"Eine tragische Oper"

Am Samstag startet die Tour de France. Im Interview erläutert Sportpfarrer Thomas Nonte seine Sicht auf das Spektakel. Kann man angesichts der Doping-Affären überhaupt noch Tour schauen? Was sollte ein Pfarrer einem Doper wie Jan Ullrich sagen?

Radsport | Düsseldorf - 29.06.2013

An diesem Samstag startet die 100. Ausgabe der Tour de France. Im Interview erläutert Sportpfarrer Thomas Nonte (51) seine Sicht auf das Spektakel. Kann man angesichts der Doping-Affären überhaupt noch Tour de France schauen? Was sollte ein Sportpfarrer einem Doper wie Jan Ullrich sagen? Die erste Frage allerdings geht an den bekennenden Fan des FC Bayern München.

Frage: Herr Nonte, die "Süddeutsche Zeitung" titelte über den Amtsantritt des neuen Bayern-Trainers "Und jetzt geh' über Wasser!". Welche übermenschlichen Erwartungen haben sie an Pep Guardiola?

Nonte: Übermenschliches erwarte ich nicht. Ich glaube, er kann gar nicht noch mal die Mannschaft so führen, wie Jupp Heynckes das gemacht hat. Die Kunst wird darin bestehen, dass er Stabilität in diese Mannschaft, in diesen Verein bringt, also Bayern gewissermaßen oben hält. Auch wenn es den Fans der anderen Vereine nicht passt.

Frage: Neben Fußball gilt Ihre Leidenschaft dem Tauchen und Klettern. Wie steht es mit dem Radfahren - schauen Sie auch mal bei der Tour de France rein?

Nonte: Selbstverständlich. Nicht nur, weil ich schon seit Kinderzeiten Fahrrad fahre, sondern auch der enormen Anstrengungen wegen, mit der die Fahrer in den Bergen unterwegs sind. Da, wo man schon zu Fuß denkt: "Das wird zu steil." Das ist schon beeindruckend.

Frage: Hatten Sie in Ihrer Jugend Idole im Radsport?

Nonte: In den 70er und 80er Jahren war das Dietrich Thurau. Daran erinnere ich mich noch genau, und zwar aus einem ganz besonderen Grund: In meiner Heimatgemeinde wetterte damals der Priester gegen Thurau. Er kritisierte, dass alle Welt ihn als Vorbild nahm, obwohl Thurau unter Dopingverdacht stand - womit er ja auch Recht behalten sollte. Ich habe das als 16-Jähriger dennoch unmöglich gefunden, weil ich bewunderte, wie sich dieser Mann in relativ jungen Jahren nach vorne quälte und das durchgehalten hat. So etwas finde ich bis heute faszinierend.

Frage: Trotzdem: Kann man sich angesichts der vielen Doping-Affären überhaupt noch guten Gewissens eine Tour de France-Etappe anschauen?

Nonte: Es sind immerhin Menschen, die da fahren. Menschen, die wahrscheinlich von Kindheit an dafür trainieren. Da ist, denke ich, die Versuchung riesengroß, mit unerlaubten Mitteln nachzuhelfen. Also: Ich würde niemals auf diese Menschen schimpfen. Aber das soll keine Entschuldigung für die negativen Auswüchse des Sports sein. Doping ächten und den Menschen achten: Das finde ich entscheidend.

Frage: Gilt das auch für den einzigen deutschen Toursieger Jan Ullrich, der in diesen Tagen wegen seines Doping-Geständnisses in den Schlagzeilen steht?

Nonte: Jeder Mensch hat das Recht auf Fairness, erst recht jemand, der ständig im Licht der Scheinwerfer steht. Und wann der passende Zeitpunkt für ein Geständnis ist, lässt sich von außen schwer beurteilen.

Thomas Nonte, seit März 2013 katholischer Sportpfarrer, steht vor einer antik anmutenden Sportlerstatue im Deutschen Sport & Olympia Museum in Köln.
Thomas Nonte ist seit März 2013 katholischer Sportpfarrer.
 KNA

Frage: Also Schwamm drüber?

Nonte: Wir sollten aufpassen, dass wir Leute nicht in eine Ecke jagen wie räudige Hunde. Das macht für mich jedenfalls menschliches Miteinander aus. Spannender ist doch die Frage, wie wir aus der Tragödie des Dopings herauskommen können. Ich würde die Dopingbeichte da hinführen, wo sie hingehört: buchstäblich in die Beichte, in einen nicht-öffentlichen Raum - damit die Betroffenen ohne Druck die Möglichkeit bekommen, sich von diesem System zu lösen.

Frage: Ullrich hat gesagt, er sehe sich nicht als Betrüger, sondern habe nur für Chancengleichheit sorgen wollen. Würden Sie ein solches Argument in einem Beichtgespräch durchgehen lassen?

Nonte: Nein. Im Rahmen der Vertraulichkeit und der Verschwiegenheit würde ich sagen: "Das würden Sie Ihren Kindern niemals genauso erklären. Weil alle bei Rot über die Ampel gehen, gehen wir auch bei Rot. Oder weil andere beim Nachbarn stehlen gehen, gehen wir auch stehlen."

Frage: Glauben Sie, dass der Radsport das Dopingproblem je in den Griff bekommt?

Nonte: Die Hoffnung gab es schon öfter in der Geschichte der Tour. Aber es wird wohl eine Hoffnung bleiben. Der Fall Lance Armstrong ist der jüngste Beleg dafür. Menschliche Schwäche, menschliche Sucht, menschlicher Neid: Die Tour de France hat etwas von einer tragischen Oper. Möglicherweise ist das sogar das Anziehende: Immer wieder fallen Menschen vom Rad - nicht nur bei der Tour selbst, sondern auch in übertragenem Sinne. Gut wäre, wenn der Radsport immer mehr daraus lernt.

Frage: Wie könnte ein solcher Lerneffekt aussehen?

Nonte: Indem man zum Beispiel Jugendliche darin bestärkt, nicht alles nachzumachen; ihre Meinung zu sagen; auch zu entscheiden: Wie weit möchte ich gehen? Der DJK-Sportverband, den ich beraten soll, macht das bereits mit Erfolg. Und auf die Tour de France bezogen: Vielleicht hilft es auch, das Reglement zu ändern. Ich bin kein Mediziner, aber wenn sich die Durchschnittsgeschwindigkeit so dramatisch erhöht hat, kann ja etwas nicht stimmen. Wie wäre es, mal eine symbolische Geschwindigkeitsbegrenzung einzuführen - und das Team auszuzeichnen, das transparent agiert und auf Doping verzichtet?

Frage: Noch einmal zurück zum Fußball. In Brasilien brodelt es derzeit gewaltig. Der Vorwurf steht im Raum, dass soziale Anliegen zugunsten der bevorstehenden Weltmeisterschaft in den Hintergrund treten. Spaltet der Sport bei zuviel Kommerz eine Gesellschaft?

Nonte: Ganz im Gegenteil. Vielleicht ist die Vorbereitung auf die WM genau das Zeitfenster, in diesem großen, sozial sehr gespaltenen Land Veränderungen herbeizuführen. Papst Paul VI. hat einmal zu den Armen in Sao Paulo gesagt: "Ihr seid wie die Eucharistie, ein Sakrament Gottes." Wenn wir das transportieren und gleichzeitig Gewalt verhindern, dann wird die WM eine feine Sache. Unabhängig davon wer den Titel holt.

Von Joachim Heinz (KNA)

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