Eine Identifikationsfigur

Am Sonntag gedenkt die Kirche des heiligen Nikolaus von Myra. Doch heute gibt es zahlreiche Bräuche, die mit dem Heiligen nichts zu tun haben. Der Kölner Generalvikar Dominik Meiering will dem mit einem neuen Buch entgegenwirken.

Brauchtum | Köln - 04.12.2015

Am Sonntag gedenkt die Kirche eines ihrer bekanntesten Heiligen: Nikolaus von Myra. Rund um dessen Gedächtnis haben sich zahlreiche Bräuche entwickelt. Auch solche, die mit dem Heiligen nur noch wenig zu tun haben. Der Kölner Generalvikar Dominik Meiering will dem entgegenwirken - und hat deshalb ein eigenes Nikolaus-Handbuch herausgegeben. Im Interview mit katholisch.de spricht er über den Sinn von Bräuchen und die Bedeutung des heiligen Nikolaus.

Frage: Herr Meiering, in Kooperation mit dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) haben Sie ein eigenes Nikolaus-Handbuch herausgebracht. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Meiering: Ich war vor einigen Jahren einmal als Jugendseelsorger auf einer Nikolausfeier, auf der ein Darsteller mit Schlumpfmütze und Glitzersternchen auftauchte und zu "Jingle Bells" einen Hüfttanz zeigte. Da habe ich mir gedacht, dass das nicht mehr viel mit den Nikolausfeiern zu tun hat, an die ich mich noch erinnere. Das waren Feiern, auf denen Kinder wertgeschätzt wurden und eine besinnliche Stunde miteinander verlebt haben. Mein Ziel war es, diese Tradition - auch fernab des ganzen Trubels im Advent - wiederzubeleben.

Frage: Welche Bedeutung haben Bräuche und Traditionen für Sie?

Meiering: Sie sollen ein Spiegelbild wichtiger Werte sein. Schauen Sie sich die beiden Heiligen Martin und Nikolaus an. Der eine steht für das Teilen und der andere für das Schenken. Beide sind sowohl für Kinder als auch für Erwachsene Identifikationsfiguren. Und die brauchen wir. Kinder müssen das Teilen und Schenken lernen und Erwachsene müssen sich immer wieder daran erinnern. Diese Dinge gehören zu den Grundvollzügen unseres Christseins, ohne die wir weder als Kirche noch als Gesellschaft leben können.

Frage: In der katholischen Kirche gibt es Tausende Heilige. Wieso wird ausgerechnet ein Bischof aus Kleinasien so verehrt?

Meiering: Der heilige Nikolaus hat es in der Tat weit gebracht. Er ist unter anderem der Patron Russlands, Kroatiens und Serbiens und hat eine große Bedeutung sowohl für die West- als auch für die Ostkirche. Das liegt an der Traditionsgeschichte, die darüber hinaus mit einer Vielzahl an Legenden verbunden ist. Weil der Nikolaus dann auch noch in der Adventszeit kommt und Geschenke mitbringt, ist er zwangsläufig zu einem beliebten Heiligen geworden.

Generalvikar Dominik Meiering
Dominik Meiering ist seit Februar 2015 Generalvikar des Erzbistums Köln. Zuvor war er lange Jahre als Jugendseelsorger tätig und hat als BDKJ-Präses das Bündnis "Nikolaus komm in unser Haus" initiiert.
 KNA

Frage: Sie haben eine Vielzahl von Legenden erwähnt. Gibt es eine, die Sie hervorheben wollen?

Meiering: Die spannendste ist die, auf die wohl auch der Brauch des Schenkens zurückzuführen ist. Es geht um drei junge Mädchen, die bei ihrem Vater leben und aus Geldmangel kurz davor stehen, in die Prostitution abzugleiten. Denen wirft Bischof Nikolaus unauffällig je einen Goldklumpen durch das Fenster in ihr Zimmer hinein. So bekommen diese jungen Menschen eine gute Zukunft geschenkt.

Frage: Ist das auch die Nikolausbotschaft für heute? Menschen eine gute Zukunft zu schenken?

