Sterbehilfe

"Eine Frage der Würde"

Weihbischof Anton Losinger warnt vor einer Gesetzesänderung bei der Sterbehilfe

Bonn - 26.08.2014

In der Diskussion um eine gesetzliche Regelung zur Suizidbeihilfe haben vier bundesweit bekannte Mediziner und Ethiker einen Gesetzentwurf vorgelegt. Der sieht ein grundsätzliches Verbot der Beihilfe vor, will sie aber Ärzten und nahen Angehörigen unter strengen Bedingungen erlauben. Während Politiker der SPD die Initiative begrüßen, warnt der Augsburger Weihbischof Anton Losinger im Gespräch mit katholisch.de davor, sich durch "Einzelfälle emotionaler Betroffenheit" zu Gesetzesänderungen treiben zu lassen.

Der Gesetzentwurf, der am Dienstag in München vorgestellt wurde, sieht konkret vor, die Beihilfe zur Selbsttötung mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe zu belegen. "Angehörige oder dem Betroffenen nahestehende Personen sind nicht strafbar, wenn sie einem freiverantwortlich handelnden Volljährigen Beihilfe leisten", heißt es weiter. Nach Meinung der vier Mediziner herrscht derzeit in Deutschland erhebliche Rechtsunsicherheit, die zu unnötigem Leiden führe. Es reiche aber nicht aus, organisierte oder gewerbliche Suizidbeihilfe einfach zu verbieten, betonen die Professoren. Die beste Lösung seien gesetzliche Regelungen für schwerste Einzelfälle.

Für den Arzt sieht der Gesetzesentwurf der Mediziner mehrere Bedingungen vor: Er muss zuvor die Freiwilligkeit des Suizidwunsches geprüft und den Patienten umfassend und lebensorientiert über andere, insbesondere palliativmedizinische Möglichkeiten , aufgeklärt haben. Außerdem muss ein zweiter unabhängiger Arzt hinzugezogen werden. Zwischen dem Aufklärungsgespräch und dem anschließend geäußerten Wunsch nach Beihilfe müssen mindestens zehn Tage verstreichen. Jede Form der Werbung für Suizidbeihilfe soll verboten werden.

Weihbischof Losinger: "Frage der Würde"

Weihbischof Anton Losinger, der Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, sieht das anders und beharrt auf einem grundsätzlichen Lebensrecht bis zum Ende . Es sei "eine Frage der Würde, die jede Person grundsätzlich betrifft". Dabei verweist er auf die Position von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der sich mehrfach für ein weitreichendes Verbot der aktiven Sterbehilfe eingesetzt habe.

Es sei wichtig, dass sich die Mediziner für die Würde und den Schutz des Lebens bis zum Ende einsetzten, sagt Anton Losinger. Der Weihbischof ist Mitglied des Deutschen Ethikrates.
Es sei wichtig, dass sich die Mediziner für die Würde und den Schutz des Lebens bis zum Ende einsetzten, sagt Anton Losinger. Der Weihbischof ist Mitglied des Deutschen Ethikrates.  KNA

Am Dienstag hat sich Gröhe nun auch explizit gegen jegliche Lockerungen für ärztliche Suizidbeihilfe ausgesprochen. "Das ärztliche Standesrecht verbietet diese Beihilfe und ich begrüße das", sagte er beim Besuch eines Palliativzentrums in Chemnitz. Es sei wichtig, dass sich die Mediziner für die Würde und den Schutz des Lebens bis zum Ende einsetzten. Er lehne daher ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung ab. Der Gesundheitsminister betonte, er habe "größte Zweifel, ob aus existenziellen Ausnahmen heraus die Norm aufgegeben werden darf". Ähnlich wie Weihbischof Losinger sieht er die Gefahr, dass strenge Ausnahmeregelungen oftmals der Anfang einer grundsätzlichen Aufweichung seien. Gröhe verwies dabei auf Belgien, wo inzwischen auch aktive Sterbehilfe bei Kindern erlaubt ist.

Angebote der Palliativmedizin müssten bekannter sein

Losinger möchte sich bei seiner Argumentation jedoch nicht missverstanden wissen und zeigt durchaus Verständnis dafür, dass sich Menschen in einer von Schmerzen geprägten Lebenssituation den Tod wünschten. Doch würden gute Maßnahmen immer Hilfe zum Leben und nicht zum Sterben sein. "Deshalb müssen wir die Angebote der Palliativmedizin und Hospize bekannter machen", sagte er. Denn der Todeswunsch beruhe meist auf der Angst vor großen Schmerzen, vor dem Alleinsein und der ungewissen Zukunft. Doch durch die Palliativmedizin könnten die Schmerzen stark reduziert werden. Und durch Hospize würden Räume für eine "freie und liebevolle Begleitung bis zum Tod" geschaffen.

Auch bei der zehntägigen "Bedenkfrist" sieht Losinger die Diskussion in eine falsche Richtung laufen. Es gehe nicht um Fristen für einen Todeswunsch, sondern ums Prinzip. Auch wenn Menschen zunächst im Tod eine Lösung sehen würden, erlebe er es als Seelsorger häufig, dass sie schlussendlich doch am Leben hingen. Im Gesetzesentwurf sei zudem kaum berücksichtigt, dass auch Depressive den Wunsch zu sterben äußern könnten. Das könne jedoch Teil des Krankheitsbildes sein und dürfe nicht als Legitimation für Sterbehilfe dienen, warnt Losinger.

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Zur Bundestagsdebatte über Patientenverfügungen  KNA

Was die Rolle des Arztes betreffe, beruft sich Losinger auf den Präsidenten der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Der habe gesagt, dass der Arzt kein perfekter Beihelfer des Tötens, sondern Heiler sei. Als Mediziner habe er jedoch gleichzeitig die Pflicht, einen Therapieverzicht zu akzeptieren oder die Verkürzung der Lebenszeit durch palliativmedizinische Maßnahmen in Kauf zu nehmen.

Zustimmung von der SPD

Mehrere SPD-Politiker signalisierten dagegen ihre Zustimmung zu dem Gesetzentwurf. "Dieser Vorschlag entspricht weitgehend unseren Vorstellungen", sagte der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, der "Welt". Allerdings gebe es noch Bedarf für Diskussionen über Details. "Man muss überlegen, ob in die Bedingungen für die ärztliche Suizid-Beihilfe aufgenommen werden muss, dass der Patient an großen Qualen leidet", sagte Lischka. Zudem bezweifle er, ob die Frist von zehn Tagen ausreiche, um einen wirklich stabilen Todeswunsch erkennen zu können.

Zustimmung kam auch von Kerstin Griese, kirchenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion: "Ich halte die Intention dieses Vorschlag für gut und die Ziele für richtig", sagte sie der "Welt". Für den Vorschlag spricht nach Ansicht von Griese, "dass dadurch die Tätigkeit von Sterbehilfe-Vereinen unterbunden würde und es eng definierte Freiräume für Angehörige und Ärzte gäbe".

Der Gesetzentwurf stammt vom Palliativmediziner Gian Domenico Borasio, dem Ethikrat-Vize und Medizinrechtler Jochen Taupitz sowie den Medizinethikern Ralf Jox und Urban Wiesing. Sie erklärten, mit der Regelung eine Freigabe der Tötung auf Verlangen sowie eine Suizidbeihilfe für gesunde Hochbetagte oder psychisch Kranke verhindern zu wollen. (mit Material von KNA)

Von Björn Odendahl

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