• © Bild: ilkay/Fotolia.com

"Der Druck ist groß"

Sie sind nur eine kleine Minderheit und stehen dennoch unter Beobachtung: die Christen in der Türkei. Nun könnte ihnen eine Begegnung Johannes Pauls II. vor knapp 20 Jahren zum Verhängnis werden.

Religionsfreiheit | Bonn - 23.02.2017

Kurz vor Weihnachten geriet die deutsche Lehrerschaft der Istanbuler Lisesi-Schule in helle Aufregung: Auf Anweisung des türkischen Staates sollte in der vom deutschen Staat mitfinanzierten Bildungseinrichtung nicht mehr über Weihnachten gesprochen werden. Erst als die Empörung in der Öffentlichkeit groß war, ruderte die zuständige Behörde zurück. Doch schon wenige Wochen später ließen Spekulationen der türkischen Presse die Christen erneut aufhorchen: Fethullah Gülen, laut Präsident Erdogan Rädelsführer des Putschversuchs im Juli 2016, sei möglicherweise ein geheimer Kardinal der katholischen Kirche, wurde da gemutmaßt. Beide Begebenheiten sind nur Einzelfälle – und werfen doch die Frage auf, ob sich die ohnehin angespannt Lage der Christen in der Türkei weiter verschlechtert hat.

Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt

Auch Experten sind in Sorge. "Der Druck auf die christliche Minderheit ist groß", weiß Otmar Oehring, bei der Konrad-Adenauer-Stiftung für den internationalen Religionsdialog zuständig. Er hat selbst lange in der Türkei gelebt und reist noch immer regelmäßig in das Land. Besonders für die einheimischen Christen sei die Situation schwierig: "Sie leiden unter einer gefühlten und auch faktischen Benachteiligung." Das beginne in Schule und Studium und setze sich später in der Arbeitswelt fort: "Türkische Arbeitgeber wollen sich vor den Schwierigkeiten schützen, die ihnen christliche Angestellte im Verhältnis mit dem Staat bringen könnten und stellen sie daher gar nicht erst ein", ist seine Erfahrung. Sogar manche ausländische Unternehmen beschäftigten in der Türkei aus diesem Grund lieber keine Christen.

Die Istanbul Erkek Lisesi, deren 35 deutsche Lehrer von der Bundesrepublik entsandt und aus Steuermitteln bezahlt werden.
 dpa

Dabei sei es zu Beginn der Regierung Erdogan im Jahr 2003 für die Christen zunächst sogar leicht aufwärts gegangen: "Damals hatte die Türkei eine realistische Hoffnung auf Beitrittsverhandlungen mit der EU. Im Zuge der dafür begonnenen Reformen wurden auch die Bedingungen für die Religionsgemeinschaften besser", sagt Oehring. Doch als klar wurde, dass die Europäische Union diese Hoffnungen nicht erfüllen würde, habe sich auch in der Türkei "der Schalter umgelegt". Reformen wurden gestoppt, der Weg in die Islamisierung eingeschlagen, so Oehring.

So müssen die Christen weiter mit Problemen kämpfen. Was die Glaubensausübung angeht, haben die Christen zwar das Recht, Gottesdienste zu feiern – praktisch werden ihnen dabei jedoch immer wieder Schwierigkeiten gemacht, erklärt Oehring. So sei seit der Republikgründung keine Kirche mehr in der Türkei gebaut worden – auch wenn das formal nicht verboten ist. Vor über zehn Jahren habe beispielsweise die syrisch-orthodoxe Gemeinde in Istanbul einen Kirchenneubau beschlossen und dafür auch die Genehmigung bekommen. "Das Gebäude wurde aber nie gebaut, weil die Behörden bei der Umsetzung immer neue Einwände hatten", sagt Oehring. Christen, die nicht in den wenigen Gebieten mit gut funktionierenden Gemeinden lebten, hätten ohnehin keine Möglichkeit, Gottesdienst zu feiern. Auch Hauskirchen seien nicht gern gesehen.  

Höchstens 20.000 Katholiken

Die Repressalien sind umso erstaunlicher, als die Christen nur eine sehr kleine Minderheit innerhalb der türkischen Gesellschaft bilden. Wie viele es genau sind, ist statistisch nicht erhoben. Der Jesuit Jean-Marc Balhan, der selbst in der Hauptstadt Ankara lebt, geht in einem aktuellen Aufsatz für das Ordensmagazin "Georg" von 100.000 bis 150.000 Gläubigen aus. Das sind 0,15 Prozent der Bevölkerung. Nach den Schätzungen Otmar Oehrings könnten es insgesamt bis zu 100.000 Christen sein.

Sie bilden die Vielfalt der Kirche ab: Die größte Gruppe bilden die orthodoxen Armenier, aber auch die syrisch-katholischen und die syrisch-orthodoxen Christen sind vertreten, genauso wie die Anhänger des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, das durch Besuche von Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus besondere Aufmerksamkeit erlebte. Die Zahl der römischen Katholiken schätzen die Experten auf rund 20.000. In der Türkei gibt es nur eine einzige römisch-katholische Diözese, das Erzbistum Izmir. Hinzu kommen noch die apostolischen Vikariate in Anatolien und der Metropole Istanbul, wo die größte Gruppe von Christen in der Türkei lebt. Rund 130 Personen seien es, die die gesamte Struktur der katholischen Kirche in der Türkei trügen, schätzt Ordensmann Balhan.

Nach seinen Schilderungen ist das Leben als Christ in der Türkei spannend und schwierig zugleich. In seinem Aufsatz beschreibt er es als "alltägliche Quelle des Erstaunens, aber auch des Überdrusses". Sprachliche und kulturelle Barrieren zu den Türken seien oft schwer zu überwinden. Balhan sieht die Türkei als Resonanzkörper von "kulturell, religiös, geografisch und politisch verschiedenen Realitäten". Die Ordensleute befänden sich in einem ständigen interreligiösen Dialog mit Muslimen. Diese kämen in die Kirchen um eine Kerze anzuzünden, eine Erleichterung für die eigenen Sorgen zu erbitten und nähmen teilweise sogar an christlichen Feiern teil.

Linktipp: "Die Türkei hat eine Grenze überschritten"

Der Vorsitzende des Stephanuskreises der Unions-Bundestagsfraktion, der Kölner Abgeordnete Heribert Hirte, spricht im Interview mit katholisch.de über den Weihnachtsstreit in der Türkei und die Folgen.

Zum Artikel

Der Putschversuch im Juli habe bisher noch keine konkreten Konsequenzen für die Christen, meint Otmar Oehring. Doch die Gerüchte um einen „geheimen Kardinal“ Gülen überraschen ihn nicht. "Von Seite der Türkei tritt immer mehr die Frage in den Vordergrund, wie sie Dialogbemühungen Johannes Pauls II. mit der Gülen-Bewegung im Nachhinein bewertet werden sollen". Ein Treffen zwischen dem Papst und Gülen 1998 belaste die Beziehungen seit dem Putschversuch zusehends – schließlich sieht Präsident Erdogan Gülen und seine Anhänger spätestens seitdem als Staatsfeinde an.

Kein interreligiöser Dialog mehr möglich?

Da nun viele Anhänger der Gülen-Bewegung, die sich traditionell für den interreligiösen Dialog einsetzen, im Gefängnis sitzen, sei im türkischen "Präsidium für religiöse Angelegenheiten" – einer Art Religionsministerium - die Stelle vakant, die für den interreligiösen Dialog zuständig sei. Für ein so großes Land wie die Türkei durchaus bemerkenswert, findet Oehring.

Von Gabriele Höfling

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017