Eine dünne Wand zwischen Kreuz und Kaaba

Nicht alle Muslime fühlen sich mit den christlichen Symbolen im Saal wohl. Trotzdem sind sich die Beteiligten einig: Der interreligiöse Gebetsraum in einer Mannheimer Flüchtlingseinrichtung funktioniert.

Flüchtlinge | Mannheim - 26.08.2016

Die Luft in dem schmucklosen Flachbau ist stickig, als sich die etwa 60 Männer am Ende des Freitagsgebets zu Boden neigen. Imam Bassam Al-Masri verabschiedet kurz darauf die Muslime, die den Raum verlassen, um ihre Schuhe anzuziehen. Sie leben in der Mannheimer Flüchtlingsunterkunft Benjamin-Franklin-Village.

Wer hinter die bewegliche Trennwand am Ende des Saals blickt, der entdeckt eine Osterkerze, eine orthodoxe Ikone und ein Franziskuskreuz, notdürftig verhüllt von orangenen Tüchern. Auf der anderen Seite der Wand gibt es eine Gebetsnische. Fotos von der würfelförmigen Kaaba im Zentrum der Großen Moschee in Mekka hängen in Reichweite.

Nicht alle Muslime fühlen sich wohl mit dem Kreuz

Der kleine Gebetsraum kann sowohl von Christen als auch von Muslimen genutzt werden - wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Es ist ein außergewöhnliches Experiment. Auch ohne Pfarrer und Imam können sich Gläubige unterschiedlicher Religionen hier jederzeit zurückziehen. "Eine heikle Angelegenheit", sagt der Imam über den gemeinsamen Raum.  Nicht alle Muslime fühlten sich wohl mit christlichen Symbolen und der bildlichen Darstellung einer Gottheit nebenan. Daher auch die Verhüllung während des Freitagsgebets. Der in Jordanien aufgewachsene Sohn palästinensischer Eltern unterstützt die Idee dennoch.

Auch der Heidelberger Religionswissenschaftler Danijel Cubelic befürwortet die Idee eines interreligiösen Gebetsraums, hat aber ähnliche Einwände. "Je ausdifferenzierter man so einen Raum ausgestaltet, desto eher beginnen die Probleme", sagt er. Besser wäre aus seiner Sicht ein schlichter Raum, der auf religiöse Symbole ganz verzichtet. "Er kann ja eine Ruhe ausstrahlen, sollte aber nicht dezidiert an die eine oder andere Religion erinnern."

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Ein Bündnis von Christen, Juden und Muslimen in Deutschland will Integrationsprojekte für Flüchtlinge fördern. Das Bundesinnenministerium unterstützt die neue Initiative mit einer halben Million Euro. (Artikel von Juni 2016)

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Die Vorstellung, Gläubige unterschiedlicher Religionen könnten einen gemeinsamen Raum nutzen, hat das Mannheimer Forum der Religionen in die Tat umgesetzt. In dem Zirkel arbeiten seit Jahren die christlichen Kirchen, die Moscheegemeinden und die Jüdische Gemeinde Mannheims für ein freundschaftliches Miteinander. Nachdem das Regierungspräsidium Karlsruhe als zuständige Behörde dem Plan zugestimmt hatte, startete das Deutsche Rote Kreuz die Renovierung.

"Ermöglicht hat das die gute Zusammenarbeit der Glaubensgemeinschaften in Mannheim", sagt der evangelische Pfarrer Joachim Vette, der an dem Projekt federführend beteiligt ist. Er steht ohne Schuhe in dem Raum. Jeder müsse sich zurücknehmen. Darum gehe es, wenn alle hier ihren Glauben leben wollten. Im Idealfall fördere das Begegnungen und Toleranz. Dass Gebete nicht zeitgleich stattfinden, ändere nichts daran.

Der Pfarrer hebt den großen Einsatz der Jüdischen Gemeinde für den Gebetsraum hervor. Und das, obwohl es so gut wie keine Juden unter den Flüchtlingen gebe. Die vielen Flüchtlinge, die im Winter in die Mannheimer Unterkunft gekommen seien, hätten nach der zumeist strapaziösen Reise einen Ort der Ruhe und Einkehr gebraucht. Derzeit lebten noch rund 660 Menschen in der Flüchtlingsunterkunft. 450 davon seien Muslime, etwa aus Gambia, Pakistan, Togo oder aus dem Irak. Die übrigen seien meist Christen aus Georgien, Nigeria, Kamerun, Eritrea und dem Iran.

Wir predigen hier den wahren Islam.

Imam Bassam Al-Masri

Das Konzept soll auch gegen Radikalisierung helfen

Auch wenn Freitagsgebete wesentlich besser besucht sind als christliche Gottesdienste: Pfarrer Vette und sein katholischer Kollege Lukas Glocker werten den Raum als Erfolg. Es sei wichtig, Flagge zu zeigen. Allein, um eine Radikalisierung von Flüchtlingen zu verhindern, sei das Konzept richtig. "Es ist gut, wenn ein Imam die Menschen vor extremistischen Anwerbeversuchen warnt", betont Vette.

So sieht es auch Imam Al-Masri. "Wir predigen hier den wahren Islam. Eine Religion, die friedfertig ist und das Gastrecht ehrt", sagt der 48-Jährige. Politische Ambitionen habe er nicht. Im Gegenteil. Viele ankommende Flüchtlinge hätten Grundlagen des Islam nicht verinnerlicht, da der Einfluss radikaler Gruppen in ihren Heimatländern eine andere, eine radikale Sichtweise des muslimischen Glaubens vertrete. "Deshalb ist es wichtig, die hier ankommenden Menschen vor den gefährlichen Verführern zu warnen."

Von Stephen Wolf (dpa)

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