Freiwilliger Friedensgruß oder "heilige Unruhe"?

Der Friedensgruß in der Messe spaltet: Manche sind regelrechte Fans des Händeschüttelns und Umarmens, wie Redakteurin Agathe Lukassek. Den Kollegen Tobias Glenz nervt es, wie oft die Andacht gestört wird.

Liturgie | Bonn - 30.09.2017

Pro Friedensgruß

Der Friedensgruß solle nüchterner werden und keine Unruhe stiften, forderte die vatikanische Gottesdienstkongregation vor drei Jahren von den Bischofskonferenzen in aller Welt. Damals hieß es: Der Priester muss nicht bei jeder Messe automatisch zum Friedensgruß auffordern, soll den Altarraum dafür nicht verlassen und in dem Moment keine Friedensgesänge singen lassen; die Gläubigen sollen sich auf ihre unmittelbaren Nachbarn beschränken und den Friedensgruß nicht zu Glückwünschen oder Beileidsbekundungen ausweiten.

Bereits diese Regelungen waren ein Kompromiss – die Alternative wäre gewesen „den Friedensgruß auf einen anderen Zeitpunkt zu verlegen, zum Beispiel vor den Gabengang“, lautete der Vorschlag von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007. Dies ist aus gutem Grund nicht geschehen: Seit der Zeit Papst Gregors des Großen – also 1.400 Jahren – war der Friedensgruß vor dem Kommunionempfang angesiedelt. Zunächst war es sogar ein Kuss, den sich die Gläubigen (nach Geschlechtern getrennt) gaben.

Passiert ist seit dem Schreiben von 2014 meiner Wahrnehmung nach nicht viel: Höchstens in der Erkältungszeit empfehlen Priester, sich dieses Mal nur zuzunicken, statt die Hand zu reichen. Wahrscheinlich zielte das weltweit ausgesendete Vatikandokument auch gar nicht so sehr auf den ohnehin sehr nüchternen deutschsprachigen Raum: Selbst wenn die Gläubigen ihren Platz verlassen, um das Friedenszeichen auszutauschen, kommt hierzulande weit weniger Unruhe auf, als wenn Kinder nach der Kinderkirche zu der Gemeinde dazu stoßen.  

Vielmehr erscheint mir, dass einige es als aufdringlich empfinden, etwas Nähe zu einem Fremden in der Kirchenbank zulassen zu müssen, indem sie ihm oder ihr die Hand reichen. Aber wann, wenn nicht in der Kirche, wo sich die Gemeinschaft der Glaubenden versammelt um Eucharistie zu feiern? "Versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe", heißt es bei Matthäus (Mt 5,23f). Wir alle haben im Laufe der Woche gesündigt – und haben kurz vor dem Kommunionempfang die Möglichkeit, uns zu versöhnen. Wie befreiend ist es, den Familienmitgliedern den Frieden zu wünschen, mit denen man sich am Frühstückstisch vielleicht noch gestritten hat!

Gerade in Zeiten von Kriegsrhetorik unter Machthabern und Polarisierungen in der Gesellschaft und innerhalb der Kirche ist der Friedensgruß wichtig: Mit der Geste erfleht die Kirche Frieden und Einheit für sich selbst und alle Menschen – und wir Gläubigen bezeugen einander die kirchliche Gemeinschaft und die gegenseitige Liebe. Das geschieht absichtlich vor der Kommunion: Der Friedensgruß zeige sich als "österlicher Kuss des auferstandenen Christus" und gehöre in den Rahmen der eucharistischen Betrachtung, heißt es in dem Vatikan-Dokument.

Einmal wird der Herr sagen: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40). Nun sehe ich wahrlich nicht an jedem Tag in meinen Mitmenschen Jesus und tue ihnen Gutes. Aber am Sonntag kann ich fremden Menschen stellvertretend für all die Fremden, die ich in der Woche ignoriert habe, die Hand geben. Ja, selbst wenn ich eine Person nicht mag, kann ich in diesem Moment davon absehen und ihr den Frieden wünschen. Welche bessere Vorbereitung auf den Kommunionempfang könnte es geben?

Und wenn Nahestehende sich den Friedensgruß mit einer Umarmung (ähnlich wie die Geistlichen im Altarraum) oder Paare mit einem kurzen Kuss schenken: Warum nicht? Daran kann man erkennen, dass sie es ernst meinen – so wie ich es ehrlich meine beim Händeschütteln oder Zunicken. Oder wenn die Gottesdienstgemeinde sehr klein ist und bei der Wandlung im Kreis um den Altar steht: Warum sollte der Priester dann nicht allen den Frieden wünschen? Strikte Regularien von oben herab passen eben nicht auf jede Situation. Selbst wenn es kurzzeitig zu einer kleinen Unruhe kommen sollte: Jedem steht es frei, diese für sich zu einer "heiligen Unruhe" unter Menschen zu deuten, die sich darauf vorbereiten, Jesus Christus zu empfangen, der auch Mensch war wie wir.

