grundbegriffe der katholischen Soziallehre an: Personalität und Solidarität. Wie ist Arendt für die christliche Theologie anschlussfähig?

P. Fidelis: Hannah Arendt war Jüdin, ihr Denken jüdisch geprägt – da ist dann natürlich christliche Theologie anschlussfähig. Bei Arendt stehen der einzelne Mensch in seiner Freiheit und Würde und sein Bezug auf die Gemeinschaft nebeneinander. Menschsein ist für sie Handeln in Gemeinschaft. Wichtig ist für sie vor allem die Pluralität des Menschen. Auch das christliche Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch von Anfang an plural geschaffen ist – nicht nur als Mann und Frau, sondern auch als Mensch in der Gemeinschaft.

Frage: Christliche Anthropologie geht vom Naturrecht aus, Arendt von der menschlichen Freiheit – geht das zusammen?

P. Fidelis: Ja, sehr gut. Etwa in der Frage der Menschenrechte. Sie spricht von einem "eingeborenen Menschenrecht": Jeder Mensch hat das Recht, Rechte zu haben. Das entspricht durchaus auch dem christlichen Naturrechtsgedanken.

Von Felix Neumann

Hannah Arendt

Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Linden, einem heutigen Stadtteil von Hannover, geboren. Nach kurzzeitiger Gestapo-Haft emigrierte sie 1933 aus Deutschland und lebte schließlich in den USA, wo sie 1975 starb. Die Schülerin der Philosophen Karl Jaspers und Martin Heidegger beschäftigte sich in ihrem Werk vor allem mit Fragen der politischen Theorie. Zu ihren Hauptwerken gehört "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", eine groß angelegte Studie über die historischen Vorbedingungen und Wesensmerkmale sowohl des nationalsozialistischen wie des stalinistischen Totalitarismus.

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