Ehe - wie geht das?

Katholisch.de und "Christ & Welt" haben Theologiestudierende gefragt, was sie sich von der Familiensynode erhoffen. Den Anfang macht Theresia Lipp: Sie möchte die Kirche als Ehe-Autorität akzeptieren, wünscht sich aber mehr konkrete Hilfe.

Familiensynode | Bonn - 10.09.2015

Vieles wurde in den vergangenen Monaten zur bevorstehenden Bischofssynode gesagt und geschrieben - von Journalisten und Theologen, von Bischöfen und organisierten Laien. Kurz vor der Synode möchten katholisch.de und "Christ & Welt" gemeinsam Stimmen zu Wort kommen lassen, die bisher kaum zu hören waren: Wir haben Theologiestudierende gefragt, was sie sich von der Synode erhoffen. Ihre Beiträge werden in den kommenden vier Wochen bei katholisch.de und "Christ & Welt" erscheinen, bei katholisch.de können die Beiträge direkt kommentiert werden (siehe unten). Den Anfang macht heute Theresia Lipp. Sie möchte die Kirche als Ehe-Autorität akzeptieren, wünscht sich aber mehr konkrete Hilfe.

Ich erinnere mich noch gut, wie mein Freund und ich einmal auf einen hohen kirchlichen Würdenträger trafen, der während eines Smalltalks erfuhr, dass wir beide Theologie studieren. Nach kurzer Zeit verabschiedete er sich höflich, kehrte dann aber überraschend zurück und fragte gerade heraus: "Sind Sie miteinander befreundet?" Wir bejahten. Daraufhin erwiderte er erstaunt: "Und was wollen Sie dann mit der Theologie?"

Bis heute ist mir nicht klar, ob der Bischof einen Witz machen wollte oder, was deutlich schlimmer wäre, es ernst damit meinte, dass Laien in der Theologie fehl am Platz seien. Es könnte aber auch schlicht von einer gewissen Sprachlosigkeit zeugen, dass er zu einem Paar, das den Glauben in den Mittelpunkt seines Lebens rückt, nichts Substantielles zu sagen hatte.

Schöne Worte, die Familien aber wenig helfen

Dabei loben kirchliche Dokumente die Familie buchstäblich in den Himmel. Das Zweite Vatikanische Konzil nennt die Ehe ein "gegenseitiges Sichschenken" und die Familie eine "Art Schule reich entfalteter Humanität". Das klingt schön, hilft aber Gläubigen wenig im konkreten Familienleben.

Kann mir die Kirche ganz praktisch dabei helfen, dass meine Ehe gelingt? Ich kann nicht glauben, dass sie zu diesem Thema nichts anzubieten hat außer schöner Worte. Schaut man auf ihre Anfänge zurück, hat Jesus zwar zweifelsohne einzelne Menschen dazu aufgerufen, radikal alles hinter sich zu lassen, auch die Familie. Die besitzlosen Wanderprediger wären aber ziemlich aufgeschmissen gewesen, hätten sie unterwegs nicht bei ebenso berufenen Familien Schutz und Heimat gefunden.

Der Pfarrer traut das Brautpaar.
Die seelsorgerliche Begleitung von Paaren endet gerade nicht mit der Trauung, sondern fängt danach erst so richtig an.
 KNA

Von Anfang an gehörten Familien als "Basislager" der Gemeinde dazu und daran hat sich eigentlich nichts geändert, wenn man sich die Zusammensetzung heutiger Pfarreien ansieht. Auch dort engagieren sich Familien ganz besonders. Allein deswegen ist es notwendig, dass die Kirche sie in den Blick nimmt. Irgendwie ist aber die Selbstverständlichkeit abhandengekommen, mit der in der einen wie der anderen Lebensform gelebte Jesusnachfolge gesehen wird.