Von Agathe Lukassek

Noch vor dem Schreiben der Gottesdienstkongregation: Kardinäle beim Friedensgruß während der Amtseinführung von Papst Franziskus am 19. März 2013 auf dem Petersplatz.
 KNA/Harald Oppitz

Contra Friedensgruß

Ich gebe es zu: Der allergrößte Fan des Friedensgrußes bin ich nicht und war ich nie. Öfter schon habe ich mit Gläubigen aus meiner Heimatgemeinde, mit Freunden und auch der Familie über das Thema gesprochen – was zeigt, dass die Geste durchaus polarisiert. Und nicht selten teilten die Gesprächspartner meine – partiell! – ablehnende Meinung über den Friedensgruß.

Um es gleich vorwegzunehmen: Auch ich bin der Auffassung, dass eine Friedensgeste im Gottesdienst theologisch sinnvoll, dass sie sogar notwendig ist. Das Sakrament der Eucharistie – der Gemeinschaft – zu empfangen, und dabei im Clinch mit irgendwelchen Mitgläubigen zu liegen, wäre widersinnig. "Versöhne dich zuerst mit deinem Bruder" (Mt 5,24) – diese Aufforderung Jesu muss ernstgenommen werden. Die Frage beim Friedensgruß ist aber nicht das Ob, sondern das Wie.

Nach der Aufforderung "Gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung" durch den Priester geht doch allzu häufig das Gerenne los. Die Menschen laufen kreuz und quer durch die Kirchenbänke, um jedem noch so weit entfernten Bekannten die Hand zu schütteln – nett, aber an dieser Stelle der Messe auch würdig? Oft, so mein Eindruck, geht es hier auch nicht um Versöhnung, sondern eher um die vor der Messe versäumte Begrüßung des Gegenübers.

Den Friedensgruß als "Unruhestifter" hatte schon Papst Benedikt XVI. – zu Recht – beklagt. Was darauf folgte, war eine Untersuchung der Geste durch die Gottesdienstkongregation und anschließende Bestimmungen, den Friedensgruß künftig "in nüchternerer Form" zu begehen. Vatikanisches Dokument und Realität liegen vielerorts jedoch weit auseinander.

Ich persönlich versuche mich – so kurz vor der Kommunion – zu sammeln, andächtig zu sein, auf das Sakrament zu konzentrieren. Auch darüber nachzudenken, was ich in der Vorwoche falsch gemacht habe und mit wem ich tatsächlich in "Unfrieden" lag; nebenbei: Die Sitznachbarn in der Kirche sind das meistens nicht. Aber in einer lauten Atmosphäre des Herumlaufens und Geplappers fällt ein solches Andächtig-Sein nicht leicht. Schlimmer noch, wenn dies alles ins "Agnus  Dei" – das an Christus im Eucharistie-Sakrament gerichtete Gebet – hineinreicht, welches viele Gläubige vor lauter Händeschütteln gar nicht mitbekommen und -beten.

Was also tun? Den Friedensgruß an einen anderen Ort der Liturgie zu verlegen – wie es schon häufig vorgeschlagen wurde und bereits in der Alten Kirche Praxis war –, wäre die eine Möglichkeit. Nach den Fürbitten und vor der Gabenbereitung etwa erscheint mir die Geste nicht mehr als störend, so wie ich sie an ihrem jetzigen Platz empfinde. Bleibt der Gruß an seinem angestammten Ort, hätte ich zumindest ein paar Verbesserungsvorschläge:

  1. Der Friedensgruß sollte freiwillig sein. Durch die Aufforderung des Priesters sehen sich die meisten Gläubigen aber geradezu gezwungen, ihre Hände in alle Richtungen auszustrecken. Warum also die Aufforderung nicht einfach weglassen? Die wollen, schütteln sich auch ohne sie die Hände.
  2. Der Friedensgruß sollte aufrichtig sein. Nach derzeitiger Praxis läuft die Geste Gefahr, zu einem Automatismus zu verkommen: Wer denkt schon über die Worte "Der Friede sei mit dir" wirklich nach, während er sie ausspricht? Weniger, dafür aber ehrlicheres Händeschütteln sollte die Devise lauten.
  3. Übertriebene Friedensgesten sollten vermieden werden. Es muss nicht sein, dass sich die Menschen während der Messe wild umarmen oder küssen – wie man mancherorts tatsächlich beobachten kann. Für solche Liebesbekundungen bieten die übrigen 167 Stunden der Woche ausreichend Zeit.
  4. Das Umher-Gerenne sollte aufhören und eine gewisse Stille gewahrt bleiben. Den unmittelbaren Sitznachbarn die Hand zu reichen, genügt vollkommen. Das ist übrigens auch ganz auf der Linie der vatikanischen Bestimmungen.
  5. Zu guter Letzt: Wer erkältet ist oder sonst eine ansteckende Krankheit hat, sollte von sich aus auf das Händeschütteln verzichten. Ein freundliches Zunicken zählt genauso als Friedensgeste wie die ausgestreckte Hand.

Von Tobias Glenz

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