Eine Welt-Marke

Vor 150 Jahren gründete der Schweizer Henry Dunant das Rote Kreuz. Anlass für die Schaffung der neutralen und freiwilligen Hilfsorganisationen war ein schreckliches Elend.

Jubiläum | Bonn - 13.01.2013

"Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät." Was Henry Dunant (1828 – 1910) am 25. Juni 1859 in der Nähe der norditalienischen Stadt Solferino sieht (und später aufschreibt), erfüllt ihn mit Grauen. Tags zuvor sind die Truppen Frankreichs, Sardiniens und Österreichs aufeinandergetroffen. Rund 30.000 Menschen verloren ihr Leben, weit mehr sind teils schwer verwundet. Eigentlich will Dunant in Solferino mit Napoléon III. Geschäftliches besprechen. Doch was der Schweizer schließlich tut, sollte die Wohlfahrtspflege auf der ganzen Welt nachhaltig verändern.

Dunant sieht das Elend der verletzten und sterbenden Soldaten – und wird aktiv. Er organisiert freiwillige Helfer und richtet ein provisorisches Krankenhaus ein. Auch später lässt ihn das Erlebte nicht mehr los. In Dunant reift eine Idee: In allen Ländern soll es neutrale und freiwillige Hilfsorganisationen geben, die sich bei Kämpfen um die Verwundeten kümmern.

Nach einer europaweiten Werbetour findet Dunants Vision viele Anhänger. In Genf wird am 9. Februar 1863 ein Komitee gegründet, das am 17. Februar zu einem ersten Treffen zusammenkommt. Es ist die Geburtsstunde des Roten Kreuzes und der Beginn einer internationalen Erfolgsgeschichte.

Doppeltes Jubiläum

Doch nicht nur international, auch in Deutschland wird in diesem Jahr der 150. Geburtstag der Hilfsorganisation gefeiert. Bereits kurz nach der Gründung des Komitees in Genf wird am 12. November 1863 der "Württembergische Sanitätsverein" als erste Rotkreuzgesellschaft auf deutschem Boden ins Leben gerufen. Seit Sonntag wird das Jubiläum das ganze Jahr über mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert.

Heute ist das Rote Kreuz weder weltweit noch in der Bundesrepublik wegzudenken. "Es ist der größte ehrenamtliche Hilfsverband, den man vor allem von Rettungseinsätzen, dem Blutspende-Dienst und der Katastrophenhilfe kennt", sagt Dieter Schütz, Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). In der Tat kümmert sich die Organisation heute um weit mehr als nur um verletzte Soldaten. Neben Katastrophenhilfe und Rettungseinsätzen gehören auch Kranken- und Seniorenpflege sowie Sozialarbeit und Hilfe für Kinder, Jugendliche und Familien zum Aufgabenspektrum des DRK.

Licht und Schatten

Und natürlich der Suchdienst. Kümmert er sich heutzutage um Familienzusammenführungen nach großen Unglücken und Katastrophen, erlebte er seine Hochzeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Mitarbeiter ausgebombte, vermisste und vertriebene Menschen wieder mit ihren Familien zusammenbrachten. .

Skulptur Henry Dunants im Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum in Genf.
Skulptur Henry Dunants im Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum in Genf.
 Flickr user Qtea/Creative Commons

Für DRK-Sprecher Schütz ist das eine "Sternstunde" in der Geschichte des Verbandes. Andere große Momente sind seiner Ansicht nach die Einsätze nach dem Elb-Hochwasser 2002, dem Tsunami 2004 in Südostasien oder nach dem schweren Erdbeben in Haiti vor drei Jahren

Wo Licht, da aber auch Schatten. Das Gegenteil einer Sternstunde nennt Schütz die NS-Zeit. "Wie viele andere Organisationen wurde auch das DRK gleichgeschaltet", sagt er. Das sei natürlich keine Ausrede für den Dienst im Sinne des Nationalsozialismus. Allerdings habe man die Zeit im Dritten Reich vor einigen Jahren wissenschaftlich aufgearbeitet .

Webseite zum Jubiläum

Mit einer besonderen Internetseite würdigt das Deutsche Rotes Kreuz das 150-jährige Jubiläum.

Webseite zum Jubiläum

Für die tägliche Arbeit stehen den rund 140.000 festgestellten DRK-Mitarbeitern mehr als 400.000 ehrenamtliche Kräfte zur Seite. "Das Ehrenamt wird nicht nur bei uns immer wichtiger", sagt DRK-Sprecher Schütz. Der demografische Wandel und die dadurch entstehenden zusätzlichen Belastungen für den Sozialstaat erforderten ein noch größeres gesellschaftliches Engagement.

Kreuz und Halbmond

Das Zeichen der Hilfsorganisation, das rote Kreuz auf weißem Grund, ist übrigens eine Umkehrung der Schweizer Flagge zu Ehren ihres Gründers Dunant. Während es die meisten der 187 nationalen Organisationen verwenden, weht in fast allen islamischen Ländern ein roter Halbmond. Erstmalig zu sehen war dieser im Russisch-Osmanischen Krieg (1876/77), als die osmanische Regierung der Ansicht war, ein Kreuz könnte die religiösen Gefühle verletzten.

Egal ob Kreuz oder Halbmond. Nach 150 Jahren ist die Organisation mit ihrem Logo eine Marke wie kaum eine andere auf der Welt. Oder wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schreibt: "Das Rote Kreuz ist eines der ältesten Abzeichen der Welt, vermutlich bekannter als Coca Cola, und man wird keinem Durstigen mit der Behauptung zu nahe treten, dass seine Wirkung segensreicher war als die aller Erfrischungsgetränke. Kein Marketingexperte hat das Emblem erfunden. Niemand hätte sich vor eineinhalb Jahrhunderten träumen lassen, dass aus dem Treffen einiger Genfer Honoratioren eine Institution hervorgehen wird, wie sie die Geschichte der Menschheit nie zuvor gekannt hat."

Von Christoph Meurer

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