"Frage nach einer Leitkultur nicht ausweichen"

Das Herz von Deutschland ist seine Hauptstadt: Berlin. Seit 2015 ist Heiner Koch der Erzbischof der pulsierenden Metropole. Im Interview blickt er voraus auf das kommende Jahr. Die Schlagworte lauten: Hedwigskathedrale, Ökumene und Bundestagswahl.

Erzbistum Berlin | Berlin - 30.12.2016

Der Berliner Erzbischof hat keine Scheu vor dem umstrittenen Begriff der Leitkultur. Dieser müsse aber eine Antwort darauf geben, "was uns leitet, was das Ziel ist, auf das wir zugehen", sagte Heiner Koch. Die Frage nach den verbindenden Werten in der Gesellschaft sei "über viele Jahre völlig vernachlässigt worden". Im Interview äußerte er sich auch zum bevorstehenden Wahlkampf, dem Auftrag der Kirchen in der Wertedebatte und zur Umgestaltung der Sankt-Hedwigs-Kathedrale.

Frage: Herr Erzbischof, welche Aufgaben erwarten Sie im Jahr 2017?

Koch: Ich bin überzeugt, dass wir erst mit einigem Abstand ermessen können, was der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt für das Zusammenleben in Berlin bedeutet, ich will das gut im Blick behalten. Ich hoffe aber doch, dass wir weiterkommen mit unseren Überlegungen, wie wir Menschen ansprechen, die keine Christen sind - und wie wir die zusammenhalten, die in der Kirche sind. Dies ist die zentrale Frage im laufenden pastoralen Prozess "Wo Glauben Raum gewinnt". Zudem hoffe ich, dass wir mit der Umgestaltung der Sankt-Hedwigs-Kathedrale vorankommen.

Frage: Wo möchten Sie beim Kathedralprojekt in einem Jahr stehen?

Koch: Wir werden dann noch nicht mit Baumaßnahmen beginnen können. Ich möchte aber so weit sein, dass der finanzielle Rahmen sicher ist. Das Gleiche gilt für den Bereich der Architektur. In einem Jahr möchte ich sagen können: So soll es jetzt werden. Wir arbeiten noch an vielen Einzelfragen, in denen wir das Umbaukonzept weiter präzisieren wollen. Überdies wünsche ich mir, dass dann auch diejenigen, die dem Projekt noch kritisch gegenüberstehen, offener dafür werden.

Frage: Nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt war die Kathedrale ein zentraler Ort des Gedenkens an die Opfer. Wie kann die Umgestaltung dazu beitragen, dass sie diese und andere gottesdienstlichen Erfordernisse besser als bisher erfüllt?

Koch: Tatsächlich stellen sich dann auch ganz praktische Fragen: Wo ist Platz für Kerzen, wo kann ich unbedrängt ein Gebetsanliegen aufschreiben, wo kann ich weinen, ohne mich gleich beobachtet zu fühlen? Unter den Trauernden waren viele Menschen, die einen anderen Glauben haben, und Menschen, die an sich nicht beten. Sie sollen auch einen Platz in der Kathedrale finden, sie sollen sich willkommen wissen. Gleichzeitig hat es mich sehr bewegt zu sehen, dass unsere Kathedrale als ein Ort des Gebets und der Trauer gut angenommen wird.

Linktipp: Umbau der Hedwigskathedrale beschlossen

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hat seine Entscheidung in einem Hirtenwort bekanntgegeben. Damit ist auch klar, was mit der umstrittenen Bodenöffnung passiert.

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Frage: 2017 kommt auch das Gedenken an 500 Jahre Reformation zu seinem Höhepunkt. Welche Erwartungen verbinden Sie damit?

Koch: Es wird ein gutes Jahr für die Ökumene! Als Erzbistum Berlin werden wir auch Gastgeber für den Deutschen Evangelischen Kirchentag sein und uns aktiv daran beteiligen. Denn wir haben eine gemeinsame Aufgabe: die Frage nach Gott in dieser Gesellschaft wieder bewusst zu machen und im Gespräch zu halten. Das ist nicht nur eine Frage des Wortes, sondern auch der Kunst und der Kultur überhaupt.