Meiering: Das ist eine der Botschaften. Symbolisch geschieht das heute, in dem Äpfel oder Nüsse in den Stiefeln landen statt Goldklumpen. Darüber hinaus geht es aber darum, den Menschen Zeit, Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenzubringen. Das hat auch der heilige Nikolaus getan. Es ging nicht nur um das Gold an sich. Er hat die jungen Frauen überhaupt erst wahrgenommen, ihre Not erkannt und dann die Situation gelindert. Das ist eine Botschaft, die immer aktuell ist.

Frage: Durch welche Fenster muss die Kirche denn sprichwörtlich ihre Goldklumpen werfen?

Meiering: In unserer globalisierten Welt müssen wir ja nur einmal nach "nebenan" schauen, zum Beispiel nach Lateinamerika. Dann sehen wir genau diese Situation, die in der Legende beschrieben wird. Dass Frauen sich prostituieren müssen, weil sie das Nötigste zum Leben nicht haben. Überall dort, wo es Not gibt, müssen wir aktiv werden. Dort müssen wir wie der heilige Nikolaus sensibel, aufmerksam und mitleidend auf die Menschen zugehen. Das Nikolaus-Buch ist deshalb auch in Zusammenarbeit mit dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat entstanden. Es soll nicht nur dabei helfen, die Kinder hier bei uns zu beschenken, sondern wenn möglich auch auf die Situation der Kinder in ärmeren Ländern aufmerksam machen.

Hinweis

Ein Bestellformular sowie mehr Informationen zum Nikolaus-Handbuch von Dominik Meiering und Stefan Lesting finden Sie auf der Seite www.nikolausaktion.org.

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Frage: In Ihrem Buch geben Sie auch jede Menge Praxistipps für Nikoläuse. Was sind die wichtigsten?

Meiering: Der allerwichtigste ist der, dass der Nikolaus die Menschen lieb hat und sie deshalb ermutigt und stärkt, dass er ihnen Hoffnung und Zuversicht schenkt. Das sollen die Darsteller verinnerlichen. Sie müssen jedem Kind sagen können: So wie ich dich jetzt anschaue, so schaut dich auch der liebe Gott an. Und das ist eine Botschaft, für die wir und für die sich diejenigen, die den Nikolaus verkörpern wollen, Zeit nehmen müssen. Diese Zeit geht uns immer mehr verloren. Und nicht nur wir haben Stress in unserem Beruf, sondern auch schon die Kinder in der Schule, zu denen der Nikolaus dann kommt.

Frage: Muss man sich als Nikolaus auf sein Publikum einstellen?

Meiering: Es gibt Naturtalente und Menschen, die den Nikolaus seit Ewigkeiten verkörpern. Die wissen, wie sie wo mit wem umgehen müssen. Für die anderen gilt folgendes Grundprinzip: Man sollte sich vorher immer gut darüber informieren, wen man bei seinem Auftritt vor sich hat. Dann spricht man mit den Verantwortlichen ab, wie diese besinnliche Stunde aussehen soll, welche Lieder man singt oder welche Geschenke man mitbringt. Und vielleicht kann man sogar in Erfahrung bringen, was man welchem Kind sagen kann. In dem Moment, in dem man sich mit seinem Gegenüber auseinandersetzt, ist es dann auch egal, ob der Nikolaus in den Kindergarten, in die Schule oder in ein Hospiz kommt.

Frage: Die diesjährige Advents- und Weihnachtszeit steht im Zeichen der Flüchtlingskrise. Soll oder muss der Nikolaus auch in Flüchtlingsunterkünfte gehen?

Meiering: Ich habe schon von einigen Nikolaus-Darstellern gehört, die ihre Besuche in Flüchtlingsunterkünften zumindest geplant oder sogar schon organisiert haben. Manchmal ist das aufgrund der Sprachbarrieren nicht so einfach. Dann kann aber ein wertschätzender Blick, eine Umarmung oder ein kleines Geschenk helfen. Der Nikolaus ist eine Symbolfigur für die christliche Nächstenliebe, die allen Menschen gilt. Er hat sich besonders um die Armen und Notleidenden gekümmert. Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen mussten, sind auf unsere Hilfe angewiesen und es ist unsere Aufgabe als Christen, ihnen zur Seite zu stehen.

Linktipp: Der Heilige, den jeder kennt

Einer der beliebtesten Heiligen ist Nikolaus. Seinen Gedenktag am 6. Dezember kennt wohl jedes Kind, das Brauchtum drumherum ist aus der Vorweihnachtszeit nicht wegzudenken.

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Von Björn Odendahl

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