Ein Segen für Berlin

Vor zehn Jahren zogen zwei Familien vom Schweizer Jura nach Berlin. Ihre Mission: ein evangelisches Stadtkloster aufbauen. Inzwischen ist es eine spirituelle Oase für gestresste Berliner.

Glaube | Berlin - 26.11.2017

Berlin, Prenzlauer Berg. Lärmend rauschen Autos auf der vierspurigen Schönhauser-Allee Richtung City. Im Hintergrund funkelt die Kugel des Fernsehturms am Berliner Himmel. Unübersehbar ist jedoch auch der Turm des evangelischen Stadtklosters Segen, der wie eine Zündnadel aus den sanierten Gründerzeithäusern in die Höhe ragt. Neugierig durchqueren Gäste an diesem Sonntagabend den grossen Torbogen. Sie kommen zur "AbendBesinnung", einer kurzen Andacht, die hier jeweils zur besten Tatort-Zeit stattfindet. Hier treffen sich Menschen aus dem Kiez, die die Woche bewusst anders ausklingen lassen wollen.

Die meisten der Gäste im grossen Kirchraum kennen die Geschichte der hier wirkenden Kommunität Don Camillo: Vor zehn Jahren brachen zwei Familien mit Sattelschleppern aus dem Schweizer Jura nach Berlin auf. Sie wurden dafür bewundert und zugleich belächelt. Georg Schubert (Bild oben), Projektleiter des evangelischen Stadtklosters Segen, erinnert sich: "Nicht jeder verstand unseren Schritt. Wenn jemand mit über 50 bewusst eine gesicherte Existenz in der Schweiz aufgibt, dann wirft das Fragen auf. Wir aber wollten einen Schritt weiter gehen."

Wie kamen die Schweizer nach Berlin?

Wie kam es zu diesem Neuanfang in Berlin? Die evangelische Gemeinde an der Schönhauser-Allee 161 war um die Jahrtausendwende bereits stark überaltert. Auch das Gebäude zerfiel zusehends. Zu diesem Zeitpunkt war in den Berliner Innenstadtgemeinden noch nichts zu spüren vom Kinderboom und vom Zuwachs junger christlich sozialisierter Familien aus Westdeutschland. Gemeindepfarrer Gisbert Mangliers wollte handeln. Er machte sich auf die Suche nach einer Kommunität, die diesen Ort wiederbeleben sollte. Der Berliner gelangte durch einen Tipp an die evangelische Gemeinschaft "Don Camillo" nahe Neuenburg in der westlichen Schweiz, die gerade mit dem Gedanken spielte, im Ausland einen Ableger zu gründen. "Alles fügte sich auf wunderbare Weise", erinnert er sich. 2007 kaufte die Schweizer Kommunität die Segenskirche. Zwei Familien zogen schliesslich in das imposante Kirchgebäude mit seinen verwinkelten Nebentrakten und schlugen hier ein neues Kapitel auf.

Als die Schweizer ihre Pläne publik machten, schwankte manch einer im Kiez zwischen Neugier und Skepsis. So erging es auch Wolfgang Thierse. Der ehemalige DDR-Bürgerrechter und vormalige Bundestagspräsident wohnt nur einen Steinwurf weg vom Stadtkloster Segen und hat die Entwicklung des Projektes hautnah miterlebt. Der SPD-Politiker und bekennende Katholik über seine erste Reaktion: "Ein Stadtkloster hier in einem Landstrich, der unter Kennern als einer der entchristlichsten in Europa gilt? Und dazu noch ein evangelisches, von dem kaum einer wusste, was das eigentlich ist." Er habe die Schweizer allerdings auch für ihren Mut für ihr Vorhaben bewundert.

