Einsatz im Brennpunkt

Wenn am Abend die Schießereien losgehen in La Emergencia, dann greift Padre Gerardo schon mal sein Megafon, steigt in seinen Opel Corsa und beginnt im Vorbeifahren den Rosenkranz zu beten. Keine gewöhnliche Seelsorge für einen alten bretonischen Pfarrer tief im achten Lebensjahrzehnt. Aber Padre Gerardo Ouisse ist eben anders – und seine Gemeinde ist es auch.

Chile | Santiago de Chile - 18.03.2014

Wenn am Abend die Schießereien losgehen in La Emergencia, dann greift Padre Gerardo schon mal sein Megafon, steigt in seinen Opel Corsa und beginnt im Vorbeifahren den Rosenkranz zu beten. Keine gewöhnliche Seelsorge für einen alten bretonischen Pfarrer tief im achten Lebensjahrzehnt. Aber Padre Gerardo Ouisse ist eben anders – und seine Gemeinde ist es auch.

Padre Gerardo lebt mitten im "Ernstfall", mitten in "La Emergencia", dem Drogenumschlagsplatz Nummer eins in Chiles Hauptstadt Santiago. Am Tag sieht es hier gar nicht so gefährlich aus, wie es in Wahrheit ist: kleine Häuschen mit Wellblechdach und Nationalfahne säumen die Straßen. Auffällig scheint die Quote von Männern im arbeitsfähigen Alter, die in den Eingangstüren stehen und die Szenerie beäugen. "Parocchia" heißt das Zauberwort, wenn die Anwohner oder der schwer bewaffnete Wachsoldat an der Straßenecke fragen, was die Fremden hier wollen. Zur "Pfarrgemeinde" – na, dann ist es gut. Aber keine Fotos; zu viele hier haben Ärger mit der Polizei.

Padre Gerardo: Solidarität ist das Kapital

Padre Gerardo bricht eine Lanze für die Stigmatisierten von "La Emergencia", verteidigt sie gegen den pauschalen Vorwurf der Medien, wer hier lebe, sei kriminell und asozial. Für jeden hat er ein gutes Wort: für den zahnlosen Alten mit dem selbst gebauten Mofa; für das hochschwangere Mädchen, das kaum 16 ist; für die alte Frau, die mit ihrem Napf zur Suppenküche der Pfarrei gekommen ist und sich unter dem Wasserhahn im Hof die Haare wäscht. "Solidarität, das ist das Kapital hier", sagt der Pfarrer. Der untersetzte Mann mit Ringelpulli und Sandalen spricht leise und mit Bedacht, schaut freundlich durch seine aus der Zeit gefallene Goldrandbrille.

"Aber wehe, wenn er sauer wird", verrät Gerardos WG-Kollege Pedro Ossandon (56), Weihbischof der Hauptstadtdiözese und einer der Hoffnungsträger der chilenischen Kirche. Dann wird der Pfarrer laut, diktiert in die Mikrofone, was ihm stinkt an der Arbeit der Behörden, was getan werden muss im Viertel: Straßenbeleuchtung, eine Bankfiliale. Padre Gerardo genießt lokale Bekanntheit, Respekt - und bekommt Drohungen. "Wenn du erschossen wirst, lese ich dir die Totenmesse", hat ihm der Weihbischof versprochen, im Scherz und doch im vollen Bewusstsein, dass er sein Versprechen womöglich eines Tages einlösen muss.

Ungleiche WG-Genossen: Padre Gerardo Ouisse(L), Seelsorger im sozialen Brennpunkt La Legua in Santiago de Chile, und Pedro Ossandon(R), Weihbischof der Hauptstadtdiözese.
Ungleiche WG-Genossen: Padre Gerardo Ouisse(L), Seelsorger im sozialen Brennpunkt La Legua in Santiago de Chile, und Pedro Ossandon(R), Weihbischof der Hauptstadtdiözese.
 KNA

Einer kocht, der andere spült

Die beiden kannten sich schon lange: der Armenpfarrer, der vor 28 Jahren als Tourist kam und sich "in die Menschen hier verliebte", und der kirchliche Aufsteiger aus einer der Top-Familien des Landes. Als Ossandon, zwischenzeitlich im Süden Chiles und Generalsekretär der Bischofskonferenz, 2011 als Weihbischof nach Santiago zurückkehrte, fragte er bei Gerardo an: "Kann ich bei dir wohnen?" – "Ich koche und er spült ab", verrät Gerardo. "Dabei reden wir über alles, was wir erleben – unter dem Siegel der Verschwiegenheit."

In der Pfarrei haben auch einmal Ordensfrauen gewohnt und gearbeitet – bis es wirklich zu gefährlich wurde. In ihrer Kapelle "Maria Frieden" flogen die Kugeln rivalisierender Banden. Rund 200 Einschusslöcher in der Fassade zeugen davon. Eine durchschlug sogar das hölzerne Kruzifix, gleich rechts neben dem Kopf des Herrn. Das Obergeschoss, einst als Seniorenzentrum des Viertels genutzt, ist regelrecht durchlöchert, unbrauchbar und inzwischen eingestaubt.

Keinen anderen WG-Genossen

Einmal, während der Dienstagsmesse, gab es eine Dauerschießerei. Am Ende ließen die Kampfhähne die Messbesucher mit erhobenen Händen und der Bibel in der Hand abziehen; solange herrschte Waffenstillstand. In diesem menschlichen Drama ist Padre Gerardo ein Leuchtturm. Kein großer zwar, aber einer mit viel Kraft. In der Nachbarschaftsschule "Johannes XXIII.", die quasi nur Kinder aus Problemfamilien unterrichtet, nennen 90 Prozent den Pfarrer als Vorbild. Wie lange der 75-Jährige den aufreibenden Job noch machen will - denn unersetzlich ist er ja ohnehin? Zumindest, solange Ossandon Weihbischof bleibt; "einen andere WG-Genossen würde er nicht akzeptieren!" In etwa fünf Jahren wird der Posten des Hauptstadt-Erzbischofs frei und der Wind steht derzeit günstig für Priestergestalten wie Gerardo Ouisse und Pedro Ossandon.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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