Der Sterbebildsammler

Die meisten Menschen gehen nicht gerne zu Beerdigungen. Anton Holzmüller schon – oft sogar uneingeladen. Und wenn möglich, nimmt er noch ein Souvenir mit. Ein Ortsbesuch beim Sterbebildsammler.

Brauchtum | Augsburg - 29.11.2017

Manche Menschen sind alltäglich mit dem Tod konfrontiert: Notärzte, wenn der Einsatz schlecht läuft, Bestatter, wenn das Geschäft gut läuft, Mesner, wenn die Woche normal läuft. Für Anton Holzmüller sind Todesfälle Normalität. Seit 35 Jahren kümmert sich der freundliche Schwabe darum, dass die Toten in seinem Zuständigkeitsbereich kirchlich korrekt und komplikationsfrei zu Grabe getragen werden. Er ist Mesner – Norddeutsche kennen seinen Beruf als Küster – der Augsburger Ulrichsbasilika. Auch heute bereitet er dort zwei Messfeiern für Verstorbene vor. Ein Requiem am Morgen und ein Gedenkgottesdienst am Nachmittag. Zum morgendlichen Totenamt sind etwa 30 Gläubige im Chorraum versammelt, darunter einige Gefährten des Verstorbenen aus der Zeit in der Pfarrjugend. Holzmüller kannte den Toten nicht.

Viele Verstorbene, die Holzmüller zu ihrer letzten Ruhestätte geleitet, kannte er nicht persönlich. Und doch waren sie ihm bekannt: Beerdigungen von Prominenten sind sein Hobby. Genau genommen nicht die Begräbnisfeiern an sich, sondern die Andenken, die er von dort mitnimmt. Denn Anton Holzmüller ist Sterbebildsammler. Nicht wie so viele Katholiken, die zwischen den Seiten ihres Gotteslobs die Nachweise jahrelanger Trauerarbeit aufbewahren. Der Mesner hat gar kein eigenes Gesangbuch. Aber er hat einen Keller und darin etliche Regale und darin unzählige Alben und darin 10.000 Totenbilder, die er über die Jahre zusammengetragen hat.

Die Bilder erzählen Lebensgeschichten

"Da hab i a bissl was mitbracht", sagt Holzmüller mit sattem schwäbischem Akzent, als er zum ersten Album greift. Der Sammler hat auf dem großen Sakristeitisch eine Führung durch seine Sammlung vorbereitet. Nach der Frühmesse präsentiert er unzählige Bilder, Anekdoten und Emotionen. Das erste der zweckentfremdeten Fotoalben enthält Andenken an gefallene Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. "Die sind teilweise faszinierend gemacht!", freut sich Holzmüller. Auf den Zettelchen findet man Eiserne Kreuze neben Fotos von Männern mit Stahlhelmen. Es trauern Eltern um fast noch jugendliche Söhne, die "fern der geliebten Heimat" starben.

Diese Bildchen erzählen ganze Lebensgeschichten. Doch besonders stolz ist Holzmüller auf die anderen Alben, deren Geschichten nur er erzählen kann. Sie handeln von den etwa 200 Beerdigungen, die der 54-Jährige in den vergangenen zwei Jahrzehnten besucht hat.

Anton Holzmüller blättert durch ein Album mit Sterbebildchen für gefallene Soldaten des Zweiten Weltkrieges.
Anton Holzmüller blättert durch ein Album mit Sterbebildchen für gefallene Soldaten des Zweiten Weltkrieges.
 katholisch.de

Die Wiener haben bekanntlich eine Schwäche für "a schöne Leich". Auf Schwäbisch wirkt der Hang zur Ästhetik des Morbiden eher sonderbar. Gerade bei einem Mann, der im Dienst der Kirche steht, dem Tod also doch eigentlich mit großer Würde und Achtsamkeit entgegen treten sollte.

Fast schon schmerzlich vermisst man die pietätvolle Distanz, wenn Holzmüller seine Vorgehensweise offenbart. "Ich zieh mich dunkel an und hab meistens eine Rose dabei. Das haut bis jetzt ganz gut hin." Und wenn es doch nicht reicht, hat der Sammler noch andere Tricks in petto. Manchmal komme er mit Küster-Talar weiter nach vorne, ein andermal mit der Kamera um den Hals als Pressevertreter. Wenn es gar nicht anders geht, bequatscht der Mesner schon mal einen Friedhofswärter.