Besonders deutlich wird das bei der unterschiedlichen Behandlung von Priestern und Ehepaaren. Ein junger Mann, der Priester werden möchte, wird bei seiner Entscheidungsfindung umfangreich begleitet. Er erhält eine jahrelange Ausbildung und wächst im Priesterseminar langsam in seine zukünftige Lebensform hinein. Ein junges Paar dagegen führt vor der kirchlichen Hochzeit in der Regel ein einmaliges Traugespräch mit dem Pfarrer, mit der Liedauswahl halten sich Paar und Priester oft länger auf als mit der Frage, wie ihre Ehe gelingen kann.

Voreheliches Zusammenleben ist nicht vorgesehen

Voreheliches Zusammenleben, "ad experimentum" heißt das offiziell, analog zur Vorbereitungszeit im Seminar ist von der Kirche nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Das gilt noch immer als irreguläre Lebenssituation. Offenbar traut die Kirche Paaren nicht mehr zu, auch in sexueller Hinsicht ihrer Lehre treu zu bleiben. Wer den Tisch teilt, teilt auch das Bett, so die Vermutung. Von einer Verlobungspastoral, die diese vergleichbar zur Diakonenweihe als besondere Station auf dem Weg zur späteren Lebensform begleitet, kann ebenso nicht die Rede sein.

Themenseite: Familiensynode

Vom 4. bis 25. Oktober 2015 trifft die XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode unter dem Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" in Rom zusammen. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zur Synode.

Zur Themenseite

Will ein junger Mann herausfinden, ob er berufen ist, erhält er selbstverständlich geistliche Begleitung. Will ein junges Paar einen Seelsorger finden, der dabei hilft, das gemeinsame Leben in der Nachfolge Jesu zu führen, müssen die beiden mit irritierten Blicken rechnen: "Wie kommen Sie denn auf so eine Idee?", heißt es dann.

Nach solchen Erfahrungen frage ich mich, wie ernst die Kirche es überhaupt damit meint, wenn sie von einer Berufung zur Ehe spricht. Warum dann diese Unterschiede in der Berufungspraxis im Vergleich zu Priestern?

In wenigen Wochen beginnt die Familiensynode. Wahrscheinlich gehöre ich zu den wenigen jungen Katholikinnen, die davon tatsächlich so etwas wie eine praxistaugliche Ermutigung zur Ehe erhoffen. Ein Richtungswechsel wäre möglich: Dabei darf es weniger darum gehen, weitere blumig-theologische Ausdrücke für "Familie" hinzuzufügen, sondern vielmehr, einzelnen Familien zu vermitteln, dass sie bereits "Kirche im Kleinen" sind - und was das bedeutet.

Bischöfe lesen bei der Familiensynode in einem Heft.
Trotz des sperrigen Namens: das "Instrumentum laboris", das Arbeitsdokument für die Bischofssynode, stimmt Autorin Theresia Lipp zuversichtlich.
 picture alliance / ROPI

Einerseits ist es nämlich ungeheuer entlastend, Gott und seine unendliche Liebe als "Dritten im Bunde" zu haben, wenn die eigene Liebe nicht (mehr) ausreicht. In einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft glauben Katholiken, dass eine gute Ehe gerade nicht aus eigener Kraft gelingen kann. Andererseits bringt das Familienbild der Kirche auch den Anspruch mit sich, genau wie ein Priester das eigene Leben mit Blick auf Jesu Vorbild zu führen. Ein Pfarrer bekommt aber klare Hilfen, wie das gelingen kann, etwa durch feste Elemente im Alltag wie das Stundengebet. Welche vergleichbaren Formen gibt es für Familien? Ich sehe noch nicht, wie ich später mit der einen Hand das Gebetbuch und mit der anderen mein Kind halte. Dennoch würde ich ungern mein geistliches Leben ganz für die Familie opfern. Überhaupt stellt sich die Frage, wie eine "christliche Familie" unter den Bedingungen der Optimierungsgesellschaft gelingen kann. Ein auf Anerkennung zielender Aktionismus nach außen, der zur Vernachlässigung der eigenen Familie führt, kann jedenfalls keine Lösung sein.

