Gastbeitrag

"Freier atmen in der Kirche"

Pastoraltheologe Erich Garhammer würdigt die Analyse der Bischöfe

Würzburg - 05.02.2014

Bei Umfragen unter Katholiken in der Bundesrepublik Deutschland zeigte sich deutlich, dass die Erwartungshaltung auf Weisung und Hilfe durch die Kirche im Sexualbereich selbst bei praktizierenden Katholiken gering ist". Dieser Satz stammt nicht aus der aktuellen Umfrage zur Bischofssynode, sondern der Moraltheologe Franz Böckle äußerte ihn 1976 bei einer Tagung der Katholischen Akademie in München. Seit einer Generation ist also dieses Problem bekannt, nun wird es zum ersten Mal vom kirchlichen Lehramt offen angegangen.

Hintergrund dafür ist die Aufforderung von Papst Franziskus im Vorfeld der Bischofssynode im Herbst die Einstellungen der Gläubigen in Bezug auf Sexualmoral, Bindungsverhalten, Ehe und Familie und anderen Lebensformen zu erfragen. In seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium" hat Papst Franziskus darauf verwiesen, dass sich noch viele eine monolithische, von allen ohne Nuancierungen verteidigte Lehre erträumen. Aber in Wirklichkeit hilft die Vielfalt eher, den unerschöpflichen Reichtum des Evangeliums zu zeigen.

Beeindruckender Text mit klaren Antworten

Die Umfrageergebnisse hat nun – nachdem die Österreichische Bischofskonferenz ihre Auswertung diese Woche in Rom vorgestellt hat - auch die Deutsche Bischofskonferenz in einer Pressemitteilung bekannt gemacht. Insgesamt lässt sich sagen: Ein beeindruckender Text. Es ist offenbar gelungen, aus zahlreichen Voten in knappen und gut verständlichen Sätzen klare (nicht aber simple) Antworten auf die gestellten Fragen zu geben. Das Dokument ist von einem hohen Respekt für die Realitäten von Ehen und Familien in Deutschland geprägt und verzichtet auf kulturpessimistische Muster – es werden auch ungeschönt Kritik- und Konfliktpunkte benannt.

Treffen sich regelmäßig im Frühjahr und Herbst zu ihrer Vollversammlung: Die deutschen Bischöfe.
Treffen sich regelmäßig im Frühjahr und Herbst zu ihrer Vollversammlung: Die deutschen Bischöfe.  KNA

Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass die Fragen überhaupt offen diskutiert wurden. Das ist Zeichen einer kirchlichen Beratungs‐Kultur, die diesen Namen verdient. Die Antworten spiegeln nicht allein die Meinung der Bischöfe wider – und auch nicht nur die einiger ausgewählter Fachleute, sondern tatsächlich die von Experten: nämlich einer großen Zahl von Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen als Seelsorger und Seelsorgerinnen, Eheleute oder Eltern eingebracht haben. Dass sie das getan haben, zeigt, dass sie große Hoffnungen auf die römische Bischofssynode setzen.

Bei genauerer Betrachtung fallen einige Punkte auf: Bereits die gestellten Fragen stehen in ihrer Formulierung und in ihrem Fokus für die große Diskrepanz zwischen der römischen Sicht und derjenigen der Katholiken in Deutschland. Sex wird in Rom offenbar (immer noch) überschätzt, während sozialethische, politische und wirtschaftliche Fragen kaum in den Blick kommen. Die Begriffe "Ehe" und "Familie" werden verwendet, als seien sie eindeutig. Die Pluralität der Partnerschafts-, Ehe- und Familienformen ist kein Thema. Dabei birgt sie allein schon eine große Herausforderung für die Pastoral.

