"Einen Leitfaden fürs ganze Leben gewonnen"

2014 traten 217.716 Katholiken aus der Kirche aus - so viele wie nie in ihrer Geschichte. Doch es geht auch anders herum: Michael Schneider entschied sich als Erwachsener dazu katholisch zu werden.

Serie: Mein Glaube | Bonn - 06.08.2016

Früher steckte er Jesus eher mit einer Symbolfigur wie dem Weihnachtsmann in eine Schublade. Seine Familie war genauso wenig religiös wie seine Freunde oder Mitschüler. Michael Schneider wuchs in Leipzig auf und kam mit dem Thema Religion kaum in Kontakt. Irgendwann in seiner Schullaufbahn war er zwar vom Fach Ethik zu evangelischer Religion gewechselt, aber nur "weil Religion leichter war". Denn hier ging es vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen. Den Katholizismus kannte Schneider noch nicht. Er verband damit lediglich ein Konstrukt aus Vorschriften und Verboten.

Das begann sich zu ändern, als Michael mit 25 Jahren seine spätere Freundin kennenlernte. Er studierte mittlerweile Bauingenieurwesen in Leipzig und traf Magdalena im April 2014 auf einer WG-Party. Die beiden verstanden sich sofort gut und verabredeten sich nach der Feier noch einige Male. Sie war gläubige Katholikin, das war neu für ihn. Bald schien es aber klar zu sein: Sie und ein Atheist, das konnte nicht gut gehen. Magdalena brach den Kontakt ab. "Das verstand ich nicht", sagt Michael. "Ich verstand einfach nicht, wie die Religion so zentral sein kann." Einen Monat lang sahen sich die beiden nicht, bis sie sich zufällig wieder begegneten. Auf dem Weg zurück vom Badesee radelte er mit seinen Freunden an Magdalena vorbei. Sie war mit einer Freundin unterwegs. Michael stieg ab, um kurz "so freundlich, wie möglich" mit ihr zu sprechen. Nur wenige Zeit später meldete sich die damals 20-Jährige bei ihm: Die beiden begannen, sich wieder zu treffen. "Ihr katholischer Glaube machte mich aber weiterhin stutzig", sagt Michael. Einmal schickte Magdalena ihm einen Link zu einem Video mit einer Predigt. Dort ging es um die Schöpfungserzählung aus dem Alten Testament. "Was für ein Unsinn", dachte er sich, als er sich den Kurzfilm ansah.

"Wo bin ich hier gelandet?"

Doch Michael merkte, dass er sich mehr für Magdalenas Glauben öffnen musste, wenn er ihn verstehen wollte. Deshalb fing er an, sie in Gottesdienste  zu begleiten – für ihn eine neue Welt. Besonders befremdete Michael anfangs, wie die Gemeindemitglieder dem Priester alle gemeinsam antworteten. "Wo bin ich hier gelandet", fragte er sich. Mit der Predigt habe er noch am ehesten etwas anfangen können. Im Youcat, einem Katechismus für junge Leute, den Magdalena ihm gegeben hatte, las er nach. Zum ersten Mal in seinem Leben beschäftigte Michael sich mit religiösen Glaubensinhalten und kirchlichen Standpunkten. Über Abtreibung habe er beispielsweise vorher nie nachgedacht. "Meine Einstellung war eher: 'Soll doch jeder tun, was er will'", sagt er. Ein anderes Thema wurde für den jungen Mann die Frage nach der Sexualität außerhalb der Ehe. So habe er sich erstmals gefragt, was hinter dem kirchlichen Verbot steckt und warum es sinnvoll sein könnte. "Durch die biologische könnte eine geistige Verbindung vorgegaukelt werden, die aber noch gar nicht da ist", sagt er.

Gottesdienst St. Michael München
Ein katholischer Gottesdienst in der Jesuitenkirche St. Michael in München.
 privat

Als Magdalena 2015 ihren Bachelor im Fach Klavier in Leipzig abschloss, war für Michael klar, dass er seiner Freundin für ihr Masterstudium nach München folgen würde. Die Beziehung stand für ihn im Vordergrund. Und er hatte bereits alle Pflichtveranstaltungen seines Studiums abgeschlossen. Michael war sich nun sicher, mehr über den christlichen Glauben lernen zu wollen. Eine mit Magdalena befreundete Ordensschwester erzählte von der Katholischen Glaubensorientierung in München. Im September 2015 wagte er den Schritt - und belegte einen Kurs für "Erwachsene, die den christlichen Glauben erneuern oder sich auf Taufe, Firmung und Kommunion vorbereiten wollen". Es begann mit den Grundlagen, zunächst mit der Bibel: "Wie ist sie aufgebaut? Welche Bücher beinhaltet sie? Was ist ihre Botschaft?" Darauf folgte eine Auseinandersetzung mit den Sakramenten: "Wo kommen sie her? Was steckt dahinter?" Rund 40 Interessenten kamen dieses Mal zur Glaubenseinführung zusammen. Nach jeder Katechese gab es einen Gottesdienst, anschließend abends noch einmal ein gemeinsames Gespräch.

