Die Leiblichkeit des Menschen

"Die Leiblichkeit des Menschen und seine seelisch-geistige Ausrichtung sind nicht voneinander zu trennen", sagte Kardinal Gerhard Müller im Hinblick auf die sogenannte "Gender-Theorie". Am Rande eines interreligiösen Treffens sprach der Präfekt der Glaubenskongregation außerdem über feministische Theologie und plädierte für familienfreundlichere Verhältnisse in der Arbeitswelt.

Ehe und Familie | Vatikanstadt - 18.11.2014

"Die Leiblichkeit des Menschen und seine seelisch-geistige Ausrichtung sind nicht voneinander zu trennen", sagte Kardinal Gerhard Müller am Montag im Hinblick auf die sogenannte "Gender-Theorie". In einem Interview mit Radio Vatikan sprach der Präfekt der Glaubenskongregation am Rande eines interreligiösen Treffens außerdem über feministische Theologie, die Heilsgeschichte und plädierte für familienfreundlichere Verhältnisse in der Arbeitswelt.

Das dreitägige Treffen im Vatikan unter dem Titel "Die Komplementarität von Mann und Frau" führt nach Angaben der Glaubenskongregation Vertreter von 14 Religionsgemeinschaften und beinahe allen christlichen Konfessionen zusammen. Ziel sei es, sich über Glaubensgrenzen hinweg über Wahrheiten auszutauschen, die in den meisten Kulturen Gültigkeit besäßen. Dazu zähle auch die Partnerschaft zwischen Mann und Frau im Rahmen der traditionellen Ehe.

Als solide Grundlage des interreligiösen Austausches über die Geschlechter sieht der Kardinal die Ehe und Familie, basierend auf Mann und Frau. Ein Konsens hier könne auch den katholischen Glauben stärken. "Wir wissen ja, dass das Ehesakrament in unserem katholischen Glauben aufbaut auf der natürlichen Ordnung der Schöpfung", so Müller. Insofern sei es natürlich sehr wichtig, dass diese Grundüberzeugung auch von den anderen Weltreligionen geteilt werde. Es gehöre zum Wesen des Menschen, von Gott als Mann und Frau geschaffen zu sein. Und dass sich die individuelle Persönlichkeit von Mann und Frau aus der Liebe zueinander entwickelt.

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Die Kirche hat ein sehr hohes und positives Bild von der Ehe, da die Partner in ihrer Ehe die Beziehung darstellen, die Christus zu seiner Kirche hat.
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Eine Frucht dieser Liebe seien Kinder, erläuterte der Kardinal. Elternschaft sei aber mitnichten nur biologisch zu verstehen. "Als Person soll der Mensch wachsen und gedeihen. Und das ist nur möglich durch die Liebe der Eltern, des eigenen Vaters und der eigenen Mutter." Der ganze Prozess der Erziehung und der Bildung könne nur gelingen, wenn er von "dem vorbehaltlosen Ja-Wort, das Gott zu jedem von uns sagt", getragen werde. Keine staatliche oder internationale Organisation könne das Kindeswohl gewährleisten, sie könnten nur "subsidiär tätig sein".

Papst beklagt "Kultur des Provisorischen"

Papst Franziskus hatte am Montag bei der Eröffnung des Kolloquiums ebenfalls davor gewarnt, die Familie dürfe nicht zum Spielball von Ideologien werden. Familien, die auf der Verbindung von Vater und Mutter beruhten, seien eine anthropologische Tatsache, Keimzelle der Gesellschaft und der Kultur. Als Gefahr für die Gesellschaft bewertete Franziskus, dass immer mehr junge Menschen die Ehe ablehnten. Er beklagte eine "Kultur des Provisorischen" und einer "Revolution der Sitten und der Moral". Eine vermeintlich größere Freiheit in neuen Beziehungsformen führe in Wirklichkeit zu geistiger und materieller Zerstörung. Vor allem Kinder litten unter der Krise der traditionellen Familie, sagte der Papst.

In Bezug auf die "Gender-Theorie" verweist Müller in dem Interview auf einen Vortrag der US-Philosophin Schwester Prudence Allen. Dieser habe deutlich gezeigt, dass man die Leiblichkeit des Menschen, seine Sexualität im biologischen Sinne und die innere seelische Verfassung und geistige Ausrichtung nicht voneinander trennen könne. "Und deshalb ist es auch sehr wichtig, dass jeder Mensch von Anfang an lernt, sich mit dem Vater oder der Mutter zu identifizieren und somit zugleich sein eigenes Geschlecht anzunehmen."

Zum Thema Männer und Frauen innerhalb der Kirche verwies der deutsche Kardinal auf die Heilsgeschichte, auf Maria, die "Ja" gesagt habe zum "großen Projekt Gottes". Und auch Jesus selbst sei kein abstrakter Mensch, sondern "ein konkreter, einzelner, individueller Mann" gewesen. Das Verständnis der Kirche sei wesentlich weiblich geprägt. "Jesus ist der Bräutigam, die Kirche ist die Braut", erklärt Müller. Die vielen weiblichen Heiligen mit ihrer ganz spezifischen Spiritualität und die vielen namentlich nicht bekannten Frauen in der Kirchengeschichte, die vielen Mütter, Ordensschwestern, Jungfrauen spielten "doch eine große Rolle für unser Gesamtverständnis von dem, was Kirche ist".

Müller: Zurecht auf veränderte Rolle der Frau hingewiesen

Durch die feministische Theologie und Frauenbewegung sei natürlich zu Recht darauf hingewiesen worden, dass sich durch die industrielle Revolution und die soziologische Ordnung unserer Arbeitsverhältnisse die klassische Rolle der Geschlechter geändert habe, sagt der Kardinal. Allerdings warnte er – wie zuvor bereits Franziskus selbst – vor einer "Vermännlichung" weiblicher Kompetenzen. So wichtig es sei, die gleiche Würde und Gleichberechtigung der Frau zu betonen, dürfe man das Ganze dennoch nicht "unter einer männlichen Schablone sehen" und sagen: "Die Gleichberechtigung wird erreicht, wenn sie so werden, wie die Männer sind."

Zu dem "großen Thema" Ehe und Familie, das von Franziskus angestoßen worden sei, gehöre auch ein Nachdenken über die jetzigen gesellschaftlichen Bedingungen, insbesondere in der Arbeitswelt, so Müller. Familiäres Leben müsse "real" möglich sein. "Hier hat unsere Soziallehre viel zu sagen. Es muss viel entwickelt werden, zum Teil müssen wir auch prophetisch und auch kritisch den Politikern und Wirtschaftlern zur Seite stehen." Arbeitsverhältnisse müssten so gestaltet werden, dass ein Familienleben auch möglich ist. "Als Bischof von Regensburg habe ich Betriebe besucht", sagt er. Da sei es beispielsweise möglich gewesen, einen Betriebskindergarten einzurichten, so dass die Eltern erreichbar und die Kinder in Sichtweite gewesen seien.

Von Björn Odendahl

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