Bischöfe erklären auch, warum Katholiken etwas nicht annehmen

Die Strukturen der kirchlichen Eheberatung und die Angebote befinden sich in Deutschland auf einem beeindruckend hohen Niveau. Es liegt also innerhalb der Kirche ein großer Schatz im Blick auf die gestellten Fragen. Bemerkenswert ist, dass nicht nur darauf hingewiesen wird, dass bestimmte Einstellungen nicht rezipiert werden, sondern auch warum nicht. Vor allem im Blick auf das Naturrecht ist das sehr hilfreich.

Etwas näher auf den Grund gehen müsste man der Frage nach der Glaubensweitergabe in den Familien. Dass es dort eine Form religiöser Sprachlosigkeit gibt, ist sicherlich eine Herausforderung. Ihr zu begegnen verlangt aber nicht einfach nur bessere katechetische Methoden, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Frage, was denn der Glaube sein soll, der weitergegeben werden soll. Dass durchschnittlich nur 1/3 aller Paare in der Ehevorbereitung erreicht wird, ist bedauerlich. Und es ist angesichts des Aufwands, der für die Vorbereitung auf Erstkommunion und Firmung (meist mit hohem Verpflichtungsgrad) betrieben wird sowie angesichts der hohen Ansprüche an eine christliche Ehe, nur schwer nachvollziehbar. Diese Erkenntnis aus der Umfrage kann zum Nachdenken und Handeln anregen.

Eine Familie sitzt gemeinsam beim Essen unter einem Baum.
Ein gemeinsames Essen gibt Zeit zum Austausch.  spotmatikphoto/Fotolia.com

Sehr deutlich und ehrlich ist das Dokument im Blick auf die Herausforderungen, was Trennung und Scheidung angeht. Das Verhalten der Kirche gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen können die meisten nicht mehr verstehen, sie fordern eine Pastoral des Respekts vor der Gewissensentscheidung des Einzelnen. Auch dass die Distanzierung der Kirche von den Menschen für nicht wenige zur Distanzierung vom christlichen Glauben führt, wird angesprochen. Dass die Annullierungspraxis von Ehen als wenig hilfreich erachtet wird, ist bemerkenswert. Hier wird klar, dass es grundsätzlich neue Perspektiven braucht. Es kann nicht darum gehen, die bisherige kirchliche Position stärker einzuschärfen und die bestehende kirchliche Rechtsordnung praktikabler durchzusetzen.

Zahlenrelation von Ehen zu homosexuellen Lebenspartnerschaften dargestellt

Interessant ist, dass immer wieder nach pastoralen Wegen gefragt wird – und zwar im Stil interessierter Nachfrage, nicht im Sinn von potenzieller Denunziation. Hier zeigt sich das Bewusstsein, dass in der pastoralen Praxis vor Ort bereits ein Inspirationspotenzial für neue Wege der Gesamtkirche liegt. Es deutet sich ein neuer Stil an oder wie es der Innsbrucker Bischof Scheuer nach dem Rombesuch formuliert hat: "Man kann wieder freier atmen in der Kirche". Gut ist der Hinweis, es gebe 32.000 eingetragene Lebenspartnerschaften und knapp 18 Millionen Ehepaare. Das bringt die Bedeutung von bestimmten Fragen in eine angemessene Relation – sowohl in der Kirche als auch in der Politik.

Wer sich für die pastoralen Herausforderungen und den Alltag im Blick auf Ehe und Familie interessiert, wird in der Tageszeitung eher fündig. Da geht es weniger um voreheliches Zusammenleben oder um Verhütungsmethoden. Es geht um Kinderbetreuung, die (Nicht-)Veränderung der Geschlechterrollen, Rentengerechtigkeit und finanzielle Belastungen. Und es geht um die Idealisierung von Familie (verbunden mit dem Leiden an ungewollter Kinderlosigkeit), um Kommunikation und Untreue. Diese Fragen sind auch für Katholiken bedeutsam. Sie kommen im Dokument wenigstens kurz zur Sprache.

Von Erich Garhammer

Zur Person

Erich Garhammer lehrt als Professor Pastoraltheologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

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