"Der Strom reißt nicht ab"

Auch fast zwei Jahre nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien reißen die schlechten Nachrichten aus dem Land nicht ab. Zwischen allen Fronten: die Zivilbevölkerung, von denen immer mehr in die Nachbarländer fliehen. Der Nothilfe-Koordinator von Malteser International, Thomas Molitor, schildert im Interview die Situation der Flüchtlinge in der Türkei.

Syrien-Konflikt | Bonn - 27.01.2013

Auch fast zwei Jahre nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien reißen die schlechten Nachrichten aus dem Land nicht ab. Zwischen allen Fronten: die Zivilbevölkerung, von denen immer mehr in die Nachbarländer fliehen. Der Nothilfe-Koordinator von Malteser International, Thomas Molitor, schildert im Interview die Situation der Flüchtlinge in der Türkei.

Frage: Herr Molitor, wie ist die Lage in Syrien und den Nachbarländern im Moment? In den Medien ist ja nicht mehr viel zu hören...

Molitor: Das ist traurig genug, denn die Situation ist nach wie vor sehr schwierig. Ich bin in Hatay, einer Provinz im Südwesten der Türkei, die direkt an Syrien grenzt. Dort war ich bei der Verteilung von Winterkleidung durch unsere türkische Partnerorganisation dabei. Die Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge leben, machen einen schlicht betroffen. Trotzdem sind viele Menschen nach wie vor auf der Flucht. Unweit von hier wird auch gekämpft, wir konnten die Bombenexplosionen hören.

Frage: Wo landen die Syrer, denen die Flucht aus der Heimat gelingt?

Molitor: Die Menschen, die über die Grenze in die Türkei kommen, werden in Flüchtlingslagern der Regierung untergebracht, das läuft wirklich alles sehr professionell ab. Aber die Kapazitäten reichen nicht aus. So hat zum Beispiel ein Dorf hier in der Nähe mit 3.000 Einwohnern die gleiche Zahl an Flüchtlingen aufgenommen. Und der Strom reißt nicht ab. Viele kommen auch bei Familie oder Bekannten unter. Die Regierung und die Hilfsorganisationen tun ihr Bestes, es braucht aber noch viel mehr Hilfe.

Frage: Ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht?

Molitor: Im Gegenteil. Erst vergangene Woche wurde im Norden Syriens ein Dorf nur knapp 20 Kilometer von der türkischen Grenze von der syrischen Armee bombardiert, der Marktplatz wurde getroffen, 20 Menschen kamen ums Leben. Aber auch im Landesinneren nehmen die Kämpfe eher zu als ab, was wiederum die Flüchtlingszahlen in die Höhe treibt. Das bestätigen übrigens auch die offiziellen Zahlen der UN.

Frage: Hat die internationale Staatengemeinschaft ihre Versprechen zu helfen gehalten?

Molitor: Das ist schwierig zu beantworten. Grundsätzlich sind Mittel zur Hilfe da, diese reichen jedoch bei Weitem nicht aus. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen kann laut jüngsten Angaben 2,5 Millionen Menschen innerhalb Syriens erreichen, versorgt aber mangels finanzieller Ausstattung nur 1,5 Millionen Menschen. Darüber hinaus ist es in erster Linie auch eine Frage des Zugangs der Hilfsorganisationen zu den Menschen in Not. Malteser International ist hier der Einhaltung der humanitären Prinzipien der Menschlichkeit, Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit gegenüber verpflichtet.

Frage: Die Gruppen, die in Syrien um die Macht kämpfen, lassen sich für den auswärtigen Beobachter nur schwer auseinanderhalten. Was für eine politische Stimmung herrscht unter den Geflohenen?

Molitor: Die Menschen, die ich getroffen habe, sind ganz einfache Leute, die in erster Linie versuchen ihre Existenz und die ihrer Familien zu sichern. Politik spielt für sie keine Rolle - sie wollen nur in Frieden leben.

Frage: Wie soll es mit den Flüchtlingen weitergehen?

Molitor: Niemandem ist daran gelegen, dass das Leben in Lagern oder bei Freunden und Verwandten zu einem Dauerzustand wird. Aber solange die Kämpfe andauern, können die Menschen nicht zurück.

Das Interview führte Barbara Mayrhofer (KNA)

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