Totenbild mit Zigarre und Weißbier

Wenn der Mesner solche Episoden erzählt, dutzende Fotos und Sterbebilder zeigt und gleich auch kommentiert, fällt es einem wahrlich nicht als erstes ein. Aber mit der Zeit steigt es dem Zuhörer dann eben doch ins Bewusstsein: Holzmüllers Hobby ist ein empathisches. Das merkt man etwa an seinen Kommentaren. Besonders schönen Beisetzungsfeiern verleiht er das Prädikat "edel". Und wenn der Sarg eines von ihm bewunderten Schauspielers vorüberzieht, "rollt schon manche Träne", gibt er zu. Andererseits hält er mit seiner Meinung auch nicht hinterm Berg, wenn er etwa ein Sterbebild unpassend findet. Das Foto des Gastronomen und Fußballfunktionärs Karl-Heinz Wildmoser mit Zigarre und Weißbier findet Holzmüller fragwürdig, die Ansicht des greisen Hinterhaupts der Schauspiellegende Johannes Heesters in Denkerpose sogar noch mehr. "So ein Sterbebild! Da würd' ich doch lieber gar keins nehmen."

Holzmüller sieht in Jeans und Strickjacke nicht aus wie einer, von dem man solche Geschmacksurteile erwarten würde. Aber man merkt auch, dass es ihm gar nicht so sehr um Ästhetik geht als vielmehr um das Andenken der Verstorbenen. "Oft wird der Tod so weggeschoben", mokiert sich Holzmüller. In seinen Augen unwürdige Beisetzungen bringen ihn in Rage. "Da wird die Oma schnell eingescharrt, ein, zwei Leute dabei, nur dass sie weg ist! Dass ja keiner spannt, dass der Tod im Haus ist, auf Deutsch gesagt." Der sonst eher bedächtige Schwabe poltert aus Erfahrung. Als hauptberuflicher Mesner steht er jede Woche auf dem Friedhof und in der Großstadt Augsburg sei es mittlerweile normal, dass er dabei allein mit dem Pfarrer ist. "Des is scho haudig", beschreibt der Schwabe sein Gefühl. "Das zehrt dann schon an einem." Es ist eben doch nicht unwichtig, wie viele Menschen hinter dem Sarg her laufen, wie groß die Blumenbouquets sind. "Ja, irgendwie schon."

Der Sterbebild-Sammler: Anton Holzmüller

Der Trip zur Beisetzung von Elizabeth Bowes-Lyon – besser bekannt als "Queen Mum" – im Jahr 2002 war bislang seine größte Beerdigungsreise. Obwohl sie keine zwei Tage dauerte. "Ich bin rüber gefahren zur Aufbahrung, dann war der Gottesdienst, danach ist der Leichenzug vorbei gezogen und dann bin ich gleich wieder heimgeflogen." Der eher gemütlich wirkende Holzmüller sagt das mit einer bestechenden Selbstverständlichkeit. Sein Hobby verlangt eben Opfer. Luxus wie Hotelzimmer würden dem Erfolg der Mission nur im Weg stehen. "Essen und Schlafen kann ich auch zu Hause, sag ich immer. Zwei Tage kann man schon überstehen, wenn man zwischendurch in irgendeiner Ecke döst. Wichtig ist der Platz!"

Und der war bei Queen Mum hervorragend. Genauso wie bei der Beerdigung von Königin Juliana der Niederlande im Jahr 2004 in Delft, oder 2011 in Wien bei den Feierlichkeiten zum Tode Otto von Habsburgs. Die Königshäuser haben es ihm angetan. "Ja, lebend und tot. Aber eher tot wie lebend." Holzmüller trägt das Herz auf der Zunge.

In den hohen Sakristeidecken seiner altehrwürdigen Kirche hallt die feste Stimme des Mesners kräftig nach. Bei manchen Worten so sehr, dass man sich beim leicht besorgten Blick zur geöffneten Tür ertappt. Holzmüller spricht gnadenlos indiskret über die eigene Neugierde: "Es ist halt immer eine Show", meint er. Und je größer die ausfällt, desto wohlwollender fällt sein Urteil aus.