Die Synode muss die "Zeichen der Zeit" wahrnehmen

Aber auch ganz säkulare Probleme muss die Synode als "Zeichen der Zeit" wahrnehmen. Wie die Mehrheit der Frauen in Deutschland weiß auch ich zum Beispiel nicht, wie ich später Beruf und Familie vereinbaren soll. Müsste die Kirche nicht in Politik und Wirtschaft deutlicher ihre Stimme erheben, wenn dort noch immer familienfeindliche Systeme vorherrschen? Müsste sie nicht Frauen ermutigen, ihre Kinder nicht nach den Anforderungen des Arbeitsplatzes zu planen ("Social Freezing"), sondern dafür einzustehen, Arbeitsplätze familienfreundlicher zu gestalten? Nicht nur katholische Eltern wollen ihr Kind in der Regel gar nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit in die Kita abgeben, sondern Arbeitsplätze, die ihnen ermöglichen, zu diesen Zeiten selbst für ihre Familie da zu sein.

In dem Jahr zwischen den beiden Synoden ist die umfassende öffentliche Diskussion des Themas Familie bislang ausgeblieben. Stattdessen ziehen es die unterschiedlichen Lager der Kirche medial wie privat vor, darüber zu streiten, ob wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten zugelassen werden dürfen oder nicht. Das ist bestimmt eine wichtige Frage im Kontext der Ehe, aber eben nicht die einzige.

Die Autorin

Theresia Lipp (*1992) studiert Katholische Theologie und Romanistik in München. Derzeit absolviert sie ein Auslandssemester in Paris.

Zuversichtlich stimmt mich - trotz des sperrigen Namens - das "Instrumentum laboris", das Arbeitsdokument für die kommende Bischofsversammlung. Darin werden Familienmitglieder ermutigt, gemeinsam in der Bibel zu lesen und dabei ihre Erfahrungen auszutauschen, zu beten und in der Gemeinde von ihrem Glauben Zeugnis abzulegen. Was auf den ersten Blick wenig revolutionär klingt, ist für den Alltag sehr wichtig. Gerade mangelndes Glaubenswissen wird häufig als Grund für die Krise des Ehesakraments angegeben. Gott kommt zu kurz, wenn die Kirche bei der Hochzeit nur als romantische Location dient. Vielfach müssten Seelsorger den Paaren erst einmal beibringen, wie man betet und die Botschaft der Bibel auf das eigene, konkrete Leben bezieht. Dann aber kann der Glaube für sie auch zur Kraftquelle werden, indem er etwa dazu ermutigt, den anderen selbst im Streit mit den liebenden Augen Gottes anzusehen.

Darüber hinaus fordert das Dokument eine umfassende seelsorgerliche Begleitung von Paaren. Die endet gerade nicht mit der Trauung, sondern fängt danach erst so richtig an. Das schließt für mich ein, Menschen zu unterstützen, die daran zu zerbrechen drohen, Beruf und Familie gleichzeitig gerecht zu werden.

Familien müssen selbst ein Glaubenszeugnis geben

Besonders wichtig ist die Aufforderung an Familien, selbst ein Glaubenszeugnis zu geben. Wie in fast jeder Gemeinde haben mich zwar Mütter auf Kommunion und Firmung vorbereitetet, darüber hinaus gibt es aber kaum kirchliche Strukturen, durch die sie und ihre Ehemänner als Glaubenszeugen auftreten könnten. Im Alltag dagegen leben sie das Evangelium häufig auf beeindruckende Weise. Ich denke zum Beispiel an eine Familie in meiner Pfarrei, die einen minderjährigen Flüchtling bei sich aufgenommen hat.

Vielleicht liegt gerade darin der Schlüssel, das Vorbild ist wirkungsvoller als die theologische Poesie. Ich würde mich freuen, eine Familie zu finden, die das authentisch umsetzt, was die Kirche mit so schönen Worten beschreibt. Dafür muss sie zuallererst glaubhaft machen, dass Ehe eine echte Berufung zur Nachfolge Jesu ist und nicht nur zweite Wahl im Vergleich zum Zölibat.

Von Theresia Lipp

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