Ein jüdischer Professor trifft junge rechte Straftäter

Im Jugendarrest sollen junge Menschen andere Perspektiven gezeigt bekommen. In Arnstadt gehört dazu das Gespräch mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde, der dann auch Straftäter aus dem rechten Milieu trifft.

Jugend | Arnstadt - 31.12.2017

Stechend blaue Augen blicken in die Gesichter. Sie suchen nach Reaktionen bei den jungen Menschen, die an diesem Freitagmorgen alles andere als freiwillig in dem kleinen Raum in der Arnstädter Jugendarrestanstalt sitzen. Es sind die Augen von Reinhard Schramm, dem Vorsitzenden der knapp 800 Mitglieder zählenden Jüdischen Landesgemeinde Thüringens. Schramm erzählt dem Dutzend junger Arrestanten vom Schicksal der Juden in seinem kleinen Heimatort Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt.

Er erzählt, wie die ohnehin winzige Gemeinde in der NS-Zeit immer kleiner wurde, bis nach und nach nur noch er und seine Mutter übrig blieben. "Aus meiner Familie wurden fast alle ermordet", sagt Schramm an einer Stelle. Einige der jungen Menschen müssen schlucken.

Hoffnung auf Besserung

Etwa einmal im Monat kommt der Professor und Ingenieur für Elektrotechnik Schramm für diese Gespräche mit den Heranwachsenden in die Anstalt. Die Gesprächskreise gehören dort zum Programm, mit dem den jungen Menschen andere Perspektiven aufgezeigt werden sollen.

In Jugendarrest kommen junge Menschen, bei denen Richter noch deutliche Hoffnung auf Besserung haben oder denen sie aufzeigen wollen, wohin die Reise gehen kann. "Schon notorische Schulschwänzer können im Arrest landen", erklärt die sozialpädagogische Leiterin in Arnstadt, Bianca Rudolph. Aber eben auch junge Straftäter. Häufig gehe es um Gewaltdelikte, Diebstahl, Drogen. Aber auch wegen Hakenkreuz-Schmierereien, Nazi-Parolen und anderer politisch motivierter Taten landen junge Menschen hier.

Die guckst du Dir an. Das kann ja nicht das Ende sein.

Reinhard Schramm

Eine solche Tat war für Schramm Anlass, sich überhaupt mit jungen Straftätern auseinander zu setzen. Jugendliche warfen vor knapp 18 Jahren am 20. April zu Hitlers Geburtstag Molotow-Cocktails auf die Erfurter Synagoge. Die Brandsätze verfehlten ihr Ziel. Das antisemitische Bekennerschreiben bewegte Schramm - damals stellvertretender Landesgemeindevorsitzender - zum Handeln. Noch während die Täter in Untersuchungshaft saßen, sagte er sich: "Die guckst du Dir an. Das kann ja nicht das Ende sein."

Durchwachsene Reaktionen

Glaubt man Schramms Einschätzung und auch den Aussagen von einem der jungen Männern damals vor Gericht, haben die Gespräche einen Sinneswandel bei den Tätern ausgelöst. "Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass das geholfen hat", sagt Schramm. Seither ist er sich sicher: "Im jungen Alter kann man noch Einfluss auf die Menschen nehmen." Und so kommt er seit mehr als zehn Jahren in den Jugendarrest und unterstützt die Teams bei der Präventionsarbeit.

Leiter solcher Trainings ist Daniel Speer. Selbst die Arrestanten, die in der rechten Szene verankert seien, würden sich bei Schramms Besuchen benehmen, sagt er. "Sie sagen dann meistens nichts. Vermutlich denken sie sich ihren Teil", meint Speer.

In der Thüringer Jugendarrestanstalt spricht der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm, in Arnstadt (Thüringen) mit Jugendlichen.
Seit Jahren besucht Reinhard Schramm die Jugendlichen, die wegen Straftaten auch mit rechtsradikalen Hintergrund im Jugendarrest sitzen. Etwa 16 junge Erwachsene und Jugendliche sitzen im Jahresdurchschnitt im Arnstädter Jugendarrest. Anders als im Jugendstrafvollzug bleiben Jugendliche und junge Erwachsene höchstens vier Wochen im Arrest.
 Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Die Reaktionen der Arrestanten sind durchwachsen. Manche wirken apathisch. Andere scheinen tatsächlich mitgenommen von den Schicksalen, von denen Schramm berichtet. Einige stellen Fragen. Andere springen auf die Lokalbezüge an: "Den Ort kenne ich! Da wohnt mein Onkel!"

Schramm erzählt nicht nur aus der Vergangenheit. Immer wieder zieht er Parallelen zur Gegenwart, zwischen der Ausgrenzung von Minderheiten heute und früher: "Nationalismus taucht aktuell überall wieder auf." Manche Jugendliche nicken. "Ich muss Angst haben vor solchen Leuten, wenn die wirklich an die Macht kommen", sagt Schramm.

Vielleicht aus falscher Hoffnung

Es sei inzwischen Vieles geschehen, von dem er nicht geglaubt hätte, dass es in Deutschland noch einmal möglich wäre: die AfD, allen voran der "geschichtsvergessene" Björn Höcke und zuletzt sogar brennende Fahnen mit dem Davidstern in Berlin, zählt Schramm auf. Nicht alle Arrestanten verstehen, worum es geht. Der 1944 geborene Professor erklärt und schwenkt dann wieder in die Vergangenheit um.

Er erzählt von seinen Eltern - seine Mutter eine Jüdin, sein Vater ein Christ. Wohl eher als rhetorisches Mittel gedacht, fragt er in die Runde, warum seine Eltern es in solchen Zeiten wagten, ein Kind zu bekommen. Eine junge Frau hebt die Hand und bietet schüchtern an: "Vielleicht aus Hoffnung?" Schramm seufzt. "Vielleicht. Vielleicht aber auch aus falscher Hoffnung."

Von Marie Frech (dpa)

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