"Eine Art Heimkehr"

Eigentlich begann alles mit dem Stolperstein, erinnert sich Kim Seligsohn: jene kleine Messingplatte an der Ecke Spenerstraße/Melanchtonstraße im Berliner Stadtteil Moabit. "Marianne Peukert, geb. Seligsohn" ist darauf verzeichnet und das Datum, als die Nazis sie im Konzentrationslager Auschwitz ermordeten: 11.01.1943...

Dossier: Jahr des Glaubens | - 06.01.2015

Eigentlich begann alles mit dem Stolperstein, erinnert sich Kim Seligsohn: jene kleine Messingplatte an der Ecke Spenerstraße/Melanchtonstraße im Berliner Stadtteil Moabit. "Marianne Peukert, geb. Seligsohn" ist darauf verzeichnet und das Datum, als die Nazis sie im Konzentrationslager Auschwitz ermordeten: 11.01.1943...

Kim Seligsohn wollte ihrer Großmutter mehr als eine Gedenkplatte im Granitpflaster widmen. Sie organisierte eine kleine Feier. Zwanzig Geschäfte im Stadtteil gaben Sachspenden, und die katholische Gemeinde stellte Pfarrsaal und Kirche bereit. Die kleine Prozession der rund 180 Personen vom Wohnort der Großmutter über die Spreebrücke hinweg nach Sankt Ansgar am Hansaplatz könnte gleichnishaft für die schrittweise Hinwendung Seligsohns zum katholischen Glauben stehen.

Ihren Lebensweg legt die 47-jährige Mezzosopranistin bei unserem Treffen am Spreeufer nochmals im Geiste zurück. Der katholische Glaube sei für sie Antwort auf eine "lebenslange Sehnsucht", eine "Art Heimkehr" und das Ende einer langen "Suche".

Und ihr Weg ist in der Tat steinig. Als Kim Seligsohn noch ein Kleinkind ist, lassen sich die Eltern scheiden. "Der Vater war in der Erziehung nicht vorhanden", meint sie nüchtern. Doch auch das Verhältnis zur Mutter gestaltet sich schwierig. Das Trauma des "Verlassen-Seins" hat tiefe Spuren in der emotionalen Beziehung hinterlassen, so sieht es Kim Seligsohn heute. Es fehlte das "Gefühl von Wärme und Geborgenheit".

Die Deportation der Großmutter

Doch zurück zum Anfang: Als die Nazis die Jüdin Marianne Peukert 1941 verhaften, werden ihre Kinder - darunter auch Kim Seligsohns Mutter - in ein Heim eingewiesen. Nach dem Krieg lebt die Mutter in Bremen und bringt Kim Seligsohn auch dort zur Welt. Als Erwachsene zieht es die Sängerin nach Berlin. Dass sie in der Millionenstadt ausgerechnet gegenüber dem Haus ihrer Großmutter eine Wohnung bezieht, erfährt sie erst zwei Jahre später beiläufig in einem Telefongespräch mit ihrer Mutter. "Mir scheint das noch heute unglaublich, wie in einem Roman."

Damit beginnt eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft. Kim Kübler (so der Geburtsname) beantragt, den Mädchennamen der Großmutter annehmen zu dürfen. Kein leichtes Unterfangen. Auch dies gehört zur Suche nach den Wurzeln, nach einer "Gewissheit", die über die Wechselfälle und Unsicherheiten des Lebens hinausreicht.

"Ich wurde nicht jüdisch sozialisiert, aber jüdisch traumatisiert", meint sie rückblickend. Die Mutter habe nicht zuletzt durch die Kriegserlebnisse "keinen Glauben für sich finden können". Bei Kim Seligsohn war es anders: "Ich hatte schon immer geglaubt, aber ich hatte nie ein Dach über dem Kopf", beschreibt sie das Empfinden einer geistlichen Heimatlosigkeit - "ein Gefühl der Sehnsucht und zugleich der Verlassenheit."

Ich hatte schon immer geglaubt, aber ich hatte nie ein Dach über dem Kopf.

Kim Seligsohn

Nach Jahrzehnten der Suche zeichnet sich in der Begegnung mit der Gemeinde Sankt Ansgar eine Perspektive ab. 2008 lässt sie sich katholisch taufen. Der Glaube ist für sie eine "Gewissheit, die ich aber nicht mit dem Verstand hervorbringen kann, sondern immer wieder wagen muss".

Eine wesentliche Vertiefung erfolgt in der Auseinandersetzung mit einem Kunstprojekt: "Die Hymne an die Namen". Kim Seligsohn will die Opfer des Holocausts nicht im Dunkel der Geschichte verschwinden lassen. So vertont sie ihre Namen, deren Schicksal das eigene nochmals radikal infrage stellt und sie stark belastet. Nach drei schlaflosen Nächten geht sie schließlich in das Kriseninterventionszentrum des Sankt Hedwigs-Klinikums in Berlin Mitte um Hilfe zu suchen. Doch statt bei den Ärzten landet sie in der Krankenhauskappelle vor einem Bild Jesu, der ein junges Lamm aus einem Dornengestrüpp befreit.

"Ich konnte selbst nichts mehr leisten, außer zu bitten." Diese Haltung prägt ihren Glauben. Er ist nicht das Ergebnis eigener Anstrengung, sondern ein "Sich-Einlassen und Vertrauen auf Gott". Für Kim Seligsohn ist das "Befreiung und Herausforderung" zugleich: Die Befreiung vom ständigen Bestreben, alles in der Hand haben zu müssen, und die Herausforderung, gerade das "Sich-Beweisen-Müssen" abzulegen.

Gemischte Reaktionen, gemischte Gefühle

Die Reaktionen der Umgebung auf ihre Hinwendung zum Glauben sind durchaus gemischt, schwanken zwischen ernsthaftem Interesse und Ablehnung. "Bei vielen kam der absolute Standardschwall von der Hexenverbrennung bis zum Missbrauchsskandal", erinnert sie sich. Schmerzlicher sind für sie eher die persönlichen Berichte von Bekannten über deren eigene schlechte Erfahrungen mit der Kirche. Sie selbst ist unglaublich froh, dass es in ihrer Erfahrung keine verbrannte Erde gibt. "Ich habe nichts Bigottes oder Moralistisches in der Kirche erlebt."

Elementar, war für sie vor allem, wie das Gottesbild vermittelt wird: "durch Begegnungen mit Menschen, die mich mit meinen Fragen und Brüchen ernst genommen haben". Die gelte vor allem für Pfarrer Ernst Pulsfort von Sankt Ansgar. "Er ist eben ein normaler Mensch mit seinen Schwächen und Stärken, aber authentisch in dem, was er sagt." Was aber hat sich mit dem Glauben existenziell geändert? Kim Seligsohn hält einen Augenblick inne. "Die Wertschätzung meiner Person - es ist wie eine Umkehrung der Werte: nicht mehr machen, sondern vertrauen". Das löse von Sucht und Abhängigkeit auch in der Beziehung zu Personen. "Man sieht sich und die Welt anders.“"

Als Beispiel nennt sie Herrn Kroll*, den sie im Rahmen des Besuchsdienstes der Gemeinde in Sankt Hedwig kennenlernte und dessen gütige, unverfälschte Zuwendung zu ihr sie tief berührte. "Er ist mir unglaublich kostbar geworden", meint sie, und wundert sich fast über sich selbst. "Ich treffe ihn jeden Freitag beim Krankenbesuch. Er ist altersdement - und doch spüre ich in der Begegnung die Liebe Gottes."

Von Christoph Scholz

*) Name von der Redaktion geändert

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