Weiß-Blau trauert sich's am schönsten

In der Regel kommt er vor allem bei Beerdigungen von Schauspielern und Künstlern auf seine Kosten, wie sich beim kommentierten Blättern durch seine Alben herausstellt: Bei der Beisetzung von Hans Clarin beeindruckte ihn neben prominenten Gästen der "bombastische Blumenschmuck". Bei Joachim Fuchsberger war "schauspielermäßig einiges geboten", und sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder kam zum Grab des Star-Fotografen Helmut Newton, obwohl man den laut Holzmüller "eigentlich nicht kennt". Bei der Trauerfeier für Regisseur Helmut Dietl fiel dem Besucher die Regieklappe am Sarg als schönes Detail auf, während die Beerdigung des in Bayern weithin bekannten Heimatautors und Monarchisten Georg Lohmeier "natürlich die königlich-bayerischste von allen war" – "kann man sich gar nicht schöner vorstellen." Holzmüller ist verzückt.

Das Sterbebildchen von Johannes "Jopi" Heesters in der Sammlung von Anton Holzmüller.
Das Sterbebildchen von Johannes "Jopi" Heesters in der Sammlung von Anton Holzmüller.
 katholisch.de

Das liegt sicher auch an Holzmüllers Herkunft. Er ist vor den Toren der Stadt Augsburg aufgewachsen, auf dem Dorf, wo man noch Anteil nahm, wenn jemand gestorben ist. Als ältestes von drei Kindern hätte er dort auch den elterlichen Hof übernehmen sollen. Der liegt direkt neben der Dorfkirche, weshalb die Familie dort schon immer auch außerhalb der Messzeiten aktiv war. Dann suchte vor dreieinhalb Jahrzehnten die Pfarrei St. Ulrich und Afra einen neuen Mesner und der 22-jährige Toni ging zum Arbeiten doch in die Stadt. Dorthin mitgenommen hat er die Grundhaltung eines Landkatholiken.

"Ich sag immer: Jeder hat seinen Vogel"

Sterbebildsammler Anton Holzmüller über sein Hobby

Was nicht bedeutet, dass Holzmüller ein verstockter Konservativer wäre. Er fand es zum Beispiel durchaus lustig, als ein verstorbener Karikaturist bei seiner Beisetzung sprichwörtliche Radieschen an die Trauergäste verteilen ließ. Die auch unter Prominenten immer häufiger werdenden freien Beisetzungsfeiern ohne religiösen Bezug lehnt Holzmüller ebenfalls nicht grundsätzlich ab. Vor allem wenn doch noch ein bisschen Gott darin steckt: "Da fasziniert mich, wenn der Redner zum Schluss manchmal doch noch ein Vaterunser betet; damit's nicht ganz zu spät ist."

Man ist sich beinahe sicher, dass die Leidenschaft des Sterbebildsammlers doch irgendwo einen religiösen Kern haben muss. Doch worin liegt der? Holzmüller grübelt und findet selbst keine Antwort. Vielleicht ist es doch nur eine sonderbare Marotte. "Ich sag immer: Jeder hat seinen Vogel."

Aber so ganz zusammenhangslos sind Holzmüllers Glaube und sein Hobby doch nicht. Man muss wissen, wonach man fragt, denn Selbstverständlichkeiten erzählt er von sich aus nicht. Dazu zählt etwa, dass er jetzt, Ende November, wieder 200 Opferkerzchen anzünden wird: für jede Promibeerdigung eine. Zudem bewahrt Holzmüller einen Teil seiner Sterbebildsammlung dauerhaft in der Sakristei auf. An den Innentüren der Wandschränke, die meterlang die Längsseiten des Raumes säumen, hängen die Toten der Pfarrei. Keiner wird vergessen, für jeden wird gebetet. Irgendwann wird einen von dort wohl auch Anton Holzmüller anlächeln. Und wenn er auch sonst keine großen Gedanken an seinen eigenen Tod verschwenden mag, sein Sterbebildchen überlässt er natürlich nicht dem Zufall: "Es steht, darf ich sagen."

Von Kilian Martin

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017