"Unglaublich, dass Gott konkret in unsere Welt tritt"

Er habe sich schon immer für Physik, Astronomie und damit verbundene existentielle Fragen interessiert, so Michael. "Von daher war zumindest der Glaube an Gott schon fast naheliegend." Komplizierter und sehr viel schwerer greifbar sei für ihn dagegen der Glaube an Jesus Christus gewesen. "Es ist doch unglaublich, dass Gott ganz konkret in unsere Welt tritt. Ich wollte Fakten und Beweise", sagt er. Um sich dennoch die Person Jesu zu erschließen, sei er irgendwann anders an das Thema herangegangen und habe mehr auf dessen Handeln geschaut: "Wenn man sich damit intensiv befasst, kann man erkennen, dass in dieser Person ein Ideal vorliegt." Durch Gespräche mit Katholiken und eigene Bibellektüre seien ihm dann nach und nach die Person und der göttliche Anspruch Jesu immer deutlicher geworden.

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Hilfreich war und ist für Michael bis heute der katholische Freundeskreis von Magdalena, die in München aufgewachsen ist. Regelmäßig treffen sich die Studenten, um gemeinsam theologische Bücher zu lesen, zuletzt stand "Salz der Erde" von Josef Ratzinger, dem emeritierten Papst Benedikt XVI., auf dem Programm. Wider Erwarten wurde Michael klar, dass Katholiken nicht unbedingt "abgedrehte Menschen" sind, sondern durchaus bewusst und reflektiert leben. "Katholiken waren mir vorher immer sehr festgefahren und starr in ihren Vorstellungen vorgekommen", sagt er. Von außen wirke Katholizismus wie ein Gebäude aus Zwängen und Anforderungen. "Erst wenn man drin ist, merkt man, dass die Regeln hilfreich und nützlich sind." Mit denselben Freunden fahren Michael und Magdalena alle paar Monate für ein Wochenende ins Karmeliterkloster Reisach. Ein Priester der Gemeinschaft diskutiert dann mit ihnen über theologische und geistliche Texte. Der Tag wird strukturiert durch feste Gebetszeiten. Besonders beeindruckte Michael beim ersten Mal die Stille – gleich den ersten Abend sollten sie alleine verbringen. "Ich empfand das als sehr angenehm und kam wirklich zur Ruhe", sagt er.

Magdalena hielt sich während der ganzen Zeit zurück und drängte Michael nie zu etwas. Doch im November 2015 entstand in ihm der Wunsch, sich taufen zu lassen. Es sei eine Entwicklung bis dahin gewesen, die viele Neuerungen mit sich gebracht habe, sagt er. Vor allem seine Einstellung habe sich verändert, seitdem er sich mit dem Katholizismus auseinandersetze. Viel stärker als früher hinterfrage er heute das eigene Handeln. Mit Jesus Christus habe er schließlich eine Art Leitfaden für das ganze Leben gewonnen. In Entscheidungssituationen frage Michael sich beispielsweise, wie Jesus gehandelt hätte. "Das Schöne am Glauben ist: Man bekommt einen Vorschuss von Gott. Ich muss zwar gut handeln, aber ich bin schon von Gott geliebt", fügt er hinzu.

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Bei den Leipziger Freunden löste seine Entscheidung viele Diskussionen aus: "Ist das dein Ernst? Nur wegen deiner Freundin?", fragten sie. Doch es gab "keine wirklich negativen Reaktionen". "Ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet", sagt Michael. Er wollte niemandem seinen neuen Glauben aufdrängen, aber "das Interesse kam von alleine". Mit einem Freund, der Philosophie studiert, führte er viele intensive Gespräche. Das Fazit: Der katholische Glaube war dem Philosophen gar nicht so fremd. Auch mit Schneiders Familie gab es keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil. Vor allem sein jüngerer Bruder wollte von ihm mehr über den Glauben wissen. Und seine Eltern hätten erkannt, dass es ihm damit ernst sei, und akzeptierten dies. "Das weiß ich sehr zu schätzen", sagt Michael. Die meisten Teilnehmer seines Glaubenskurses hätten ganz andere Erfahrungen gemacht.

Ein besonderes Erlebnis

Ein besonderes Erlebnis war das Weihnachtsfest 2015, das Michael wie immer mit seiner Familie feierte. Dieses Mal stand für ihn fest: Ich werde in die Christmette gehen. Spontan schlossen sich daraufhin seine Mutter und sein Bruder aus Neugier an. "Auch wenn die Messe auf sie komisch und befremdlich wirkte, hatten sie am Ende doch ein gutes Gefühl. Besonders gefiel ihnen das gemeinsame Singen", sagt Michael. Später hätten die beiden viele Fragen zum Ablauf des Gottesdienstes gestellt. Als er an Ostern 2016 getauft wurde, kamen Vater, Mutter und Bruder eigens von Leipzig nach München angereist.

Von Julia-Maria Lauer

Zur Person

Michael Schneider (27 Jahre), Bauingenieur, empfing am 26. März 2016, in der Osternacht, im Dom zu Unserer Lieben Frau in München die Sakramente der Taufe, Firmung und Kommunion.

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