Seelsorge

Die Ängste und Sorgen im Blick

So funktioniert die Militärseelsorge

Nürnberg - 17.11.2014

Gewalt, Angst, Verwundung, Zweifel, Tod. Themen, die in breiten Teilen der Gesellschaft oft verdrängt werden, sind für Militärseelsorger Teil des Alltags. Sie stehen nicht selten im Mittelpunkt ihres Berufes. Besonders deutlich wurde dies erneut am vergangenen Wochenende in Potsdam, als dort im Beisein von Bundespräsident Joachim Gauck und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen der neue Ehrenhain der Bundeswehr eingeweiht wurde.

Hier wird fortan jenen Soldaten gedacht, die in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr seit 1993 bei Unfällen, Gefechten oder durch andere Umstände ihr Leben verloren haben. Mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr, insbesondere mit Beginn des Einsatzes in Afghanistan im Jahr 2001, haben sich auch die Aufgaben der Militärseelsorger grundsätzlich gewandelt. Sie sind zu Begleitern in der Not der Einsätze, aber auch der Familien zuhause geworden. Katholische Militärpfarrer sind derzeit in Afghanistan, in der Türkei und in Mali eingesetzt. Ein weiterer begleitet den Marine-Verband beim UNIFIL-Einsatz, die UNO-Beobachtermission im Libanon. In Prizren, Kosovo, ist ein Pastoralreferent als Militärseelsorger im Einsatz.

Immer wieder sind die Militärseelsorger gefragt, wenn es darum geht, Soldaten in Gesprächen Halt zu geben. Gründe dafür gibt es viele: Das Umgehen mit der eigenen Angst, das Erleben von Tod und Verwundung, emotionale Entbehrungen und psychische Belastungen.  Michael Kniess

Immer wieder spielen in den Gesprächen auch mögliche Gefahren wie Verwundung, Tod, Traumatisierung oder die Auseinandersetzung mit dem aktiven Schusswaffengebrauch eine Rolle. Die Angst davor beschäftigt insbesondere die Familien der Soldaten. Mit jenen existenziellen Ängsten im Kontext von Auslandseinsätzen sowie mit den Ängsten von Kindern befasst sich Peter Wendl im Rahmen eines Forschungsprojekts. Als Projektleiter am Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt untersucht der Theologe in Kooperation mit dem katholischen Militärbischofsamt die Lebenssituationen von Soldatenfamilien und -paaren.

Belastung für die Partnerschaft - "Dein Einsatz ist auch mein Einsatz"

"Für jede Partnerschaft und Familie ist ein Auslandseinsatz und die damit verbundene meist monatelange Trennung eine große Herausforderung“, sagt er. Mit der Angst sind die Seelsorger doppelt konfrontiert. "Dein Einsatz ist auch mein Einsatz" – diesen Satz hört Wendl in seinen Seminaren von den zuhause gebliebenen Partnern oft. Die Militärseelsorge bildet hier eine wichtige Schnittstelle für den Soldaten und dessen Umfeld. Der Soldat hat in ihm einen Ansprechpartner. Einer, der um die Gefährdungslage weiß. Einer, dem er vorbehaltlos von seinen Ängsten und Nöten erzählen kann. Einer, vor dem immer wieder auch die Sinnfrage gestellt wird.

"Was machen wir da eigentlich?" Es sind persönliche Fragen und Schicksale, die an die Militärseelsorger herangetragen werden. "Diese Spannung wird kaum irgendwo so dicht widergespiegelt wie in der Militärseelsorge", sagt Wendl. Die Anlaufstation ist dann selten als erstes der Psychologe oder der Vorgesetzte, sondern der Seelsorger, auch bei denjenigen, die bekenntnislos und ohne religiösen Hintergrund sind. Denn anders als bei Truppenpsychologen oder den Militärseelsorgern anderer Nationen, stehen die Geistlichen der Bundeswehr außerhalb der militärischen Hierarchie. Sie müssen gegenüber niemandem Rechenschaft ablegen, haben absolute Schweigepflicht, unterliegen nicht zuletzt – wie jeder Priester – dem Beichtgeheimnis und müssen keinen Dienstweg über den nächsthöheren Vorgesetzten einhalten.

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Bischof Overbeck spricht über die Militärseelsorge und die besondere Herausforderung, Soldatinnen und Soldaten bei ihrem Dienst zu begleiten. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, sie dort zu besuchen, wo sie tätig sind.  Katholische Fernseharbeit

Der Einsatz ist eine Belastungsprobe für familiäre Kontakte und freundschaftliche Beziehungen, aber auch für die eigene Seele der Soldaten. Fehlende Privatsphäre, die Enttäuschung, den Geburtstag des eigenen Kindes wieder einmal nicht zuhause zu erleben, Heimweh, Mobbing, Probleme mit dem Vorgesetzten. Seelsorgerische Gespräche im engeren Sinn, in denen es um konkrete Fragen des Glaubens geht, sind es nicht in erster Linie, weswegen die Soldaten den Kontakt zu den katholischen Militärseelsorgern suchen. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Sonderstellung sind diese vielmehr äußerst gefragte Ansprechpartner, wenn es um die Anliegen, Ängste und allgemeinen Sorgen der Soldaten geht.

