Evangelisch und lebensnah?

Die evangelische Kirche wollte eine von ihr beauftragte Denkschrift zur Sexualethik nicht veröffentlichen - nun publizieren die Autoren sie einfach selbst. Was der Text für die Ökumene bedeutet, analysiert Theologin Dorothea Sattler.

Sexualethik | Münster - 24.08.2015

Nicht schon wieder ein Skandal! Der Rat der evangelischen Kirche in Deutschland hatte eine Kommission beauftragt, eine Denkschrift zur Sexualethik zu verfassen. Veröffentlichen wollte er sie dann doch nicht. Das haben fünf der Autoren jetzt doch getan: Heute erscheint das Buch unter dem Titel "Unverschämt – schön". Die Münsteraner Professorin für Ökumene Dorothea Sattler hat sie gelesen.

Am 24. August 2015 erscheint eine von fünf Autorinnen und Autoren (Peter Dabrock, Renate Augstein, Cornelia Helfferich, Stefanie Schardien und Uwe Sielert) erarbeitete Darstellung der Sexualethik aus evangelischer Sicht, die nach eigenem Anspruch "lebensnah" argumentiert. Eine Veröffentlichung zu dieser Thematik war lange schon im Gespräch, da eine gedankliche Verbindung zu jener kontrovers rezipierten Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland nahe lag, die 2013 unter dem Titel "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken" veröffentlicht wurde.

Dorothea Sattler ist Leiterin des Ökumenischen Instituts an der Universität Münster.
Dorothea Sattler ist Leiterin des Ökumenischen Instituts an der Universität Münster.
 Benedikt Plesker

Die evangelische Perspektive will sexualfreundlich sein

"Der Zugang zur Sexualität aus evangelischer Perspektive ist (…) grundsätzlich ‚sexualfreundlich‘". Sexualität wird "als Quelle der Lebenslust, Möglichkeit der Fortpflanzung, als Kommunikationsmedium und Beziehung stiftende Kraft" gesehen und daher als eine gute Gabe Gottes verstanden. Auf der Basis dieser Positionierung, die sich auf schöpfungstheologische Aussagen berufen kann, nimmt die Studie an vielen Stellen in den Blick, wie reichhaltig die verschiedenen Formen der Sexualität sind, die Menschen selbstbestimmt leben.

Dieser Zugang zu den gegenwärtigen Lebenswirklichkeiten steht jedoch aus Sicht der Autorinnen und Autoren der Herausforderung nicht entgegen, sich differenzierend und mit argumentativer Urteilskraft zu einzelnen Formen gelebter Sexualität zu äußern.

Wer ethische Wertungen vornehmen möchte, bedarf der Kriterien. Die Studie gewinnt diesen Maßstab durch die normativen Schriftzeugnisse, bei deren Interpretation Erkenntnisse über die historischen Hintergründe bei der Abfassung der Texte bedacht werden. Den hermeneutischen Horizont der Schriftauslegung bilden zudem Einsichten, die im geschichtlichen Wandel heute insbesondere auch durch das Gespräch mit den nicht-theologischen Wissenschaften in der theologischen Ethik gewonnen werden können.

Beziehungsorientiert und inklusionssensibel

Durchgängig leiten zwei Gesichtspunkte die Stellungnahmen zu Formen der Sexualität: Sie sind daraufhin zu prüfen, ob sie "beziehungsorientiert und inklusionssensibel" sind. Vor diesem Hintergrund wird die Rede von der "sexuellen Selbstbestimmung" des Menschen gegenüber liberalen Vorstellungen von der radikalen Autonomie des Subjekts unterschieden.

Wiederholt werden Kriterien stark gemacht, die zur Bildung eines ethischen Urteils über Formen gelebter Sexualität dienen: als Voraussetzungen die Freiwilligkeit des Geschehens, die Achtung der Andersheit des begegnenden Menschen, die Ermöglichung gleicher Chancen auf die Verwirklichung sexuellen Lebens sowie die Bereitschaft zur Treue und zum Neuanfang; als Aspekte der Gestaltung die Verbindlichkeit, die Verlässlichkeit, die wechselseitige Verantwortung füreinander und der Schutz der Beteiligten vor Übergriffen; im Hinblick auf die Folgen eine möglichst dauerhafte Lebenszufriedenheit aufgrund der sexuellen Beziehung. In der Konsequenz ihrer "Perspektivveränderung von einem primär institutionsbasierten zu einem primär kriteriengeleiteten Verständnis der Lebensformen" sehen die Autorinnen und Autoren der Studie die Möglichkeit, an einer "besonderen Hochschätzung von Ehe" festzuhalten und zugleich anzuerkennen, dass es auch in anderen Lebensformen den Wunsch nach einem Leben in Entsprechung zu den genannten Kriterien gibt.

Bleibende Bedeutung der biblischen Weisung

Die Studie liest sich gut. Offenkundig gab es eine Schlussredaktion, die die Teile zu einem auch außerhalb von Fachkreisen leicht rezipierbaren Text geformt hat. Die gewählte Methodik, auf der Basis des Wissens um die Zeitbezogenheit der biblischen Zeugnisse (dennoch) deren normativen Gehalt zu ermitteln, überzeugt. Bei aller Bereitschaft zu einer geschichtlichen Relativierung der normativen Schriftaussagen bemüht sich die Studie jedoch auch redlich darum, die bleibende Bedeutung der Weisungen zu ermitteln – beispielsweise mit dem Hinweis darauf, dass ein Ehebruch ein Einbruch in die Biographien anderer Menschen bedeutet, dessen Folgen im gesamten Familiensystem spürbar sind.

