Die Kirche in der Geisterstadt

Das Schicksal des Immerather Doms hat gezeigt: Kohleförderung kann für Kirchen verhängnisvoll sein. Doch in den USA steht eine, der weder der Bergbau noch ein unlöschbares Feuer etwas anhaben konnten.

USA | Bonn/Centralia - 05.02.2018

Einst war Centralia eine florierende Bergbaustadt. Doch vor 55 Jahren änderte sich für den Ort im US-Bundesstaat Pennsylvania alles: Unter Tage brach ein Feuer aus, das sich unter dem gesamten Stadtgebiet ausbreitete – und bis zum heutigen Tag brennt. Die Gegend um Centralia wurde praktisch unbewohnbar, sodass fast sämtliche Einwohner spätestens in den 1980er Jahren weggezogen waren. Auch die Mitglieder der Ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde verließen ihre Heimatstadt. Doch ihre Kirche wollten sie nicht aufgeben. Bis heute finden dort – inmitten einer Geisterstadt – Gottesdienste statt.

Wie es zu dem Unglück kam

Wie es zu dem verheerenden Unglück in Centralia kam, kann heute nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden. Fest steht, dass am 27. Mai 1962 ein Feuer in der unterirdischen Mine ausbrach und sich auf die Steinkohleflöze unterhalb der Stadt ausweitete. Nach einer Theorie soll die städtische Mülldeponie, die sich in einem ausgehöhlten Tagebau befand, bewusst angezündet worden sein. Das Feuer sei dann auf die Kohleflöze übergesprungen. Nach einer anderen Erklärung ist es zu einer Selbstentzündung gekommen – nicht ungewöhnlich, wenn Kohle mit Sauerstoff in Kontakt kommt und durch Oxidation Hitze entsteht.

Ab den 1960er Jahren unternahmen Bundesbehörden zahlreiche Versuche, das Feuer zu ersticken. Bis heute wurden für diese Löschversuche etwa 70 Millionen US-Dollar ausgegeben, allerdings konnte kein langfristiger Erfolg erzielt werden. Experten gehen davon aus, dass das Feuer weitere 100 oder sogar 200 Jahre brennen könnte. In den 1980er Jahren verschwand Centralia von der Landkarte. Der US-Kongress hatte 1983 Mittel in Höhe von 42 Millionen Dollar bewilligt, um die verbliebenen Menschen umzusiedeln. Von den zeitweise über 2.000 Einwohnern des Bergbaustädtchens leben heute noch sechs mit Sondergenehmigung in Centralia. Die meisten Häuser fielen dem Kohlebrand zum Opfer oder wurden abgerissen. Satellitenbilder zeigen das verbliebene Netz von Geisterstraßen – und am Stadtrand ein weißes Kirchengebäude mit blauen Kuppeln: die Kirche Mariä Aufnahme in den Himmel.

Eine Straße in Centralia: Der Asphalt ist durch das unterirdische Feuer aufgerissen, Rauch steigt aus den Spalten auf.
 JohnDS/Gemeinfrei

Die 1911 erbaute Kirche ist eines von insgesamt fünf Gotteshäusern, die einst in Centralia standen. Wie die Wohnhäuser verschwanden die Kirchengebäude nacheinander, und 1986 sollte nach einem Regierungsbeschluss auch die ukrainische Kirche abgerissen werden. Da intervenierte der damalige Erzbischof und Metropolit der Erzeparchie Philadelphia, Stephen Sulyk, und ordnete eine Bodenuntersuchung unter der Kirche an. Dabei fand man solides Gestein, welches das Gotteshaus langfristig vor dem Kohlenbrand schützen würde. Die Abrisspläne wurden verworfen. "Das ist so biblisch: 'Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen'", sagte der Pastor der ukrainischen Gemeinde, Michael Hutsko, kürzlich in einem Bericht von "BBC News".

Dass die Kirche in Centralia am Leben bleibt, ist auch den 50 Gemeindemitgliedern zu verdanken, die regelmäßig treu zum Gottesdienst kommen, obwohl sie alle seit langem in benachbarten Städten wohnen. Einer von ihnen ist John Mayernick Sr. "Alle aus meiner Familie wurden hier getauft, sind hier zur Erstkommunion gegangen", sagte er der BBC. "Das war unsere Kirche." Er hätte sich nach seinem Umzug zwar für andere Kirchen im Umland entscheiden können, doch das lehnt er ab. "So lange es weitergeht, komme ich."

Zur Pilgerstätte erklärt

Im November 2015 stattete das Kirchenoberhaupt, der Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, Centralia einen Besuch ab. Die Kirche und ihre Geschichte faszinierten ihn, sodass er das Gotteshaus kurzerhand zur Pilgerstätte erklärte. Eine erste Wallfahrt fand im August 2016 statt, bei der mehrere Hundert Besucher aus den gesamten Vereinigten Staaten in Centralia zusammenkamen. Pilgerreisen werden seitdem jährlich organisiert.

"Wir haben die Stadt verloren, aber nicht die Kirche", so Pastor Hutsko, der seit 2010 der Centralia-Gemeinde vorsteht. Er ist überzeugt, dass das Gotteshaus "länger überleben wird als ich am Leben sein werde". Denn die Kirche sei 1986 aus einem ganz bestimmten Grund gerettet worden. Wenn er zurückblicke, sehe er die Hand Gottes am Werk. Hutsko: "Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, dass hier noch etwas wirklich Spektakuläres passieren wird."

Von Tobias Glenz

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