Das Thema "Fernbeziehung" spielt eine große Rolle

Und dann sind da noch Partner, Freunde und Familie zuhause. Auch für sie ist die Militärseelsorge eine Anlaufstelle. "Eine große Herausforderung ist trotz aller physischer und psychischer Bedrohung das Thema Fernbeziehung", erklärt Wendl. "Wer denkt, dass er nach dem viermonatigen Einsatz in der Partnerschaft einfach so weitermachen kann wie vorher, wird zunächst oft große Belastungen in der Beziehung erleben." Die Rückkehr ist immer auch ein Neuanfang in der Familie, nie nur ein Wiedersehen. Hinzu kommen möglicherweise belastende Erlebnisse, die verarbeitet werden müssen.

In diesen Situationen sind ebenfalls die Militärseelsorger gefragt. Und auch im soldatischen Alltag dominiert das Thema. Ist der Einsatz vorüber, bleibt die Beziehung ebenfalls oft eine, die nur an den Wochenenden stattfindet. Viele Soldaten wohnen nicht am Dienstort, sehen ihre Partner und Kinder nur an den Wochenenden. Dass in diesem Bereich die Militärseelsorge eingebunden ist, hat auch etwas damit zu tun, dass die Bundeswehr selbst das Thema der Vor- und Nachbereitung der Einsätze für Paare und Familien bisher eher nachlässig behandelt, wie von vielen Seiten kritisiert wird. Für die Militärseelsorger, die derzeit in 83 Militärpfarrämtern ihren Dienst tun, eine Aufgabe mehr.

Zahlen

Derzeit sind 75 Militärseelsorger - 57 Militärpfarrer und 18 Pastoralreferenten - tätig. Zurzeit gibt es 85 Dienststellen. Katholische Militärpfarrämter gibt es auch in Fort Bliss (USA), in Neapel (Italien) und in Shape (Belgien). Bis zum Jahresende wird es noch 82 Militärpfarrämter geben, die in den nächsten drei Jahren auf 75 reduziert werden sollen.

Denn die Militärseelsorge fungiert, einem Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Militärbischofsämtern beider Konfessionen folgend, auch als ethische Vermittlungsinstanz. Im Rahmen des Lebenskundlichen Unterrichts (LKU) bieten die Militärseelsorger verschiedenste ethische und berufsspezifische Themen, die sich am Leben und Dienst der Soldaten orientieren, in Unterrichtsform dar. Das Spektrum dieses Unterrichts, zu dem jeder Soldat für zwei Stunden im Monat verpflichtet ist, reicht von der Frage nach dem Sinn des Einsatzes über die Auseinandersetzung mit Menschen anderer Kultur und Religion bis hin zum verantwortungsvollen Verhalten und Entscheiden in Kampfhandlungen.

Für sich selbst Antworten auf schwierige Fragen finden

"Soldaten wie Seelsorger haben gleichermaßen eine verringerte Motivation, sich über Allgemeinplätze auszutauschen", sagt Wendl. Diese Zuspitzung spiegelt sich auch bei den Seelsorgern wider. Diese müssen einerseits diese Sinnfindung begleiten, gleichzeitig aber zunächst für sich selbst Antworten auf diese schwierigen Fragen finden, um anderen Hilfestellung geben zu können. Und sie können selbst in Situationen kommen, die nur schwer zu verarbeiten sind.

"Die Militärseelsorge ist in jedem Fall eine intensive Verdichtung dessen, was an Pastoral und Seelsorge von Priestern, Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten in den heimischen Diözesen gefordert wird", so Wendl. "Jeder Bischof müsste froh um jeden Militärseelsorger aus seinem Bistum sein und dessen gewonnene Kompetenzen nach der Zeit bei der Bundeswehr entsprechend einsetzen. Denn dieser hat über Jahre intensiv und auf einzigartige Weise gelebt, was seelsorgerliche Begleitung von Menschen in Trauer, Angst, Freude und Hoffnung bedeutet." Bis zu zwölf Jahre werden die Militärpfarrer und Pastoralreferenten von ihren Heimatdiözesen und Ordensgemeinschaften für ihren Dienst bei der Bundeswehr freigestellt.

Ein Dienst, der nicht darauf abzielt, zu rechtfertigen, warum die Soldaten töten, sondern sie mit ihrem Gewissen nicht alleinzulassen und in den schwierigsten Momenten, die es für sie zu bewältigen gilt, im wahrsten Sinn des Wortes Seel-Sorger zu sein. Dann nämlich, wenn Soldaten Dinge erleben, die man in der breiten Gesellschaft gerne verdrängt: Gewalt, Angst, Verwundung, Zweifel, Tod, aber eben auch die Alltagsherausforderungen für Partnerschaft und Familie. Dinge, mit denen sich ein Großteil der Bevölkerung nicht auseinandersetzen will. Die Soldaten müssen es und auch ihre Seelsorger.

Von Michael Kniess

Information

Die religiöse Betreuung der katholischen Soldaten (etwa 30 Prozent) ist in einer eigenen Organisationsform geregelt. Die universal gültige Apostolische Konstitution "Spirituali Militum Curae" von Papst Johannes Paul II. von 1986 regelt auf der ganzen Welt die Ordnung der katholischen Militärseelsorge. Die verantwortliche kirchliche Leitung der katholischen Militärseelsorge obliegt dem durch den Heiligen Stuhl im Einvernehmen mit dem Staat ernannten katholischen Militärbischof. Die zentrale Dienststelle ist das Katholische Militärbischofsamt am Sitz der Bundesregierung in Berlin. Sie ist eine, dem Bundesministerium der Verteidigung unmittelbar nachgeordnete, Bundesoberbehörde und nimmt unter Leitung eines Militärgeneralvikars alle mit der Militärseelsorge zusammenhängenden staatlichen Verwaltungsaufgaben wahr.

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