Frage: Im kommenden Jahr ist auch die Wahl zum Bundestag...

Koch: Auch mit Blick darauf hoffe ich, dass wir uns in die politischen Debatten gut einbringen können. Die Auseinandersetzung mit den vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen wird das Jahr deutlich prägen, da bin ich sicher. Ich fürchte, dass sich nach dem Berliner Anschlag der Ton noch verschärft, die Hinweise sind unüberhörbar.

Frage: Was ist eine politische Frage, bei der Sie sagen: Da müssen wird mitreden?

Koch: Die erste Frage ist für mich: Was sind eigentlich die Werte, die uns verbinden, was prägt uns, was gibt uns Halt? Diese Frage ist über viele Jahre völlig vernachlässigt worden nach dem Motto: Alles ist denkbar, alles ist möglich. Zweitens bin ich sicher, dass ein alter Begriff wieder ganz große Relevanz gewinnen wird: Heimat. Es geht um die Frage, wo wir zuhause sind, was Heimat für uns bedeutet, was sie für die Menschen bedeutet, die zu uns kommen, und was sie für uns zusammen bedeutet. Ich glaube, viele gesellschaftliche Entwicklungen sind dadurch erklärbar, dass die Menschen heimatlos geworden sind.

Frage: Können Sie etwas mit dem Begriff Leitkultur anfangen?

Koch: Wenn er eine Antwort auf die Frage gibt, was uns leitet, was das Ziel ist, auf das wir zugehen. Dieser Frage dürfen wir nicht ausweichen, nur weil wir Angst vor kontroversen Antworten haben.

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Erzbischof Heiner Koch über seine Erfahrungen im Osten Deutschlands.
 Katholische Fernseharbeit

Frage: Wie viel Christliches müsste in einer solchen Leitkultur sein?

Koch: Ich bin fest davon überzeugt, dass die christliche Botschaft Bedeutung für jeden hat, weil sie den Menschen in den Mittelpunkt stellt. In Gesprächen mit Juden und Muslimen spüre ich immer wieder, wie wichtig die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes ist. Als Christen müssen wir in dieser pluralen Gesellschaft klar und deutlich unsere Überzeugung vom Menschen und vom Ziel des Lebens in die Debatten einbringen.

Frage: Haben Sie bei Begegnungen mit Juden und Muslimen den Eindruck, dass Sie mit ihnen etwas verbindet im Unterschied zu den Menschen, die keiner Religion angehören?

Koch: Die Zuwanderung zumeist muslimischer Flüchtlinge hat in unserer Gesellschaft die Frage nach der Bedeutung von Religion verstärkt. Plötzlich leben unter uns Menschen, die Gott ernst nehmen. Das irritiert viele in einer Weise, wie es vorher nicht der Fall war. Da stellt sich mir die Frage, ob wir Christen den Eindruck machen, dass wir Gott nicht ernst nehmen. Insofern ist die Zuwanderung auch eine besondere Herausforderung an uns Christen. Im Übrigen bin ich sehr vorsichtig mit einer Klassifizierung zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Ich habe zu viele Atheisten getroffen, die gerade in ihrem leidenschaftlichen Suchen und Fragen sehr eng mit Gott leben.

Frage: Wie erklären Sie solchen Menschen, worin Sie Ihren missionarischen Auftrag sehen?

Koch: Ich weiß, dass es gerade im Osten eine große Angst vor Vereinnahmung gibt. Ich verstehe das, denn viele Ostdeutsche empfinden etwa die Wiedervereinigung auch als eine Form der Vereinnahmung, bei der sie nichts in das neue Deutschland mit einbringen konnten. Eine Konsequenz davon sind die vergleichsweise geringen Mitgliederzahlen in Parteien und Gewerkschaften. Vor diesem Hintergrund ist mir wichtig, deutlich zu machen, dass es mir nicht um Bekehrungen, Taufen und Eintrittszahlen geht, sondern darum, den Menschen zu zeigen, welches Hoffnungs- und Lebenspotenzial die christliche Botschaft enthält.

Von Gregor Krumpholz und Karin Wollschläger (KNA)

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