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Die Christin

Das Medienecho war erstaunlich verhalten - dabei ist die Wahl von Vera Baboun eigentlich eine kleine Sensation: Die Christin ist die erste Frau im Bereich der Palästinensischen Autonomiebehörde, die an der Spitze einer Stadtverwaltung steht. Die Herausforderungen an die neu gewählte Bürgermeisterin von Bethlehem sind enorm.

Naher Osten | Bethlehem - 22.11.2012

Das Medienecho war erstaunlich verhalten - dabei ist die Wahl von Vera Baboun eigentlich eine kleine Sensation: Die Christin ist die erste Frau im Bereich der Palästinensischen Autonomiebehörde, die an der Spitze einer Stadtverwaltung steht. Die Herausforderungen an die neu gewählte Bürgermeisterin von Bethlehem sind enorm.

Zusätzlich zu den hohen Erwartungen der Bethlehemer an ihre neue Chefin übernimmt Baboun ihr Amt in einer Zeit höchster politischer Anspannung. Der Vorstoß der Palästinenser für einen ständigen Beobachterposten bei den Vereinten Nationen belastet die ohnehin angespannten Beziehungen zu Israel. Vor allem aber bedroht der aktuelle Gaza-Konflikt den gerade für Bethlehem lebenswichtigen Wirtschaftsfaktor Tourismus - kurz vor Weihnachten.

Es ist geschäftig in dem kleinen Büro mit Blick auf die Geburtskirche. Vera Baboun beantwortet Fragen ihrer Mitarbeiter, steht geduldig am Telefon Rede und Antwort. Einen weiblichen Touch hat der Raum mit seinen dunklen, schweren Möbeln nicht, sieht man von dem großen Blumenstrauß ab - wohl ein Präsent zum Amtsantritt. Auch die Visitenkarten sind noch nicht fertig. Erst vor wenigen Tagen wurde ihre Wahl vom Stadtrat offiziell bestätigt.

Infrastruktur und Tourismus auf der Agenda

Zwei Hauptanliegen hat sich die energische Palästinenserin mit den markanten grünen Augen auf die Fahnen geschrieben: Die Infrastruktur der Stadt, die Dienstleistungen und Institutionen für die knapp 25.000 Bürger sollen verbessert werden. Und der Tourismus soll gestärkt werden - ein Programm, das allen Bethlehemern zugutekäme, Christen wie Muslimen.

Energisch ist die Reaktion der politisch bisher unerfahrenen Bürgermeisterin auf die Frage nach den Schwierigkeiten der Christen im Heiligen Land: "Ich mag diese Frage nicht. Sie vermittelt das Gefühl, wir Christen seien schwach: Wir sind vielleicht klein an der Zahl, aber wir sind hier, und wir sind präsent!"

Die Geburtskirche in Betlehem steht über der vermuteten Geburtsstätte Jesu Christi. Sie gehört zu den wichtigsten Gebäuden in der 25.000-Einwohner-Stadt.
Die Geburtskirche in Betlehem steht über der vermuteten Geburtsstätte Jesu Christi. Sie gehört zu den wichtigsten Gebäuden in der 25.000-Einwohner-Stadt.
 KNA

Spätestens bei den wiederkehrenden Grundfragen der Region ist klar, wo Babouns Herz schlägt: "Wir sind Christen und Palästinenser, Palästinenser und Christen! Ein unabhängiges Palästina heißt auch: unabhängige Christen." Viel zu lange habe "das 'Wenn' unser Handeln bestimmt".

Stilles Ausharren, macht die politische Newcomerin klar, ist nicht ihr Stil: "Was jetzt zählt, ist nur noch unser Wille. Wenn wir beständig Angst haben vor dem 'Wenn', wird sich nie etwas ändern."

Und sie wird noch deutlicher: "Wir verlieren durch die israelische Besatzung unser Land, und aus demografischer Sicht herrscht großer Druck." Die Palästinenser brauchten den unabhängigen Staat, nicht zuletzt wegen der Jugend. Sie sollten einst die Führer dieses Landes hervorbringen, sagt Baboun - doch "dafür müssen wir ihnen etwas zum Führen geben".

Handwerkszeug und Führungskraft, sagt sie, bringe sie aus ihren früheren Positionen mit. Die Mutter von fünf Kindern und Literaturdozentin stand an der Spitze einer katholischen Schule im benachbarten Beit Sahour und leitete das Bethlehemer "Führungs- und Trainingscenter für Kinder and Familien", eine Hilfsorganisation für Menschen mit psychischen Problemen.

Eine "weibliche Sicht" will die Genderforscherin in die Bethlehemer Politiklandschaft einbringen: "Wir Frauen haben einen anderen Stil, eine andere Technik." Frauen einzubeziehen, heißt für sie auch, die Beteiligung der Bürger auf beide Geschlechter auszuweiten.

Damit hat Baboun das Herz ihrer Mitarbeiter und der Frauen von Bethlehem schon erobert. Bethlehems PR-Beauftragte Carmen Ghattas meint: "Die Menschen schauen auf sie als den Wandel, sie sagen: Wir haben viele Männer erlebt - lasst es uns mit einer Frau probieren." Und auch wenn es ein "harter Job in einer Welt vieler ungebildeter Männer" sei - ihre neue Chefin überzeugt mit Ehrgeiz und Idealen. Ein Ehrgeiz, der womöglich anspornt. Die 23-jährige muslimische Studentin Reem jedenfalls meint bewundernd über die neue Frau an der Spitze ihrer Stadt: "Das will ich auch mal schaffen."

Von Andrea Krogmann

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