Es ist aber auch ein Kreuz!

Ein satirischer Wochenrückblick von Felix Neumann

War's das? | Bonn - 20.05.2017

Die Woche steht ganz unter dem Zeichen des Kreuzes. Gerade in Berlin. Oder genauer: Gerade nicht in Berlin. Die Hauptstadt ist nach ihrem Neutralitätsgesetz nämlich eine kreuzfreie Zone – jedenfalls an den Hälsen von Lehrern, Justizangestellten und Richtern. Die neulich gemaßregelte kreuztragende Lehrerin ist daher auf die Variante umgestiegen, die schon die verfolgten Christen im alten Rom verwendet haben: einen Fisch. Und wenn der Fisch verboten wird, findet sich sicher bald ein neues christliches Symbol – bis Berliner Lehrer dann zur Sicherheit nur noch nackt unterrichten dürfen. (Aber Obacht: Dann bitte nicht mehr in den Kölner Dom, dort legt man Wert darauf, dass niemand das Gotteshaus so betritt, wie Gott ihn schuf.) Die Alternative wäre Totalverschleierung zur Übertünchung jeglicher potentiell verstörender Identität. Doch die fällt leider aus. Sie wissen schon warum.

Auch sonst sind Kreuze ziemlich problematisch in Berlin: Beim Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gibt es nämlich ein kleines Detail, das manche ziemlich stört. Die "Stiftung Zukunft Berlin" fordert: "Schlosskuppel: bitte ohne Kreuz", auch wenn ansonsten möglichst unoriginell nachgebaut werden soll, was früher da war. Ob das zu Ende gedacht ist? Bloß das Kreuz auf der Kuppel abzuschrauben könnte nicht reichen – nicht auszudenken, wenn wie bei Walter Ulbrichts Fernsehturm auch hier ungeplant kreuzförmige Lichteffekte in der Kuppel die laizistische Sensibilität stören würden!

Nicht nur der Glauben allgemein, auch der Glauben an die Rechtmäßigkeit des Neutralitätsgesetzes ist in Berlin eher schwach. Wohlweislich hat die Landesregierung bisher lieber Schadensersatz gezahlt als es durch die Instanzen zu verteidigen. Höchstrichterlich entschieden wird dafür eine andere Frage der Religionsfreiheit, gegen die der Streit um Kreuzanhänger recht harmlos wirkt: Ein italienischer Sikh zieht vor den europäischen Gerichtshof – Italiens oberste Richter wollte ihm seinen rituellen Dolch nicht erlauben. Am Dolch wird sich zeigen, was sticht: Sicherheit oder Religionsfreiheit?

Aber es gibt auch noch gute Nachrichten – jedenfalls für die Juden. Professor Robert Gnuse von der Loyola-Universität in New Orleans sagt nämlich: Die Gebote aus Leviticus gelten (zumindest historisch) keineswegs für alle Juden, sondern nur für die Priester. Alle anderen haben Schwein gehabt und dürften demnach Schwein essen. Und solange auf den zu erwartenden Hummus-Schinken-Sandwiches keine Kreuze sind, wird man sie wohl auch demnächst in Berlins Hipstercafés bekommen.

Von Felix Neumann

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