Der Beginn eines neuen Lebens

Wolfgang Wagner erinnert sich noch genau an diesen Einsatz vor 25 Jahren. Schließlich sind es für ihn die bewegendsten Wochen seines Lebens gewesen. Am letzten Sonntag im August 1989 fahren fünf Malteser von München aus nach Budapest, darunter Wagner selbst, damals Stadtgeschäftsführer und Katastrophenschutzreferent des Hilfsdienstes.

Zeitgeschichte | Budapest - 12.10.2014

Wolfgang Wagner erinnert sich noch genau an diesen Einsatz vor 25 Jahren. Schließlich sind es für ihn die bewegendsten Wochen seines Lebens gewesen. Am letzten Sonntag im August 1989 fahren fünf Malteser von München aus nach Budapest, darunter Wagner selbst, damals Stadtgeschäftsführer und Katastrophenschutzreferent des Hilfsdienstes.

Zehn Studen dauert es bis die Gruppe das Malteser-Lager an der Zugliget-Kirche erreicht, eines von insgesamt drei Lagern in Budapest, das von den Maltesern betreut wurde und in denen tausende DDR-Bürger ihre Ausreise in die Freiheit erzwingen wollten.

Wenige Wochen zuvor hatte die ungarische Regierung damit begonnen, den Stacheldraht an der Grenze zu Österreich abzubauen. Die Nachricht von der offenen Grenze löst einen Reisestrom meist junger DDR-Bürger nach Ungarn aus. Im Sommer 1989 halten sich schließlich mehrere zehntausende Ostdeutsche in dem Land auf. Sie warten auf eine Gelegenheit, um über die "grüne Grenze" in den Westen zu gelangen. Rund 120 von ihnen besetzen schließlich die bundesdeutsche Botschaft in Budapest, die daraufhin ihre Tore schließt.

Flüchtlingslager rund um die Kirche "Zur heiligen Familie"

Für die Bundesregierung sind die DDR-Bürger nach dem Grundgesetz ebenso deutsche Staatsbürger wie die Westdeutschen. Sie wollen jedoch möglichst geheim, ohne mediale Aufmerksamkeit, eine politische Lösung verhandeln. Die SED-Regierung hingegen will ihre Staatsbürger nicht ausreisen lassen und versucht Budapest in der Flüchtlingsfrage unter Druck zu setzen. Eine schwierige Situation unter der vor allem die DDR-Bürger leiden, die in der Botschaft festsitzen.

Csilla von Boeselager erkennt die Not. Die Deutsch-Ungarin engagiert sich schon seit Jahren bei den Maltesern und bringt Hilfstransporte für Bedürftige nach Ungarn. Zusammen mit Pfarrer Imre Kosma errichtet sie rund um die Kirche "Zur heiligen Familie" in Budapest-Zugliget das erste Lager für Flüchtlinge aus einem sozialistischen "Bruderland". An das Tor zum Pfarrhof hängt sie ein Schild vom "Malteser-Caritas-Dienst" und macht das Gelände damit zu einer Art exterritorialem Gebiet. Etwa zwei Kilometer entfernt sind Flüchtlinge zudem im Pionierlager Csilleberc untergebracht.

Ehrenamtliche Arbeit statt Urlaub

Wolfgang Wagner erinnert sich an dieses Lager: "Es glich einem riesengroßen Campingplatz mit festinstallierten Toilettengebäuden, einem Selbstbedienungsrestaurant mit zwei Speisesälen und festen Unterkünften in Form von Bungalows. Außerdem befanden sich dort etwa 20 Katastrophenschutzzelte." Bis zu 500 Flüchtlinge kommen hier im August 1989 täglich neu an und brauchen eine Unterkunft. Ehrenamtliche Malteser-Einsatzkräfte aus Paderborn, Trier, Essen und München versorgen die Flüchtlinge in den drei Lagern mit teilweise illegal nach Ungarn gebrachtem Material.

Unter den Helfern sind auch 20 Jugendgruppen-Leiter der Malteser-Jugend, die eigentlich an einer deutsch-ungarischen Ferienfreizeit teilnehmen wollen. Statt Urlaub steht ür die Ehrenamtlichen jetzt jedoch Arbeit an. "Es war jeden Abend ein Kampf, auch für den Letzten noch eine Schlafmöglichkeit zu schaffen. Es gab Tage, da hatten wir um 23 Uhr nicht eine Wolldecke und nicht eine Luftmatratze mehr zur Verfügung", sagt Wagner. Die DDR-Bürger sind unsicher, wie es weitergeht und bleiben sehr vorsichtig. "Wenn sie ins Lager kamen, schraubten sie zuerst ihre Nummernschilder vom Auto ab, um Repressalien gegen Angehörige zu verhindern", erzählt Wagner. "Im Lager hielten sich auch Stasi-Mitarbeiter auf, die die Kennzeichen fotografierten und die Menschen identifizierten."

Ausreise in die Freiheit

Schließlich sickert durch, dass der ungarische Außenminister Gyula Horn im Fernsehen eine Erklärung über das Schicksal der Flüchtlinge abgeben will. "Wir installierten auf einer kleinen Anhöhe, auf einem Biertisch, ein Fernsehgerät", so der Malteserhelfer. Csilla von Boeselager übersetzt die Mitteilung des Außenministers vom Ungarischen ins Deutsche. Demnach dürfen die DDR-Bürger Ungarn in Richtung Bundesrepublik - und damit in die Freiheit - verlassen. Wagner erlaubt der Presse, den Moment festzuhalten. "Somit konnte die überschwängliche Freude in alle Welt übermittelt werden. In dieser Nacht wurde im Lager der Beginn eines neuen Lebens gefeiert". Es sind die letzten Stunden kurz vor der Ausreise der Flüchtlinge in den Westen.

Am Tag darauf fahren neun Reisebusse die ersten Flüchtlinge im Konvoi in Richtung Bundesrepublik. 36.000 Menschen sind es schließlich, die in wenigen Wochen der DDR den Rücken kehren und über Ungarn in den Westen fliehen.

Von Markus Kremser

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