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"Dialogisch und demütig"

Mitte März wird auf der Vollversammlung in Münster der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Auch Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode ist dabei. Im Interview mit katholisch.de spricht er über die Voraussetzungen, die der neue Vorsitzende mitbringen muss, über verlorenes Vertrauen der Kirche und über die Chancen, es zurückzugewinnen. Dabei spielt auch der Papst eine Rolle.

Kirche | Osnabrück - 18.02.2014

Mitte März wird auf der Vollversammlung in Münster der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Auch Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode ist dabei. Im Interview mit katholisch.de spricht er über die Voraussetzungen, die der neue Vorsitzende mitbringen muss, über verlorenes Vertrauen der Kirche und über die Chancen, es zurückzugewinnen. Dabei spielt auch der Papst eine Rolle.

Frage: Herr Bischof, in wenigen Wochen wählen Sie und Ihre Mitbrüder bei der Vollversammlung in Münster einen neuen Vorsitzenden für die Deutschen Bischofskonferenz. Welche Eigenschaften muss der Nachfolger von Erzbischof Robert Zollitsch mitbringen?

Bode: Der Vorsitzende der Bischofskonferenz muss ein guter Moderator sein und Brücken bauen nach innen und nach außen. Er sollte die verschiedenen Strömungen der Kirche in Deutschland in aufbauendem Dialog halten und die Einmütigkeit (nicht Einheitlichkeit) fördern. Und das in guter Zusammenarbeit mit seinem Stellvertreter und den Kommissionsvorsitzenden. Er sollte die bewährte Arbeit seiner Vorgänger positiv weiterentwickeln.

Frage: Die vergangenen Jahre waren für die Kirche in Deutschland überschattet von zahlreichen Problemen und Skandalen. Welche Baustellen sind aus Ihrer Sicht die drängendsten? Was muss zeitnah angegangen werden?

Bode: Der große Vertrauensverlust, der gerade in 2010 und 2013 aus verschiedenen Gründen entstanden ist, muss durch Glaubwürdigkeit gewandelt werden in neues Vertrauen. Viel ist da schon geschehen. Zeitnah liegen die Studie zu den Missbrauchsfällen und eine größere Transparenz beim Umgang mit dem Besitz der Kirche an. Die wichtigste "Baustelle" aber ist und bleibt die überzeugende Weitergabe des Glaubens ins Heute und Morgen, dialogisch und demütig. Dabei darf es nicht nur um ethischen und moralische Fragen gehen – so wichtig sie sind –, sondern besonders um die Überzeugung, dass Jesus Christus, der Mensch gewordene Gott, die Antwort auf unsere Lebensfragen gibt.

Frage: Sie sitzen in der Steuerungsgruppe für den Dialogprozess. Wie erklären Sie den Gläubigen beispielsweise, dass ihr Kirchengebäude geschlossen wird, obwohl die Medien in letzter Zeit häufig vom "Reichtum" der Kirche berichten?

Bode: Wenn das Inhalt des Dialogprozesses wäre, griffe er zu kurz. Er muss sich um die eben genannten "Baustellen" drehen. Die Schließung einer Kirche hat meistens wenig mit dem "Reichtum" der Kirche zu tun, sondern vielmehr mit dem erstorbenen kirchlichen Leben um diese Kirche herum. Natürlich darf die Schließung eines Gotteshauses nur die "ultima ratio" sein, aber es gibt wohl größere Nöte, als auf Biegen und Brechen eine Kirche zu erhalten. Wo ein sakraler Raum für Gebet und Gottesdienst gut genutzt und von lebendigem Glauben getragen wird, droht ihm zumeist auch keine Schließung.

Papst Franziskus kniet auf dem Petersplatz
Papst Franziskus betet mit 100.000 Gläubigen auf dem Petersplatz für Frieden in Syrien.  dpa / picture alliance

Frage: Die sinkenden Zahlen der Kirchgänger sind kaum aufzuhalten und ein großes Problem. Liegt es nur an der fehlenden Gläubigkeit der Menschen oder gibt es andere Ursachen? Wenn ja, welche sind das?

