Freiheit für ein paar Stunden

Ich war 17 und saß an dem Tag in der Schule", erinnert sich Wolfgang Liebehenschel. Sein Lehrer beschäftigte ihn und seine Mitschüler an diesem 17. Juni 1953 mit stiller Arbeit und stand am Fenster. Von dort aus sind die Demonstranten deutlich zu hören, die bereits den ganzen Vormittag über durch Görlitz ziehen. 15.000 Arbeiter aus allen Fabriken der Neiße-Stadt versammeln sich schließlich auf den Leninplatz, dem größten Platz in der Görlitzer Altstadt.

Gedenktag | Görlitz - 17.06.2013

Ich war 17 und saß an dem Tag in der Schule", erinnert sich Wolfgang Liebehenschel. Sein Lehrer beschäftigte ihn und seine Mitschüler an diesem 17. Juni 1953 mit stiller Arbeit und stand am Fenster. Von dort aus sind die Demonstranten deutlich zu hören, die bereits den ganzen Vormittag über durch Görlitz ziehen. 15.000 Arbeiter aus allen Fabriken der Neiße-Stadt versammeln sich schließlich auf den Leninplatz, dem größten Platz in der Görlitzer Altstadt.

Sprechchöre ertönen: "Wir wollen freie und geheime Wahlen", "Senkt die Normen". und eine Weile später: "Gebt die politischen Gefangenen frei", und schließlich: "Wir wollen frei und keine Sklaven sein". Was in Berlin als Aufstand von Arbeitern gegen neue Arbeitsnormen begonnen hat, eskaliert in Görlitz an diesem Tag zu einem echten politischen Aufstand. Tatsächlich gelingt es für wenige Stunden, das SED-Regime zu entmachten.

Die Ursache dafür liegt in der besonderen demografischen Struktur und der Lage der Stadt. Görlitz hat als plötzliche Grenzstadt nach dem Zweiten Weltkrieg einen hohen Anteil Vertriebener zu integrieren. Die Stadt ist nach Berlin und Leipzig das am dichtesten besiedelte Gebiet in der DDR und es herrscht vor allem unter Jugendlichen, Frauen und Schwerbeschädigten eine enorm hohe Arbeitslosigkeit. Zudem ist die Wohnungsnot noch schlimmer als im Rest der DDR.

Die Teilung der Stadt stößt auf Ablehnung

Zusätzlich wollen sich die Görlitzer nicht mit der Teilung ihrer Stadt und der Oder-Neiße-Grenze abfinden. Die Grenzsicherungsmaßnahmen der DDR gegenüber dem "polnischen Brudervolk" erschweren auch das tägliche Leben. Verschärft wird die Situation durch eine Enteignungswelle. Die nicht aus der Stadt stammende SED-Führung enteignet willkürlich hunderte Selbstständige.

Eine Gedenktafel erinnert in Görlitz an die Opfer des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953.
Eine Gedenktafel erinnert in Görlitz an die Opfer des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953.
 Markus Kremser

60.000 Menschen sind es schließlich, die in Görlitz auf den Beinen sind. "Ich bin nach der Schule natürlich auch auf den Leninplatz gegangen", erzählt Wolfgang Liebehenschel. Dort stoßen die Demonstranten den ungeliebten SED-Bürgermeister hin und her. Seit dem Vormittag ist ein Rechtsanwalt damit beschäftigt, die Akten aller Gefängnisinsassen am Amtsgericht zu prüfen. Die politischen Gefangenen sollen entlassen werden. Doch der Druck ist zu groß, die Zeit reicht nicht für eine gründliche Prüfung. "Das Gefängnis ist gestürmt worden und alle Gefangenen sind befreit worden, auch die kriminellen. Das war natürlich ein Fehler", sagt Liebehenschel.

Gegen 16 Uhr greifen schließlich die Sowjets ein. Mit Panzerwagen und Truppen demonstriert die Rote Armee Stärke, der Ausnahmezustand wird über die Stadt verhängt. Der Bahnhof wird von Sowjetsoldaten besetzt. Minutiös ist dies alles in einem Lagebericht der Volkspolizei vermerkt. Bis zum Ende der DDR lag diese Akte im Panzerschrank des Görlitzer Volkspolizei-Chefs. Die Polizei stellt einen Großteil der Gefangenen noch in der Nacht. Einige hatten auch im katholischen St. Carolus-Krankenhaus Zuflucht und Essen gesucht.

Schicksalstag für viele junge Görlitzer

Für viele junge Görlitzer wird dieser 17. Juni zum Schicksalstag, auch für Wolfgang Liebehenschel. Dabei hat er noch Glück und kommt nicht ins Gefängnis. "Ich habe zwar das Abitur machen können, bekam aber keinen Studienplatz", erzählt der 76-Jährige. Seine "Kader-Akte" war nicht sauber. Dass sein Engagement in der evangelischen Jugend und im Posaunenchor den Machthabern nicht gefiel, dessen war Liebehenschel sich immer sicher.

Der Abiturient geht schließlich nach West-Berlin, studiert in Westdeutschland und will anschließend zurückkehren. Doch der Mauerbau durchkreuzt diese Pläne, trennt den Studenten von seiner Familie in Görlitz. Dass der 17. Juni in seiner Kader-Akte eine Rolle spielte, erfährt Wolfgang Liebehenschel erst nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990. "Eine Historikerin hat mir berichtet, dass da eine ganze Seite über mich ist. Da hat mich jemand auf der Demonstration gesehen und einen Bericht geschrieben".

Von Markus Kremser

Kirchen zum 17. Juni

Die Kirchen in Berlin und Brandenburg haben den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR als herausragendes historisches Ereignis gewürdigt. Bei einem Gottesdienst im Rahmen der Gedenkfeier des Landes Brandenburg mahnte der Berliner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki den Mut der Teilnehmer des Aufstands auch heute hoch zu achten. Schon Ende der vergangenen Woche hatte er in der Boulevardzeitung "B.Z" davor gewarnt, das Datum in Vergessenheit geraten zu lassen. Der Aufstand sei nicht nur ein Protest gegen eine schlechte Wirtschaftspolitik, sondern auch ein Ruf nach Freiheit und Einheit gewesen. Er stehe in einem Zusammenhang mit der späteren deutsch-deutschen Geschichte: Ohne das Wissen um den 17. Juni "lässt sich die Fluchtbewegung, die 'Abstimmung mit den Füßen' ebenso wenig nachvollziehen wie der Mauerbau, die Verfolgung Andersdenkender, der Widerstand gegen das Regime oder die Friedliche Revolution", schrieb Woelki in seiner Kolumne. Auch der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, rief zum heutigen Datum dazu auf, die Erinnerungen an den 17. Juni "an die nächste Generation weiterzugeben". Zugleich räumte er ein, die Rolle der Kirchen sei beim Volksaufstand "in den Hintergrund gerückt". Als einen Grund führte er an, "dass die Kirchen traditionell keine große Nähe zur Arbeiterschaft hatten", die den Volksaufstand zu Beginn getragen habe. Es sei aber "auch die Sorge um den Bestand der Kirche und die Existenz der Christen gewesen". Vor dem 17. Juni seien sie "massiven Verfolgungen und Schikanen" ausgesetzt gewesen, die das SED-Regime erst kurz vor dem Volksaufstand "etwas zurückgenommen" habe. Damals hätten die Kirchen die Hoffnung gehabt, ihr Verhältnis zum Staat werde sich verbessern, erklärte Dröge. (gho/KNA)

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