"Eine Familie ist eine Familie"

Es war nur eine kleine Hütte oder ein Verschlag irgendwo auf den Feldern bei Bethlehem. Über Jahrtausende hinweg setzte sie allerdings Standards dafür, wie Millionen von Menschen die großen Festtage kurz vor jedem Jahreswechsel verbringen. Weihnachten gehört schließlich der Familie, damals wie heute. Josef, Maria und das liebe Jesuskind in seiner Krippe, das war und ist für viele Christen das Vorbild, dem sie in ihrem Familienleben nicht nur zum Christfest nacheifern.

Weihnachten | Bonn - 19.12.2014

Es war nur eine kleine Hütte oder ein Verschlag irgendwo auf den Feldern bei Bethlehem. Über Jahrtausende hinweg setzte sie allerdings Standards dafür, wie Millionen von Menschen die großen Festtage kurz vor jedem Jahreswechsel verbringen. Weihnachten gehört schließlich der Familie, damals wie heute. Josef, Maria und das liebe Jesuskind in seiner Krippe, das war und ist für viele Christen das Vorbild, dem sie in ihrem Familienleben nicht nur zum Christfest nacheifern.

Ein liebender Ehemann, der für seine Frau und sein Kind sorgt: das, was Soziologen die "bürgerliche Kleinfamilie" zu nennen pflegen, scheint in der Bibel angelegt und für alle Zeiten zur Norm erhoben worden zu sein. Das Bild ist schön und der "holde Knabe im lockigen Haar" mag deshalb beruhigt in himmlischer Ruh schlummern, richtig ist es trotzdem nicht.

Was Konservative innerhalb wie außerhalb der Kirche heute als einzig mögliche Kernzelle jeder Gesellschaft ansehen, ist eine Konstruktion mit vergleichsweise kurzer Vergangenheit. Zwar war die Ehe der irdischen Eltern Jesu absolut monogam, das heißt Josef war nach heutigem Wissen allein seiner Maria treu, seine Vorfahren, zu denen immerhin biblische Größen wie der Stammvater Abraham oder König David gehören, hatten das aber weit weniger streng gesehen. Und überraschenderweise mussten sie deswegen noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben oder wegen ihres Lebenswandels einen Tadel ihres Gottes Jahwe befürchten. Nach allem, was die Bibel nahelegt, konnte der sich nämlich durchaus unterschiedliche Beziehungsformen für seine Kinder vorstellen.

Eine Weihnachtskrippe.
Eine Weihnachtskrippe.
 Alexander Hoffmann/Fotolia.com

Kein Wort für die Institution "Ehe"

Im Alten Testament findet sich kein Beleg dafür, dass allein die eheliche Beziehung zwischen einem einzigen Mann und einer einzigen Frau dem Willen Gottes entspricht. Im Gegenteil, wenigstens die frühen Texte der Bibel deuten eher darauf hin, dass in den von ihnen beschriebenen Zeiten und der von ihnen beschriebenen Kultur die Vielehe normal war. Die biblischen Stammväter waren alles andere als Freunde strenger Reglementierungen ihres Sexuallebens; sie hatten meist mehrere Frauen, pflegten Beziehungen zu Konkubinen und schwängerten auch schon einmal ihr Dienstpersonal. Dem Alten Testament scheint Ausschließlichkeit bei der Gemeinschaft von Tisch und Bett so fremd zu sein, dass es nicht einmal ein Wort für die Institution "Ehe" kennt.

Durchschnittliche biblische Patriarchen geboten über Harems von mehreren Frauen, auch wenn sie es meist nicht ganz so wild trieben wie König Salomo, von dem das Alte Testament freimütig verrät: "Er besaß siebenhundert fürstliche Frauen und dreihundert Nebenfrauen." (1 Könige 11,3)

Man mag darüber rätseln, ob dem Herrscher diese hohe Zahl eher Vergnügen oder eher Leistungsdruck bescherte, quasi in allerhöchstem Auftrag hatte er wie jeder andere Jude in jedem Fall eine eindeutige Aufgabe zu erfüllen: Als Mann musste er dafür sorgen, dass Sippe, Stamm und Volk erhalten blieben und nach Möglichkeit noch wuchsen. Die Beziehungen dieser Zeit standen unter dem Primat der Fortpflanzung, das direkt aus dem göttlichen Gebot abgeleitet wurde, fruchtbar zu sein, sich zu mehren und sich die Erde untertan zu machen. Eine Verbindung ohne Nachwuchs verfehlte ihren eigentlichen Zweck.

Praktische Überlegungen machten die Monogamie weitgehend zur Regel

Eine kritische Bilanz der Vielfachbeziehungen liefert dennoch alles andere als eindeutige Ergebnisse. Obwohl die Liebe und das Glück der ehelichen Gemeinschaft hinter der biologischen Bestandserhaltung allenfalls in der zweiten Reihe ihren Platz fanden, blieb die ganz alltägliche Eifersucht dem auserwählten Volk ebenso wenig fremd wie Fragen der Erbfolge immer wieder Schwierigkeiten aufwarfen. Es waren deshalb weniger ethische Bedenken als vielmehr praktische Überlegungen, die im Volk Israel nach und nach zu einer Veränderung der familiären Strukturen führten und bis zur Zeit Jesu die Monogamie weitgehend zur Regel machten.

Weihnachten als Familienfest hat damit nicht ausgedient.

Uwe Bork

Die Bibel geht also erstaunlich pragmatisch mit der Frage menschlicher Beziehungen um. Wenn sie uns in der Weihnachtsgeschichte Vater, Mutter und Kind als zentrales Trio vorstellt, bildet sie damit nur eine konkrete historische Konstellation ab. Sie mag für die menschliche Gesellschaft die sinnvollste sein und ihr am meisten Stabilität verleihen, als einzige gottgewollt ist sie nicht. Das ließe sich allenfalls behaupten, wenn man auch Gott zubilligte, erst durch Schaden klug zu werden und nur schrittweise zu einem Optimum vorzudringen.

Familie nicht nach ideologischen Konzepten einordnen

Weihnachten als Familienfest hat damit nicht ausgedient. Ganz im Gegenteil. Es muss nicht der unwillkommene Anlass sein, der die Verwandtschaft alle Jahre wieder zum familiären Showdown zusammenzwingt. Jenseits aller materiellen und biologischen Zwänge kann es vielmehr die Familie jeglicher Spielart als einen Raum öffnen, in dem gegenseitige Liebe und Zuneigung die Hauptrolle spielen.

"Wir können eine Familie nicht nach ideologischen Konzepten einordnen, wir können nicht von einer konservativen oder einer progressiven Familie sprechen: Eine Familie ist eine Familie." Diese Worte voller Offenheit schrieb jetzt Papst Franziskus an Erzbischof Vincenzo Paglia, den Präsidenten des Päpstlichen Familienrates. Er könnte damit Ähnliches gemeint haben.

Von Uwe Bork

Zur Person

Uwe Bork ist Leiter der Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks (SWR).

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