Die Täter fühlten sich sicher

In Paraguay sind mehrere des Missbrauchs verdächtigte argentinische Priester untergetaucht und haben dort unbehelligt weitergearbeitet. Das brachten Medienberichte ans Licht. Erst jetzt hat die Kirche reagiert.

Lateinamerika | Asuncion - 02.05.2016

Carlos Ibanez (58) muss sich ziemlich sicher gefühlt haben. So sicher, dass er beim Besuch von Papst Franziskus in Paraguay am 12. Juli 2015 in der ersten Reihe jenes Platzes stand, der für katholische Priester reserviert war. Ein beeindruckter Ibanez verfolgte dabei genau, wie sein Landsmann nur wenige Meter an ihm vorbeischritt. Das zeigen TV-Bilder des Gottesdienstes in Nu Guasu, die die Tageszeitung "La Nacion" vor wenigen Tagen veröffentlichte.

Seitdem ist die Kirche in Paraguay schockiert und muss einen unappetitlichen Missbrauchsskandal aufklären. Gegen Carlos Ibanez wurde bereits in dessen Heimatland Argentinien wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs ermittelt. Das hinderte den flüchtigen Priester allerdings nicht daran, im Nachbarland weiter seiner kirchlichen Tätigkeit nachzugehen.

"Netzwerk des Schweigens"

Insgesamt, so schreibt es "La Nacion", seien fünf argentinische Priester in Paraguay untergetaucht, die von der Justiz Argentiniens wegen Missbrauchsvorwürfen gesucht würden. Das Blatt vermutet dahinter ein "Netzwerk des Schweigens". Dieses habe das Untertauchen der Geistlichen erst möglich gemacht.

Papst Franziskus besuchte im Juli 2015 Paraguays Hauptstadt Asuncion, hier Slumbewohner eines Armenviertels.
 picture alliance/AP Photo

Ibanez ist der prominenteste Fall. Er soll zu Beginn der 90er Jahre in der argentinischen Kleinstadt Bell Ville mindestens zehn Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben und wurde deswegen von der zuständigen Diözese suspendiert. Entsprechende Berichte bestätigte ein damaliger Richter, der inzwischen pensioniert ist. Nach der Suspendierung verschwand Ibanez zumindest in Argentinien von der Bildfläche.

Falsche Titel mehrerer Unis

Zwar wurde er auch in Paraguay mit internationalem Haftbefehl gesucht, doch es gelang ihm offensichtlich, sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen. Wie sicher sich Ibanez fühlen konnte, wird auch durch die Tatsache deutlich, dass er sich mit falschen akademischen Titeln von Universitäten aus Argentinien und Paraguay schmückte.

In beiden Ländern ist das Medienecho nach Bekanntwerden des Falles enorm. Die Kirche in Paraguay ging nach den Berichten von "La Nacion" in die Offensive. Der Erzbischof der Hauptstadtdiözese, Edmundo Valenzuela, bat inzwischen öffentlich um Entschuldigung für die Affäre und kritisierte die eigene Gutgläubigkeit: "Wir vertrauen in Paraguay zu viel den Menschen, besonders wenn sie von außerhalb kommen."

Stattdessen riet er sich und seinen Landsleuten, aufmerksamer und misstrauischer zu sein. Zugleich versprach Valenzuela, künftig die vom Vatikan vorgegebene Marschroute einzuhalten. Früher seien die Dinge anders gewesen, inzwischen aber hätten die Päpste Franziskus und Benedikt XVI. die Null-Toleranz-Strategie ausgegeben. Daran werde sich die Kirche in Paraguay halten.

Wir vertrauen in Paraguay zu viel den Menschen, besonders wenn sie von außerhalb kommen.

Edmundo Valenzuela, Erzbischof von Asuncion

Ob das reicht, dem Skandal die Wucht zu nehmen, ist fraglich. Der Apostolische Nuntius, Erzbischof Eliseo Antonio Ariotti aus dem italienischen Vailate, soll schon seit Weihnachten von dem Fall gewusst haben. Zudem habe die Kirche versucht, die brisante Veröffentlichung zu verhindern. Ariotti bestreitet diesen Vorwurf vehement.

In den Laienstand versetzt

Der an der Investigativ-Recherche beteiligte Journalist Pablo Noe schrieb unterdessen einen offenen Brief an Papst Franziskus. Er hoffe, dass dem Kirchenoberhaupt die gesamte Geschichte zu Ohren komme und dass die richtigen Maßnahmen ergriffen würden, hieß es darin. Die Kirche in Paraguay hat inzwischen gehandelt: Sie versetzte Ibanez und einen weiteren beschuldigten Priester in den Laienstand.

Linktipp: Missbrauch

Der Missbrauchsskandal erschütterte die katholische Kirche in ihren Grundfesten. Seit 2010 die ersten Fälle bekannt wurden, bemüht sich die Kirche um Aufarbeitung der Geschehnisse. Katholisch.de dokumentiert die wichtigsten Etappen.

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Von Tobias Käufer (KNA)

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