Es geht ein bisschen

Timbuktu im Norden Malis gilt seit Ende Januar als befreit. Dschihadisten, Terroristen und Rebellen sind vertrieben. Alltag hat sich in der Stadt am Rande der Sahara aber längst noch nicht wieder eingestellt. Viele Menschen quält vor allem eins: Sie wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen.

Mali | Timbuktu - 09.05.2013

Timbuktu im Norden Malis gilt seit Ende Januar als befreit. Dschihadisten, Terroristen und Rebellen sind vertrieben. Alltag hat sich in der Stadt am Rande der Sahara aber längst noch nicht wieder eingestellt. Viele Menschen quält vor allem eins: Sie wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen.

Anfang Mai in Timbuktu. Das Thermometer steigt tagsüber auf 40 Grad Celsius. Mittags sind die sandigen Straßen leergefegt. Die meisten der kleinen Geschäfte mit oft nur wenigen Quadratmetern Verkaufsfläche bleiben geschlossen. Unter schattigen Bäumen spielen ein paar junge Männer Dame. Das Spielbrett ist abgenutzt, die schwarzen Felder kaum von den weißen zu unterscheiden.

Jedes Spiel dauert nur ein paar Minuten. Es muss schnell gehen. Jeder möchte spielen - denn eine andere Beschäftigung gibt es nicht. Eine einigermaßen geregelte Arbeit haben die Wartenden schon lange nicht mehr.

Timbuktu, einst Zentrum des Transahara-Handels, Treffpunkt von Forschungsreisenden und bekannt für seine jahrhundertealten Universitäten, hat zuletzt hauptsächlich vom Tourismus gelebt. Nicht nur die größeren Hotels, sondern auch die vielen Fremdenführer, die Marktfrauen, die Jungs, die Telefonkarten und Zigaretten verkauften. Seit der Besetzung durch die Islamisten bleiben die Gäste weitgehend aus. Als immer öfter durchsickerte, dass sich AQMI - die Al Kaida im islamischen Maghreb - im Norden Malis ausbreitete, wurde die Region zur roten Zone.

Immer wieder Anschläge

Auch nach dem Ende der Besatzung ist völlig unklar, wann die Touristen und damit auch das Geld zum Überleben zurückkommen könnten. Im Stadtzentrum ist es zwar ruhig, das malische Militär ist präsent. Weit weniger gesichert sind allerdings die Dörfer der Umgebung.

Dass es immer wieder zu Anschlägen kommen kann, haben die vergangenen Wochen gezeigt. Erst am Samstag kamen in der Nähe von Gao, der zweiten großen Stadt des Nordens, zwei malische Soldaten ums Leben. Dabei ist dort die Militärpräsenz weit höher als in Timbuktu.

In Sankore, einem Stadtteil im Zentrum Timbuktus, stehen die Menschen schon am frühen Morgen Schlange. Die ersten halten kleine Zettel in der Hand, das sogenannte Ticket für den 50-Kilo-Sack Reis. Verteilt werden die Säcke von der Welthungerhilfe und deren lokalem Partner AMSS. Jeden Tag ist ein anderer Stadtteil an der Reihe.

Damit solle, so erklärt Handedeou Assarki von AMSS, die größte Not gelindert werden. Denn nicht nur der Tourismus, auch die Landwirtschaft liegt darnieder. Die Flächen liegen nicht im gesicherten Stadtzentrum. "Erst langsam gewinnen die Menschen ihr Vertrauen zurück", berichtet Assarki.

Der 32-jährige Ahmed Traore spielt mit seinem Zettelchen, das ihm die kommenden Wochen das Überleben sichern soll. Zwei Kinder und seine Frau warten darauf. "Wir werden jeden Tag etwa ein Kilo Reis zubereiten." Seine Familie sei nicht besonders groß. Früher habe er das bedauert; heute ist es ein Glücksfall.

Erst langsam gewinnen die Menschen ihr Vertrauen zurück

Handedeou Assarki

Wie die übrigen Männer und Frauen, die mit ihm warten, hat auch er keine Arbeit und damit keine Chance auf Verdienst: "Was für eine Arbeit sollte ich machen? Im Moment gibt es hier oben nichts."

Waren ja, Geld nein

Wenige Straßen weiter spüren das auch die Marktfrauen. Das Dach über dem größten Markt der Stadt hält die Hitze der Mittagssonne ein wenig ab. Über den Fischen schwirren Fliegen. Es riecht nach Innereien.

Fisch lässt sich zwar wieder kaufen, ebenso wie Reis, Ziegenfleisch, Zwiebeln und Tomaten. Doch die Kunden bleiben trotzdem aus. "Hier hat doch niemand Geld", klagt eine der Händlerinnen. Sie zeigt auf die kleinen Fische, die sie heute verkaufen möchte.

Doch vermutlich wird sie sie am Abend wieder mit nach Hause nehmen. Es sind keine Prachtexemplare; maximal fünf Euro würden sie bringen, falls sie denn alle verkaufen könnte. Wann es wieder besser wird? Sie weiß es nicht.

Ahmed Traore ist jetzt an der Reihe und kann den Reis für seine Familie in Empfang nehmen. Für den Moment ist er damit zufrieden: "Jetzt wird es wieder ein bisschen gehen."

Von Katrin Gänsler (KNA)

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