"Eine echte Teilhabe am Kreuz Christi"

Die Kollekte an Karfreitag ist für die Christen im Nahen Osten bestimmt. Kardinal Sandri von der Ostkirchenkongregation spricht über deren Zukunft und welche Rolle dafür die Ägyptenreise des Papstes spielen wird.

Nahost | Bonn - 07.04.2017

Frage: Herr Kardinal, die Kirche richtet am Karfreitag ihren Blick auf das Heilige Land. Die Kollekte des Tages – in Deutschland wird sie auf den Palmsonntag vorgezogen - ist für die dortigen Christen bestimmt. In ihrem Spendenaufruf haben Sie ein dramatisches Bild der Situation gezeichnet. Sie sprechen von vielen Formen der Unterdrückung, von der täglichen Versuchung der Christen, das Land zu verlassen oder den Glauben aufzugeben, ja von einer "Ökumene des Blutes". Ist die Lage so dramatisch?

Sandri: Den Begriff "Ökumene des Blutes" hat bereits Papst Franziskus benutzt. Er unterstreicht die Verbundenheit und Solidarität aller Christen mit den Glaubensbrüdern in diesen schrecklichen Momenten im Nahen Osten. Dort werden nicht nur Katholiken, sondern Christen aller Konfessionen getötet. Bischöfe, Priester und Laien aus allen Kirchen werden entführt, verschwinden, es gibt keine Spur mehr von ihnen. Das Leiden und der Tod Christi auf Kalvaria, über die wir an Karfreitag meditieren, wiederholt sich heute an vielen Orten der Welt, ganz besonders im Nahen Osten, in Syrien, im Irak, aber auch in anderen Ländern der Region. Es ist eine Fortsetzung der Passion Christi, die sich im Leben unserer Mitbrüder vollzieht. Wir hoffen, dass ihr Einsatz Früchte bringt, zum Wohl der ganzen Kirche und für die Einheit der Christen. 

Frage: Haben die Christen in der Region überhaupt noch eine Zukunft?

Sandri: Diese Frage stellen sich heute viele Menschen. Unsicherheit, Krieg, aber auch Hass und Feindseligkeit gegenüber Christen haben zu einem Exodus aus dem Nahen Osten geführt. Und es schließt sich die Frage an, was wäre ein Naher Osten ohne Christen? In dieser Situation müssen wir alles nur Mögliche unternehmen, um die Flamme der Permanenz der Christen im Nahen Osten zu bewahren. Die örtlichen Bischöfe rufen ihre Gläubigen immer wieder auf, in der Heimat zu bleiben. Aber die Situation übersteigt mitunter alle Wünsche und guten Intentionen. Heute als Christ im Nahen Osten auszuharren ist auch eine Qual, eine echte Teilhabe am Kreuz Christi.

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Die Situation der Christen im Nahen Osten ist kritisch: Sie werden verfolgt und ihre Zahl nimmt stark ab. Kurienkardinal Leonardo Sandri hat nun ihre Bedeutung für die Region hervorgehoben. (Artikel von März 2017)

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Frage: Tut die internationale Gemeinschaft genug? Mitunter hört man von geflohenen Christen, sie fühlten sich alleingelassen.

Sandri: Die glaube, die internationale Gemeinschaft ist sehr sensibel für diese Situation. Sie hat viele Appelle erlassen, die Problematik aufgezeigt und Lösungsvorschläge unterbreitet. Allerdings sind es dann einzelne Länder, die tatsächlich die Hebel zur Durchsetzung solcher Lösungen und die Möglichkeit zum Intervenieren hätten. Und wenn diese Länder, die die Macht dazu haben, sie nicht anwenden, ist es schwierig, zu einer Lösung zu kommen.

Frage: Was ist nötig, um den Christen in der Region ein Überleben zu ermöglichen?

Sandri: Die Zukunft der Christen lässt sich nur garantieren, wenn sie – auch als Minderheit - als Bürger mit den gleichen Rechten wie ihre Mitmenschen anerkannt werden. Sie sollten die gleichen Bürgerrechte und Bürgerpflichten haben. Zweitens brauchen sie Sicherheitsgarantien. Sie müssen auch ihr religiöses Leben, ihre kulturellen Aktivitäten und ihre Erziehungsprogramme in Frieden und ohne Einschränkung ausüben können. Drittens soll die Präsenz der Christen wertgeschätzt und gewürdigt werden. Die Christen mit ihren Werten sollen und können ein Element des Gleichgewichts für den ganzen Nahen Osten sein.

Frage: Was geschieht mit der Kollekte? Geht sie direkt und komplett an die Franziskaner-Kustodie des Heiligen Landes?

Sandri: Die Kollekte, die am Karfreitag oder auf Anordnung der Bischöfe auch an einem anderen Tag gesammelt werden kann, wird zwischen der Kustodie und unserer Kongregation aufgeteilt. 65 Prozent sind für die Arbeit der Franziskaner im Heiligen Land und zur Pflege der Heiligen Stätten bestimmt – in Israel, Palästina, Syrien, in Ägypten. Die Kongregation ihrerseits unterstützt mit ihrem Anteil diejenigen Diözesen im Nahen Osten aber auch in Indien, in denen besonderer Bedarf herrscht. Die Kollekte ist nicht nur im engeren Sinn für die Evangelisierung bestimmt, für die Katechese, sondern auch für soziale Projekte, für Krankenhäuser, Pflegestationen, Kinder-Zentren, für Schulen und weitere Bildungseinrichtungen. Das sind ganz besonders wichtige Aktivitäten der katholischen Kirche in der Region.

