Es könnte so einfach sein

Es könnte alles so einfach sein, isses aber nicht", singt Popband "Die Fantastischen Vier" in einem ihrer Hits. Nein, im Leben läuft nicht immer alles glatt: sei es in der Ausbildung, im Beruf, im Straßenverkehr oder in Beziehungen. Scheitern gehört zum Menschsein dazu, da waren sich Theologen und Psychologen am Dienstagabend in Mülheim an der Ruhr einig.

Podiumsdiskussion | Mülheim an der Ruhr - 05.12.2012

Es könnte alles so einfach sein, isses aber nicht", singt Popband "Die Fantastischen Vier" in einem ihrer Hits. Nein, im Leben läuft nicht immer alles glatt: sei es in der Ausbildung, im Beruf, im Straßenverkehr oder in Beziehungen. Scheitern gehört zum Menschsein dazu, da waren sich Theologen und Psychologen am Dienstagabend in Mülheim an der Ruhr einig.

Die Frage des Umgangs mit gescheiterten Menschen hatte schon mehr Diskussionspotenzial, als im Rahmen der "Dialoge mit dem Bischof" des Bistums Essen Bischof Franz-Josef Overbeck, der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff sowie Thomas Auchter, Therapeut und Psychoanalytiker aus Aachen, in der katholischen Akademie "Die Wolfsburg" das Podium betraten.

Psychologe Auchter oblag es, dem Publikum zunächst zu erklären, worum es an diesem Abend eigentlich ginge. "Scheitern ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit", sagt er. Zwar gebe es das bereits seit Jahrtausenden, doch gerade in der heutigen Leistungsgesellschaft werde der Scheiternde in besonderem Maße stigmatisiert und als Versager dargestellt. Dabei sei scheitern nicht nur negativ. Man dürfe es zwar nicht schönreden, wohl aber als Herausforderung und Chance betrachten, mahnte der Psychologe an.

Schockenhoff: Zeichen in existenziellen Zeiten notwendig

Damit war zunächst Auchters Wortbeitrag zu Ende. Wenn eine kirchliche Akademie zur Diskussion übers Scheitern einlädt, ist klar, dass sie sich letztlich nur um zwei Varianten des Themas dreht: Priester, die ihr Amt aufgeben, und Ehepaare, die sich scheiden lassen. Also schwieg die Psychologie und die Theologie sprach.

Zunächst sprach Overbeck das Thema Priester an. Auch unter den Mitgliedern seines Priesterkurses gebe es Männer, die ihr Amt wieder aufgegeben hätten – auch aufgrund des Zölibats, räumte Overbeck ein. "Das hat mich nachdenklich gemacht", konstatierte er. Als Bischof höre er Priester in solchen Situationen immer lange zu, um die Entscheidung zu verstehen und alle Möglichkeiten abzuwägen. "Ich habe niemand sofort suspendiert, sondern um eine Phase des Nachdenkens über die Entscheidung gebeten."

Wie kann die Kirche mit dem Scheitern von Lebensentwürfen umgehen? (v.l.:) Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe; Bischof Franz-Josef Overbeck; Thomas Auchter und Wolfsburg-Direktor Michael Schlagheck.
In der Debatte: (von links) Eberhard Schockenhoff, Bischof Franz-Josef Overbeck, Thomas Auchter und Wolfsburg-Direktor Michael Schlagheck.
 Nicole Cronauge/Bistum Essen

Theologe Schockenhoff nickte zustimmend und mahnte zugleich an: "Menschen, die sich in einer existenziellen Umbruchzeit befinden, empfinden es als eine zusätzliche Demütigung, wenn man sie von außen sanktioniert." Vielmehr seien sie auf ermutigende Zeichen angewiesen.

Bibel-Auslegung und Kirchen-Tradition

Damit war der Boden für das eigentliche Thema des Abends bereitet. Der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen ist zu einem Brennpunkt für den von den deutschen Bischöfen ausgerufenen Dialogprozess geworden. Nicht zufällig hatte das Bistum Essen seinem höchsten Vertreter der Amtskirche deshalb den Moraltheologen Schockenhoff zur Seite gestellt.

Schon zu verschiedenen Gelegenheiten hatte der Theologe einen anderen Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen gefordert. Dass einerseits gesagt werde, sie gehörten zur Kirche, sie andererseits aber nicht die Kommunion empfangen dürften, sei "Ausdruck einer Hilflosigkeit", sagte Schockenhoff. In der katholischen Kirche sind wiederverheiratete Geschiedene vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen, solange ihr erster Partner noch lebt, weil sie damit in "objektivem Widerspruch" zur Unauflöslichkeit der Ehe stehen.

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Sowohl die Auslegung der Bibel als auch die kirchliche Tradition eröffne einen "Spielraum, den man nutzen könnte", so Schockenhoff. Overbeck argumentierte, ebenso mit Lehrmeinung und Bibel, dagegen. So habe die Kirche beispielsweise kein Recht, das Ja-Wort Gottes zu einer Ehe zu lösen.

Psychologe taugt nicht zum Kirchenkritiker

Im theologischen Disput wandte Psychoanalytiker Auchter ein, die Kirche könne in der Tat eine schwere Situation noch traumatisch verstärken. Da es aber "die Kirche" an sich nicht gebe, fielen die Antworten von Geistlichen auf existenzielle Fragen von Menschen sehr unterschiedlich aus. Kritik sowohl von Schockenhoff als auch von Overbeck musste Auchter einstecken, als er die Ansicht vertrat, dass Pläne und Vorstellungen, die auf ein ganzes Leben hin abzielten, per se zum Scheitern verurteilt seien.

Am Ende blieb der Eindruck von einem Abend, dass es trotz des brisanten Themas auf dem Podium viel zu friedlich zuging. Thomas Auchter bekundete im Angesicht des theologisch aufgeladenen Abends seine ungeheure Freude darüber, dass er so befreit an die Menschen herangehen könne. Moraltheologe Schockenhoffen hielt seinen Kritikern im Land entgegen, dass ein kirchlicher Segen von wiederverheirateten Geschiedenen in keinem Fall das Absegnen der Sünde des Ehebruchs sei.

Bischof Franz-Josef Overbeck rang mit dem Spannungsfeld von kirchlicher Lehre und menschlicher Lebenspraxis im 21. Jahrhundert. "Menschen nehmen Verkündigung nur ernst, wenn sie menschlich ist", sagte er. Dieser "Paradigmenwechsel" erfordere eine große Verantwortung. "Wie antworten wir auf eine gänzlich veränderte Welt? Was ist wirklich glaubwürdig?", fragte Overbeck und meinte damit: Auf die Bischöfe kommt noch eine Menge Arbeit zu.

Von Christoph Meurer

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