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Eine Frage der Würde

Ein Mann, der einen Flüchtling dazu zwingt, sich in ein Bett mit Erbrochenem zu legen. Ein anderer, der einem am Boden liegenden Flüchtling den in einem klobigen Stiefel sitzenden Fuß auf den Nacken stellt. Es waren Bilder und Videos aus einer Notunterkunft in Burbach, die am vergangenen Wochenende an die Öffentlichkeit gerieten und der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen seitdem Ärger einbringen – auch von Kirchenvertretern.

Flüchtlinge | Bonn - 02.10.2014

Ein Mann, der einen Flüchtling dazu zwingt, sich in ein Bett mit Erbrochenem zu legen. Ein anderer, der einem am Boden liegenden Flüchtling den in einem klobigen Stiefel sitzenden Fuß auf den Nacken stellt. Es waren Bilder und Videos aus einer Notunterkunft in Burbach, die am vergangenen Wochenende an die Öffentlichkeit gerieten und der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen seitdem Ärger einbringen – auch von Kirchenvertretern.

Eine Stunde lang nahm die Opposition die rot-grüne NRW-Landesregierung am Donnerstag zum Thema misshandelte Flüchtlinge in die Mangel. Innenminister Ralf Jäger (SPD) räumte in einer aktuellen Stunde "Versäumnisse" ein. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass Schutzsuchenden Unrecht geschehe, aber "diesem hohen Anspruch sind wir nicht gerecht geworden", sagte Jäger im Düsseldorfer Landtag.

Man werde nun jedem einzelnen Verdacht nachgehen, betonte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). In mindestens drei Einrichtungen - Burbach, Essen und Bad Berleburg – sollen private Sicherheitsleute Asylbewerber misshandelt haben. Angesichts des großen Flüchtlingsstroms sei man offensichtlich nicht in der Lage gewesen, vorgegebene Qualitätsstandards einzuhalten, räumte Kraft ein. "Und wir haben auch angesichts dieses Drucks die Kontrollen nicht ausreichend durchgeführt. Das werden wir umgehend ändern." In Zukunft soll das Wachpersonal vor Einstellung beispielsweise ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen.

Pater aus Duisburg stellt Gästehaus für Flüchtlinge zur Verfügung

Einer, der sich von solchen Aussagen nicht viel verspricht, ist Pater Oliver Potschien. Er ist Leiter des Petershofes, einem sozialpastoralen Zentrum in Duisburg. Vor gut drei Wochen hat er der Stadt einen offenen Brief geschickt, in dem er sich über die geplante Unterbringung von Flüchtlingen in Zeltlagern beschwert. "Das hat auch was mit Menschenwürde zu tun, dass ich diese Menschen nicht in Zelten unterbringe", sagt er. Stattdessen hat Potschien nun das Gästehaus seines Zentrums geöffnet und zwölf Betten zur Verfügung gestellt. Mittlerweile sind dort zwei Familien aus Bosnien und Mazedonien untergekommen.

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Der Bischof von Hildesheim über seine Aufgaben als zuständiger Migrationsbischof in Deutschland.
 Benjamin Krysmann

Überrascht von dem aktuellen Skandal um Misshandlungen an Flüchtlingen ist der Prämonstratenser-Pater hingegen nicht. Beim Wachpersonal in Flüchtlingsheimen handele es sich oft um Menschen, die sonst in U-Bahn-Stationen für Ordnung sorgten, aber nicht für den Umgang mit traumatisierten Menschen geschult seien, erklärt er. Ähnliche Probleme habe man schon in amerikanischen Gefangenenlagern erlebt.

In seinem Gästehaus leben nun ein junges Paar mit einem kleinen Kind sowie eine Großmutter mit ihren zwei Enkeln. Was genau die sechs erlebt haben, will Pater Oliver nicht erzählen. "Das ist ihre persönliche Angelegenheit", sagt er. Und noch können die Flüchtlinge auch nur ein paar Brocken Deutsch und ein wenig Englisch. Potschien ist daher froh, dass es Mitglieder der Gemeinde gibt, die übersetzen können. Denn Hilfe von der Stadt habe er noch nicht erhalten: "Die Familien sind seit drei Wochen hier, von der Stadt hat noch niemand vorbeigeschaut." Man versuche zwar, Deutschunterricht zu ermöglichen oder die Familien zu Arztterminen zu begleiten, doch es fehle an einer Gesamtperspektive, so der Pater.

Auch die Kirche muss mehr tun

Man müsse den Flüchtlingen zeigen, dass sie willkommen sind und ihnen eine Perspektive bieten, fordert er. Der junge Familienvater in seinem Gästehaus sei immerhin Tierarzt. Doch auch die Situation in den jeweiligen Heimatländern müsse verbessert werden. Das Argument, dass Städten und Kommunen angesichts großer Flüchtlingsströme zu wenig Zeit für eine gute Vorbereitung hätten, lässt er nicht gelten: "Dass sich die Lage zum Beispiel in Syrien zuspitzt und immer mehr Menschen fliehen, ist seit Monaten bekannt", sagt er.

Doch Oliver Potschien sieht nicht nur den Staat in der Pflicht. "Auch die Kirchen müssen sich da stärker positionieren." Es reiche nicht, wenn einzelne Initiativen und Pfarrhäuser ihre Türen öffnen würden. Einen Anfang hat unter anderem das Bistum Eichstätt gemacht: Dort entsteht in der ehemaligen Maria-Ward-Realschule eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende. Auch der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat zu einem stärkeren Engagement aufgerufen.

Ob noch weitere Flüchtlinge bei ihm unterkommen, weiß Pater Oliver noch nicht. "Die Stadt meldet sich immer wieder mal", erzählt er. Doch bisher sei noch keine weitere Familie angekommen. Auch wie es mit den Familien im Gästehaus weitergeht, weiß er noch nicht. Die Chance, dass sie bleiben dürfen, sieht er aber als gering – seit kurzem gelten Mazedonien und Bosnien als sichere Herkunftsstaaten . (mit Material von dpa)

Von Sophia Michalzik

"Wegschauen ist keine Option"

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat zu einem verstärkten Engagement für Flüchtlinge aufgerufen. "Niemals dürfen wir uns an das Leid gewöhnen. Wegschauen ist keine Option", schreibt Burger in einem Beitrag für die in Karlsruhe erscheinende Kirchenzeitung "Konradsblatt". Die vollständige Meldung lesen Sie hier .

Kommentar zum Thema

Die Empörung ist groß in Deutschland. Wie kann es sein, dass Wachpersonal Flüchtlinge misshandelt? Wer hat da nicht richtig kontrolliert? Sicher, diese Fragen müssen beantwortet werden. Es braucht stärkere Kontrollmechanismen und besser geschultes Personal. Aber vielleicht fasst sich jetzt jeder mal an seine eigene Nase: Wenn die Stadt ein Zeltlager für Flüchtlinge zur Verfügung stellen muss, ist das mehr als traurig. Aber dass viele Bundesbürger Flüchtlinge lieber gestern als heute loswerden wollen, sie als Kriminelle und Sozialschmarotzer bezeichnen und sich schon von ihrer Anwesenheit belästigt fühlen, ist noch viel trauriger. Und da liegt das eigentliche Problem.

Von Sophia Michalzik

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