Kardinal Leonardo Sandri.
Kardinal Leonardo Sandri ist Präfekt der Ostkirchenkongregation im Vatikan.
 KNA

Frage: Eine breite Allianz versucht derzeit, den IS aus seiner bisherigen Hochburg Mosul zu vertreiben. Ist die Situation an einem Wendepunkt?

Sandri: Soweit ich von Bischöfen höre, die die befreiten Teile von Mosul besucht haben – darunter der chaldäische und der syrisch-katholische Patriarch – benutzen die Dschihadisten in dem Krieg derzeit die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde. Das ist ein schwerster Affront gegen die Menschenwürde und gegen die Freiheit und Sicherheit von Personen. Man hört, dass die Allianz bald ihr Ziel erreichen könnte. Aber es ist zu befürchten, dass die weitere Eroberung von Mosul noch sehr blutig sein wird. Für eine Bewertung der Lage und für Zukunftsperspektiven muss man erst die endgültige Befreiung dieser Stadt abwarten.

Frage: Ist der IS dort das einzige Problem?

Sandri: Nein. Für mich lösen sich die Probleme erst, wenn für alle Menschen die Würde und die Freiheit der Person einschließlich der Religionsfreiheit gilt. Meiner Ansicht nach werden die Probleme gelöst, wenn es in diesen Ländern einen "menschlichen Frühling" gibt. Wenn Gewalt und Übergriffe aufhören, die ja der Religion widersprechen. Wenn niemand wegen der Ausübung des eigenen Glaubens verfolgt, beeinträchtigt oder belästigt wird. Wenn alle am sozialen Leben teilnehmen können, ein Haus und Arbeit haben, einen Zugang zum Gesundheitswesen und zur Bildung bekommen. Wenn diese Rechte verwirklicht sind, oder wenn zumindest ein Minimum an Menschenwürde gilt, wird die Lage vermutlich besser werden und kann Frieden einkehren.

Frage: Was erwarten Sie für die christlichen Nahost-Flüchtlinge in Europa? Sollten für sie nicht bald eigene ostkirchliche Strukturen, eigene Diözesen errichtet werden?

Sandri: Man sollte diese Fragen sorgfältig studieren - und auf eine schrittweise Entwicklung setzen. Nicht alles ist immer realisierbar. Zunächst braucht es geeignete Priester, es müssen Pfarreien gebildet werden. Ich war etwa vor einiger Zeit in Essen. Dort hat der Bischof den Chaldäern eine Kirche samt Einrichtung zur Verfügung gestellt. Es gibt dort ein sehr lebendiges geistliches Leben. Die Flüchtlinge aus gequälten Ländern werden jetzt zu Missionaren, zu Zeugen des Evangeliums und des Glaubens.

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Die Situation der Christen im Nahen Orient ist kritisch: Sie stellen nur noch drei Prozent der Bevölkerung. Menschenrechtler befürchten, dass die christliche Geschichte in Nahost bald enden könnte. (Artikel von Dezember 2016)

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Frage: Aber eigene Kirchen-Strukturen stehen noch nicht an?

Sandri: Da gibt es noch manche Schwierigkeiten, in Deutschland auch im Zusammenhang mit den Konkordaten. Zudem herrscht derzeit noch eine ziemliche Fluktuation, die Flüchtlinge kommen und gehen weiter. Aber sie genießen in Deutschland Sicherheit. Und ich danke den Bischöfen, in der Person von Kardinal Marx als dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, die die orientalischen Priester umfangreich unterstützen. Die für ihren Unterhalt aufkommen, Kirchen zur Verfügung stellen und vieles mehr – bis der Moment kommt, an dem man in der Tat ein Exarchat errichten kann.

Frage: Der Papst besucht bald nach Ostern Ägypten. Das Interesse gilt besonders dem Besuch der islamischen Al-Azhar-Universität. Welche Rolle spielt die Begegnung mit seinen Christen?

Sandri: Die Ägyptenreise ist eine großartige Geste des Papstes mit vielen Facetten. Sie ist ein prophetisches Zeugnis für die winzige koptisch-katholische Gemeinde und für die anderen katholischen Kirchen. Der Papst bekundet ihnen Verbundenheit, Hoffnung und  Nähe. Außerdem gibt es in Ägypten die große koptische Kirche unter ihrem Oberhaupt Tawadros, die Papst Franziskus im Zeichen von Einheit und Friedens umarmen wird. Aber da Ägypten ein islamisches Land ist. kommt der Begegnung in der Al-Azhar-Universität mit dem Groß-Mufti eine enorme Bedeutung zu. Sie signalisiert erneut, dass es möglich ist, dass verschiedene Religionen zusammenzuleben. Und dass sie - trotz aller Unterschiede - die Würde des Menschen und die religiöse Freiheit bezeugen, die die Grundlage aller Freiheiten bildet. Ganz besonders aber will Papst Franziskus mit der Reise die Rolle und Bedeutung Gottes herausstreichen. Denn wir alle, Muslime wie Orthodoxe und Katholiken, müssen in der Welt von heute die Existenz, die Präsenz und die Vorsehung des allmächtigen, gütigen und barmherzigen Gottes bezeugen. Denn heute ist die große Gefahr in der Welt, dass sie den Sinn für Gott verliert.

Von Johannes Schidelko

Zur Person

Kardinal Leonardo Sandri (73) ist seit 2007 als Präfekt der Ostkirchenkongregation im Vatikan für die rund 20 Millionen mit Rom verbundenen Christen zuständig, die einem der orientalischen Riten folgen. Zuvor war der Diplomat sieben Jahre lang Substitut im Staatssekretariat und damit vatikanischer Innenminister.

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