Die Sprache wird unwichtig

Die einen sind der Sprache noch nicht mächtig, die anderen beginnen, sie zu vergessen: Bei einem Projekt in Hamburg sind Flüchtlingskinder auf Demenzkranke getroffen. Sie haben gemeinsam gespielt, gesungen, gegessen - und voneinander gelernt.

Gesellschaft | Hamburg - 03.08.2015

Flüchtlingskinder sollen mit Demenzkranken essen, spielen und singen? Klingt verrückt, funktioniert aber. In der vergangenen Woche haben sich in Hamburg Flüchtlingskinder aus aller Welt erstmals mit Menschen, die "demenziell verändert" sind - manche mehr, manche weniger - getroffen. Und was die Initiatoren vom Verein "eben im Leben" gehofft haben, tritt ein: Am Ende haben alle ein Strahlen im Gesicht, ein Mädchen will noch länger bleiben, eine alte Dame summt zufrieden vor sich hin.

Die Treffen sollen beiden Seiten nutzen, sagt Nicole Kuchenbecker vom Verein "eben im Leben". Die Senioren würden die Begegnung mit den Kindern genießen. Und die Kinder lernen, dass man auch mit Demenz in Würde altern könne. Zum Start des Projekts "Oma all around the world" kamen neun Kinder aus der Wohnunterkunft Jugendpark in Hamburg-Langenhorn in eine Tagespflegeeinrichtung in Barmbek.

"Die ersten Minuten sind immer etwas schwierig", sagt Rosalore alias Susanne Bötel. Sie ist Clownin, genauer: Begegnungs-Clownin, ihre Spezialität sind Begegnungen mit Menschen mit Demenz. "Heute sind doch Alte fast nur noch mit Alten zusammen", sagt sie. "Die Treffen mit Kindern sind für die Alten total beglückend. Für manche sind sie ein Enkelersatz."

Rosalore nimmt die achtjährige Swetlana an die Hand und geht in den Frühstücksraum. Neugierige Blicke erwarten sie, die anderen Kinder zwischen 3 und 13 Jahren folgen zögernd, setzen sich an die Tische. Rosalore, ganz in Rosa und mit roter Clownsnase, versucht das Eis zu brechen.

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Der Alzheimerblog beginnt mit dem Tag, an dem Noga Reuveni ihre erkrankte Mutter von zu Hause abholt. Sie alleine zu lassen, ist nicht mehr möglich. Es folgen Jahre, in denen die Tochter ihre Erfahrungen und Gefühle aufschreibt, kleine Freuden in Worte fasst und sich in Momenten der Hilfslosigkeit Luft verschafft. Im katholisch.de-Interview erzählt sie von dieser Zeit, erklärt, wieso Demenz nicht nur Abbau bedeutet und warum pflegende Angehörige oft unsichtbar sind.

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Swetlana wirkt gelassen. Sie ist seit zwei Jahren mit ihrer Familie in Deutschland, sogar der Opa ist hier - und redet auch schon mal Blödsinn, sagt sie. Der achtjährige Mohammed aus Afghanistan kommt nach den Ferien in die erste Klasse. Darauf freut er sich, aber er vermisst seine Großeltern. Die Situation hier ist ihm zuerst nicht ganz geheuer. Langsam schmilzt in seiner Hand ein Stück Schokolade.

Claudia Unruh und Kuchenbecker haben den Verein vor gut einem Jahr gegründet. Das erste Projekt hieß "Was ist bloß mit Opa los?". Kita-Kinder lernen dabei etwas über Demenz, basteln mit Knete und Pfeifenputzern Modelle von Nervenbahnen im Gehirn. Manche sind eben falsch verbunden. "Dann wird den Kindern vielleicht klar, warum Oma die Wäsche manchmal in den Kühlschrank tut", sagt Unruh. Die Gesundheitsbehörde unterstützt das Projekt.

Am Ende des Vormittags sind alle zufrieden

In einem Zimmer spielen jetzt Alina und ihr Bruder mit Katharina "Mensch ärgere dich nicht!". Im Musikraum nähert sich die Party ihrem Höhepunkt, die Betreuerin spielt Gitarre und singt, die Kinder summen mit und rasseln im Takt, die Alten lachen, singen. Die weißhaarige Barbara hat eine Enkelin in den USA, also weit weg. Sie strahlt: "Ich liebe die Kinder." Selbst reserviert wirkende Herren wippen kaum merklich mit dem Fuß im Takt. Die Sprache ist unwichtig geworden.

Am Ende des Vormittags sind alle Beteiligten zufrieden. "Wir hoffen, dass jetzt viele Einrichtungen für Flüchtlinge und für Pflege die Idee aufgreifen", sagt Kuchenbecker. Vor dem Musikzimmer stehen zwei ausländische Mütter. "Sie weinen vor Rührung", sagt Unruh, "denn sie haben jetzt das Gefühl, angenommen zu werden, hier willkommen zu sein".

Kinder wie Alina und ihr Bruder Ajredin sagen, dass es ihnen Spaß gemacht hat. Rosalore hat ihre rote Nase abgelegt und resümiert: Es gebe viele Vorurteile gegen Menschen mit Demenz und gegen Flüchtlinge. "Hier werden die abgebaut." Und auch die Leiterin der Tagespflege, Sybille Klevenow, ist begeistert. "Die Kinder zaubern unseren Gästen ein Lächeln ins Gesicht."

Von Matthias Benirschke (dpa)

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