Flugs ins Nichts

Er wirft sich auf den Boden. Er schreit und weint. Der junge Mann will nicht weg. Die blonde Deutsche neben ihm versucht zu trösten. "Brauchen Sie noch irgendetwas?" Es wirkt hilflos. Und trotz dieser Ohnmacht steht Julia Grossmann voll hinter ihrer Aufgabe.

Menschenrechte | Düsseldorf - 09.12.2012

Er wirft sich auf den Boden. Er schreit und weint. Der junge Mann will nicht weg. Die blonde Deutsche neben ihm versucht zu trösten. "Brauchen Sie noch irgendetwas?" Es wirkt hilflos. Und trotz dieser Ohnmacht steht Julia Grossmann voll hinter ihrer Aufgabe.

Düsseldorfer Flughafen, Gewahrsamsraum der Polizei. Hier landen jene Menschen, die alle Hoffnung auf ein sicheres Leben in Deutschland setzen, aber in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden. Bürokratisch heißt das "Rückführung auf dem Luftweg". Heute soll es in den Kosovo gehen.

"Das Asylverfahren kann ich nicht neu aufrollen", sagt die Juristin. Sie arbeitet als Abschiebungsbeobachterin am "Düsseldorf International". Als der Balkan-Flüchtling seine letzten Schritte auf deutschem Boden zur Maschine geht, begleitet sie ihn. Auf der letzten Treppenstufe lösen sich ihre Blicke.

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Thema Abschiebung: Carsten Rau und Hauke Wendler erhalten den katholische Medienpreis für ihren Dokumentarfilm „WADIM“ - ausgestrahlt im NDR am 13. Dezember 2011.
 Alexander Link

Was oberflächlich nur wie eine kleine menschliche Geste wirkt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn in den 90er Jahren starben zwei Flüchtlinge aus Afrika am Frankfurter Flughafen. Schnell stand der Vorwurf im Raum, die Beamten hätten bei der Ausreise übermäßige Gewalt angewendet. Um aber solche Vorfälle zu verhindern, gründeten Menschenrechtler und die Kirchen Abschiebungsbeobachtungen.

Polizei unter Kontrolle

Experten wie Grossmann wachen darüber, dass die Polizeibeamten menschenwürdig mit den abgelehnten Asylbewerbern umgehen. Mitunter sind auch Straftäter dabei, die abgeschoben werden. Aber ob Flüchtlinge oder Kriminelle - ihre Rechte gilt es zu schützen, wozu der Tag der Menschenrechte am kommenden Montag mahnt.

Diese "Monitoring"-Stelle wurde nicht nur in Düsseldorf etabliert, sondern auch in Hamburg und in Frankfurt. Ein sensibler Bereich. Journalisten bekommen selten einen direkten Einblick. Auch das zuständige Innenministerium in Nordrhein-Westfalen behandelt das Thema wie eine heiße Kartoffel. Rückfragen über das Projekt beantwortet die Düsseldorfer Behörde zögerlich - um sich dann doch positive Worte abzuringen. "Das Klima zwischen allen Beteiligten wurde deutlich verbessert", so die Bilanz.

Viel überzeugter zeigen sich die Initiatoren. Der rheinische Präses und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, spricht von einem "Modell für Europa". Das Vorbildliche an den Abschiebe-Beobachtern sei deren Unabhängigkeit. Grossmanns Stelle finanziert die Diakonie. Damit ist eine nicht beim Staat angestellte Person Zeuge bei staatlichen Hoheitsaktionen von Polizei und Ausländerbehörde.

Dramatische Szenen beim Abflug

Der junge Kosovare ist einer von rund 7.200 Ausländern, die im vergangenen Jahr aus Deutschland ausgeflogen wurden. In Frankfurt waren es über 3.000 Menschen, in Düsseldorf 823. Grossmann kann nicht jeden einzelnen Fall beobachten, dazu sind es zu viele. Aber sie ist sich sicher, dass ihre Arbeit generell den Umgang der Polizisten mit den Abzuschiebenden verbessert hat. Von unverhältnismäßiger Gewalt ist ihr nichts bekannt.

Auch Pro Asyl befürwortet das Monitoring. Es kontrolliere nicht nur die Einhaltung der Menschenrechte, sondern decke auch Missstände auf. Rüde Transportkommandos, Trennungen von Eltern und Kindern, kein Geld für die ersten Tage im anderen Land - "das sind Schwierigkeiten, die jetzt angegangen werden können", so die Flüchtlingsorganisation.

Solche dramatischen Szenen hat auch Grossmann erlebt, etwa als sich eine Mutter kurz vor der Ausreise von Ehemann und Kindern verabschieden musste. Bei der medizinischen Untersuchung im Gewahrsamsraum stellten die Ärzte bei ihr einen zu hohen Blutdruck fest. Sie blieb - vorerst.

Zumindest konnte Grossmann schon mittellosen Betroffenen helfen, denen in NRW 50 Euro Handgeld für die ersten Schritte im Herkunftsland zusteht. Die Monitoring-Stelle kann in Notfällen noch was drauflegen. Einmal hat Grossmann die Kosten für einen Inlandsflug in Russland übernommen. Denn der erste Flug ging nur nach Moskau, die Verwandten wohnten aber ganz woanders. Auch wenn Grossmann auf der letzten Treppenstufe zum Flugzeug stehenbleiben muss - ihre Hilfe reicht oft weiter.

Von Larissa Hinz

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