Bode: Die sinkenden Zahlen der Kirchgänger und derer, die die Sakramente empfangen, haben sehr unterschiedliche Gründe. Sie reichen von demographischen über biographische bis zu existenziellen. Es ist ein Zug unserer Zeit, sich weniger auf institutionalisierte Gemeinschaften einzulassen. Das erleben viele andere Großgruppen wie Parteien, Gewerkschaften und Vereine auch. Die Sinnangebote sind heute sehr zahlreich, und die Religiosität ist in der Postmoderne wesentlich diffuser geworden. Manche sagen, der Glaube verdunstet. Da müssen wir mehr neue Orte der Kondensation schaffen, an denen sich Menschen mit ihrer religiösen Suche festmachen können. Ich denke an Klöster, Bildungshäuser, Schulen, kleine christliche Gemeinschaften, Wege über Kunst und Kultur und vieles mehr.

Frage: In diesen Tagen sorgen die Ergebnisse der vom Vatikan initiierten Umfrage zu Ehe und Familie für Furore. Aus den Ergebnissen geht klar hervor, dass es eine enorme Kluft zwischen der kirchlichen Lehre und der Lebenswirklichkeit der Gläubigen gibt. Was muss die Konsequenz hieraus sein?

Bode: Die Konsequenz muss sein, diese Kluft zu überbrücken durch echte Wertekommunikation. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen dieselben Werte suchen und leben wollen, wie unser Glaube sie enthält: Verlässlichkeit, Treue, Echtheit, Authentizität, Hingabe, Familie, Einsatz für andere, Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, gelingendes Leben in der gemeinsamen Suche nach dem Größeren und Anderen. Im Dialog über diese Werte können die Wege der Verwirklichung dann verschiedener und mehrstufiger sein, als wir es bisher sehen und praktizieren.

Frage: Wie kann die Kirche es schaffen, künftig auch in der breiteren Öffentlichkeit wieder positiver wahrgenommen und gehört zu werden?

Bode: Durch Zeichen des Vertrauens, der Glaubwürdigkeit und der Barmherzigkeit. Die Menschen reagieren sehr positiv auf Personen, die aus tief verwurzelten Prinzipien leben – Prinzipien, die sie selbst oft suchen – und sich zugleich anderen voller Offenheit und Güte zuwenden. Papst Franziskus ist dafür ein gutes Beispiel. Offensichtlich sind es nicht so sehr die lauten Aktionen, die weiterführen, sondern weit mehr überzeugte und überzeugende Persönlichkeiten, in denen Menschsein, Christsein und Verantwortlich-in-Kirche-Sein eins sind.

Frage: Papst Franziskus könnte der Kirche in Deutschland hierbei ein Vorbild sein; dem Kirchenoberhaupt fliegen weiter die Sympathien zu. Warum aber hat man das Gefühl, dass kein deutscher Bischof ihm auf seinem Weg wirklich folgt?

Bode: Ja, Papst Franziskus ist uns ein großes Vorbild, gerade durch sein Verhalten und seine große Programmschrift "Evangelii Gaudium". Wer meint, dass kein deutscher Bischof ihm darin folgt, hat ein sehr einseitiges Bild von den Bischöfen und verkürzt die Glaubwürdigkeit des Papstes auf äußere Dinge. Wie viele Bischöfe und Verantwortungsträger und -trägerinnen freuen sich und sind erleichtert über den Stil des Papstes, weil sie sich in ihrem bisherigen Bemühen um eine Kirche im Heute und für Morgen auf neue Weise unterstützt sehen. Vielleicht werden Gegenbeispiele zu gerne in die Öffentlichkeit getragen. Franziskus wirkt unter uns mehr, als viele es wahrnehmen.

Das Interview führte Björn Odendahl

Zur Person

Franz-Josef Bode ist Bischof von Osnabrück und Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Der 63-Jährige wurde am 1. September 1991 im Dom zu Paderborn zum Bischof geweiht und war bis zu seinem Wechsel nach Osnabrück 1995 als Bischofsvikar für die Priesterfortbildung im Erzbistum zuständig.

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