Schüler besuchen das evangelische Stadtkloster Segen - inklusive Ausblick auf den Prenzlauer Berg.
 Vera Rüttimann

Zehn Jahre später vergeht allerdings kaum eine Woche, in der nicht neue Gäste im Stadtkloster Segen logieren wollen. Urs Trösch ist der Mann, der sie jeweils durch die verwinkelte Anlage führt. Der Schweizer, der seit einigen Jahren auch Kommunitätsmitglied ist, kennt hier buchstäblich jede Schraube. Er zeigt seinen Gästen an diesem Morgen anhand von Fotos, wie marode das aus dem Jahr 1908 stammende Gebäude noch vor wenigen Jahren ausgesehen hat. Sie staunen und ahnen, dass hier jede Ziegelsteinfuge frisch gemörtelt wurde. Der Mittfünfziger, der für die handwerklichen Arbeiten und die Administration im Kloster verantwortlich ist, führt die Gäste in seine Werkstatt, in der unzählige Baumaterialien liegen. Der Besucher sieht: Noch immer wird hier gebaut. Die Gäste folgen Urs Trösch weiter durch das verwinkelte Haus und gelangen zu den acht Gästezimmern, den Seminarräumen und einem Salon zum Verweilen. Neue Räume, die Gemütlichkeit und Ruhe ausstrahlen.

Auch das geistige Haus musste hier mit Inhalten von Grund auf neu errichtet werden. Bewusst entschloss man sich für den Namen "evangelisches Stadtkloster". Dieser Begriff, so Urs Trösch, sorge bis heute für regen Gesprächsstoff und für so manch irritierten Blick. Der Schweizer zählt dennoch eine ganze Palette an Elementen auf, die für die Kommunität an diesem Ort das klösterliche Leben ausmachen: die Gütergemeinschaft, die von den hier lebenden Familien und Singles getragen wird; die Arbeitseinsätze nach dem Leitmotiv "Ora et Labora", an denen Mitbewohner auf Zeit Arbeiten im Haus verrichten können; die Gastfreundschaft, die hier groß geschrieben wird; die Tageszeitgebeten, zu denen sich alle täglich dreimal in der Kirche treffen. Urs Trösch unterstreicht: "Wir haben von den Benediktinern gelernt, dass es gut tut, immer wieder bewusst mit Gott Zwiesprache zu halten."

Die Kommunität in Berlin wächst

Die Besucher werden nun in die Dachkapelle geführt. Sie sehen Klangschalen und Meditationsbänke auf dem Boden liegen. Hell dringt das Licht durch die Dachluken und zeichnet weisse Streifen auf den Boden. Von Barbara Schubert, die im Stadtkloster für die Inhalte der Kurse verantwortlich zeichnet, erfahren sie, wie breit die Angebotspalette mittlerweile ist: Es gibt Kurse zu Ehe- und Beziehungsfragen, Meditationskurse und eine "AbendBesinnung" jeweils sonntags. Es gibt das "Forum Gott entdecken" sowie im Winter Filmabende und die jährlich stattfindenden "Berlin-Tage" mit Stadtführungen. Seit Herbst 2017 wird ein Kurs angeboten, an dem sich Interessierte zu geistlichen Begleitern ausbilden lassen können. Ruhe finden die Gäste nicht nur in der Kirche, einem architektonischen Kleinod, sondern auch im idyllischen Klostergarten.

Die Kommunität Don Camillo in Berlin wächst. Karsten und Ulrike Albrecht traten in diesem März der Gemeinschaft bei. Beide stehen vor dem grossen Taizé-Kreuz in der Kirche, das an den Besuch von Frère Roger in Ost-Berlin erinnert und erzählen ihre Geschichte. Beide lernten sich einst beim Taizé-Gebet kennen, das bis 2007 in einem Seitenflügel der Segensgemeinde stattfand. Karsten Albrecht sagt: "Es ist etwas Besonderes, dass wir jetzt als Paar an dem Ort wohnen und wirken, wo wir uns einst kennen gelernt haben."

Das Leben in der evangelischen Kommunität, erfahren die Besucher auf der Führung, verlief in den vergangenen zehn Jahren jedoch nicht ohne Brüche. So verließ ein Schweizer Ehepaar das Stadtkloster wieder. Georg Schubert sagt: "Ihr Wegzug bleibt für uns schmerzhaft." Der ehemalige Lehrer erinnert in diesem Kontext an einen Satz einer Ordensfrau, die der Gruppe aus dem Schweizer Jura zu Beginn ihres Projektes das Geleitwort mit auf den Weg gab: Seid hier verlässlich präsent. Georg Schubert betont: "Dieser Satz motiviert uns noch heute, weiterhin standhaft unseren Weg an diesem Ort zu gehen."

Von Vera Rüttimann

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