"Die Kirche darf nicht in Depression verfallen"

Für Misereor will der Freiburger Erzbischof Stephan Burger Anwalt von Armen weltweit sein. Umweltschutz beginnt für ihn aber zu Hause. Im Interview äußert er sich auch zu Priestermangel und sinkenden Christenzahlen.

Erzbistum Freiburg | Freiburg - 13.07.2017

Frage: Herr Erzbischof, seit drei Jahren stehen Sie nun an der Spitze von Deutschlands zweitgrößtem Erzbistum. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Burger: Ich hätte nicht damit gerechnet, dass man als Erzbischof so viele Termine hat. Mein Kalender für 2018 ist längst voll, der für 2019 ist schon gut gefüllt, und der für 2020 beginnt auch schon vollzulaufen. Da muss man zwangsläufig Prioritäten setzen.

Das Freiburger Münster, die Kathedrale des Erzbistums Freiburg.
 JFL Photography/Fotolia.com

Frage: In der Bischofskonferenz sind Sie unter anderem für das weltweite Hilfswerk Misereor zuständig. In dieser Eigenschaft bereisen sie auch mitunter Entwicklungsländer. Hat das Ihre Sicht von der Welt verändert?

Burger: Eigentlich bin ich von Natur aus kein Weltreisender. Aber als Misereor-Bischof habe ich im Dezember 2015 im Amazonasgebiet Menschen besucht, die von einem großen Staudammprojekt betroffen sind, die ihre Heimat verlieren, weil große Konzerne ihre Gewinninteressen durchsetzen wollen. Zu sehen, was es bedeutet, wenn Tausende ihre Dörfer verlassen müssen und ihre Rechte nicht verteidigen können - das hat mich schon getroffen. Mir ist klar geworden: So kann man nicht mit Menschen umgehen. Es kann nicht angehen, dass der Profit von Konzernen die Menschenwürde außer Kraft setzt.

Frage: Dann muss aber ein Hilfswerk wie Misereor sich nicht nur für die Entwicklung engagieren, sondern auch ein Anwalt der Entrechteten sein...

Burger: So könnte man das sagen. An der Stelle wird das Evangelium dann unmittelbar politisch! Was heißt es denn anderes, wenn ich sage, dass jeder und jede Einzelne ein Geschöpf Gottes ist? Da greift dann der Satz aus dem Matthäus-Evangelium: Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan.

Frage: Zum Einsatz von Misereor gehört auch das Thema Bewahrung der Schöpfung. Aber das ist ja nicht nur ein globales Thema, es kann auch vor Ort konkretisiert werden. Was bedeutet das für Sie im Erzbistum Freiburg?

Burger: In Freiburg haben wir da schon länger eine Vorreiterrolle, und das ist auch mir als Erzbischof ein Anliegen. Neuestes Projekt ist die Umstellung eines Drittels unserer Fahrzeugflotte auf Elektroantrieb. Ein anderer Bereich ist der Faire Handel. Wir wollen bis in die Pfarreien konsequent darauf achten, dass Lebensmittel aus ökologisch nachhaltiger Produktion genutzt werden.

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Alpha & Omega: "Weltbessermacher": Das Hilfswerk MISEREOR und sein Bischof Stephan Burger stellen sich vor.
 Volker Farrenkopf

Frage: Das Erzbistum gilt auch im Bereich der Ökumene als sehr rührig. Können Sie im Reformationsgedenkjahr 2017 auch lokale Fortschritte verzeichnen?

Burger: Das Verhältnis zur Badischen Landeskirche ist sehr gut, und wir wollen das weiter vertiefen. Am 31. Oktober planen wir in Karlsruhe einen gemeinsamen Tauf-Gedenkgottesdienst. Und an diesem Tag wollen wir eine Rahmenvereinbarung unterzeichnen. Damit geben wir dem zwischen uns gewachsenen Miteinander einen verbindlichen Rahmen und verpflichten uns, dieses Miteinander auch weiterhin zu fördern und zu entwickeln.

Frage: Auch in Freiburg schwindet die Zahl der Gläubigen, die der Priester sogar noch schneller. Wie muss die Kirche darauf reagieren?

Burger: Vor allem, indem sie nicht in Depression verfällt und davon träumt, wie schön und gut angeblich früher zu Zeiten der Volkskirche alles war! Wir müssen uns der heutigen Zeit stellen mit den Möglichkeiten, die wir heute haben. Wenn wir das Evangelium verkünden, dürfen wir uns nicht selbst die Freude am Glauben nehmen. Nur wenn wir selbst brennen, können wir auch in anderen Feuer entfachen. Wir haben von Christus den Auftrag, zu taufen, zu lehren, zu verkünden. Wie viele wir erreichen und wie sich Kirche in der geschichtlichen Situation ausgestaltet, das ist zweitrangig.

Frage: Bevor Sie Bischof wurden, waren Sie Kirchenrichter, insbesondere im Bereich Eherecht. Unter Papst Franziskus scheint das Kirchenrecht in seiner Anwendung, aber auch in seiner Substanz, in Bewegung zu geraten. Kritiker sprechen von einer Aufweichung. Wie sehen Sie das?

Burger: Dem würde ich widersprechen! Kirchenrecht hat sich schon immer gewandelt. Denken Sie an das kirchliche Gesetzbuch von 1917, dann das von 1983 und jetzt die jüngsten Gesetzesänderungen durch Papst Franziskus im Eheprozessrecht. Da ist Leben drin - auch wenn Außenstehende das oft nicht sehen. Grundsätzlich sind Kirche und Staat in dieser Beziehung ähnlich. Wenn sich die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für die Gesetze ändern, muss auch der Gesetzgeber reagieren. Das gilt für den Bundestag genauso wie für den Papst.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)

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