Hier wie an anderen Stellen wird die Institution der Ehe als ein Schutzrahmen für gelingende Lebenskonzepte gegenüber der Annahme verteidigt, sie bedeute prinzipiell einen Freiheitsverlust. Unter Berufung auf die alttestamentliche Prophetie und die in ihr hergestellte Analogie zwischen der Ehe und der Beziehung des "Bräutigams" Gott zur "Braut" Israel wird die "von Achtung und Liebe geprägte Einehe" in der Studie sogar "nicht nur als ein ‚weltlich Ding‘" verstanden.

Evangelische Tradition der Bibelinterpretation

Die Studie beruft sich bei ihrer Schrifthermeneutik auf die besonders in der evangelisch-lutherischen Tradition vertraute Vorstellung, dass biblische Einzelaussagen dahingehend zu qualifizieren seien, "ob sie Christum treiben" (vgl. S. 18). Das in Christus Jesus offenbare Evangelium von der unverbrüchlichen Treue Gottes ist als die "Klammer" zu verstehen, innerhalb derer "nach evangelischem Verständnis die zahlreichen alt- und neutestamentlichen Forderungen und Mahnungen zu hören [sind], dieser Treue im eigenen Tun zu entsprechen".

Mit ihrer Wertschätzung der Versöhnungsbereitschaft, der Ermutigung zum Neubeginn in Beziehungen auch angesichts von Schuldverstrickung und gewiss auch mit der Verheißung der Gnade und des Erbarmens Gottes im Scheitern eines Lebensentwurfs sowie im Blick auf eine von Gott bereitete eschatologische Versöhnung setzt die Studie soteriologische Akzente.

Arbeitet die katholische Ethik anders?

Es gibt nur wenige Passagen in der Studie, in denen explizit auf andere konfessionelle Positionen zustimmend oder ablehnend Bezug genommen wird. Gleich zu Beginn erfolgt die Diagnose, dass seit der "sexuellen Revolution" in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts "beiden großen Kirchen in Deutschland aufgrund ihrer vermeintlich leibfeindlichen Traditionen hinsichtlich des Umgangs mit Sexualität kaum Prägewirkung zugebilligt" wurde. Dessen möchte sich die Studie durch eine Neupositionierung in Fragen der Sexualethik annehmen. Vor diesem Hintergrund werden Methoden und Erkenntnisse als "evangelisch" bezeichnet, bei denen sich fragen lässt, ob deren konfessionelle Inanspruchnahme zugleich impliziert, die römisch-katholische Ethik arbeite grundsätzlich anders und komme daher auch zu anderen Lehrmeinungen.

Ist evangelisch gleichbedeutend mit lebensnah, wie der Untertitel der Studie suggeriert?

Dorothea Sattler

Ist evangelisch gleichbedeutend mit lebensnah, wie der Untertitel der Studie suggeriert? Ist nur die evangelische Ethik "sexualitätsfreundlich", stellt sich "angstfrei der Aufgabe (wie der Notwendigkeit) sexueller Erziehung und Bildung mit dem Ziel der Persönlichkeitsbildung und Lebensführungskompetenz", bezieht die Erkenntnisse der Human- und Sozialwissenschaften ein und gesteht dem Menschen zu, immer in einem Lernprozess bei der Gestaltung seiner Sexualität zu bleiben?

Die konfessionelle Kennzeichnung einer allgemein akzeptierten wissenschaftlichen Methodik sowie schöpfungstheologisch begründeter Grundaussagen über die göttliche Gabe der Sexualität irritieren. Gewiss lässt sich diese Vorgehensweise auch als eine Form der Selbstbegrenzung auf die eigene Position verstehen, die Übergriffe vermeiden möchte. Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig es wäre, sich auch in Fragen der Sexualethik in ökumenischen Gesprächen der Mühe zu unterziehen, der Öffentlichkeit redlich und präzise über die Konvergenzen und die Differenzen innerhalb der christlichen Ethik Auskunft zu geben.

Im Gespräch mit der römisch-katholischen Sexualethik wird eine Kontroverse offenkundig werden: die grundlegende Bereitschaft zur Wertschätzung aller Formen der Sexualität auch außerhalb der ehelichen Gemeinschaft. Auf der Basis der in der Studie durchgängig als Befreiung betrachteten Entkoppelung der Sexualität von der Offenheit für Nachkommenschaft sowie angesichts der Überzeugung von der hohen Bedeutung von Körpererfahrungen von der Kindheit an bei der Vermittlung des Gefühls von Geborgenheit und Angenommensein, im Erlernen von Beziehungen und zur Stärkung der Ich-Identität in jeder Lebensphase und jeder Lebenssituation sowie angesichts jeder sexuellen Orientierung erscheint es den Autorinnen und Autoren naheliegend, bei Achtung der oben genannten Kriterien für eine weitestgehende Akzeptanz der gelebten Sexualität als Lebensressource auch ohne einen institutionellen Rahmen einzutreten. Darüber wird weiterhin zu sprechen sein.

Zur Person

Dorothea Sattler ist Professorin und Direktorin des Ökumenischen Instituts der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Zum Buch

Am 24. August erscheint "Unverschämt – schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah" von Peter Dabrock, Renate Augstein, Cornelia Helfferich, Stefanie Schardien und Uwe Sielert. Die Autoren wurden zunächst von der Evangelischen Kirche in Deutschland beauftragt, eine Denkschrift vorzubereiten. Nachdem die EKD den Text nicht veröffentlichen wollte, erscheint er nun auf eigene Faust im Güterlsoher Verlagshaus.

Von Dorothea Sattler

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