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Fremde beherbergen

Der Papst hat ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Doch was bedeutet das? Während der Fastenzeit stellt katholisch.de die Werke der Barmherzigkeit vor. Heute erzählt Bruder Benedikt Hülsmann von der Gäste-Beherbergung.

Fastenimpuls | Bonn - 25.02.2016

Papst Franziskus hat ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Doch was bedeutet "Barmherzigkeit" überhaupt? Während der Fastenzeit stellt katholisch.de die sieben christlichen Werke der Barmherzigkeit vor: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen sowie Tote begraben. Sieben Ordensleute erzählen dazu von ihrer Arbeit. Heute berichtet der Benediktiner Benedikt Hülsmann über die Aufnahme von Gästen in seiner Gemeinschaft.

Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus. Denn er wird sagen: "Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen" (Mt 25,35). Dieser Satz hat in Zeiten der Flüchtlingsströme höchste Brisanz für Christen. Wie barmherzig müssen wir sein? Christus ist da sehr klar. Auch der heilige Benedikt, der diesen Satz aus dem Matthäusevangelium in das 53. Kapitel seiner Regel übernommen hat, ist eindeutig. Benedikt führt aus, wie diese Begegnung mit dem Fremden aussehen soll: ihn ehren, ihm demütig begegnen, mit ihm beten und den Friedenskuss teilen, ihm die Füße waschen, dem Gast zuliebe das Fasten brechen und vieles mehr. Gäste sollen im Kloster nie fehlen. (RB 53,16)

An Gästen mangelt es uns im Kloster nicht. Aber ganz ehrlich: Wenn wir bei allen Besucherinnen und Besuchern die Regel wörtlich umsetzen sollten, wären wir nach kurzer Zeit überfordert. Hinzu kommt, dass ihr Interesse am Klosterleben sehr verschieden ist. Da gibt es die, die an Veranstaltungen in unserem Bildungshaus teilnehmen und nicht direkt die Begegnung mit den Mönchen suchen. Aber auch dort kann es immer wieder zu intensiven Gesprächen kommen. Ich denke an die angehenden Krankenpfleger, die zu einem Ethikseminar kommen. Kaum einer der Schüler hat noch einen Kontakt zur Kirche. Aber gerade deshalb macht die Diskussion mit ihnen sehr viel Freude, weil hier alle Fragen erlaubt sind – und auch gestellt werden.

Barmherzigkeit mit dem, der mir nah ist

Ihre Lebensentwürfe sind so vielfältig wie nie zuvor. Gerade deshalb ist es wichtig, ihnen stets mit Offenheit zu begegnen. Als Christ muss ich zwar nicht alles gut finden, aber wenn ich einen Blick in die Evangelien werfe, merke ich schnell, dass auch die Begegnung Jesu mit den Menschen stets von Offenheit geprägt war. Wenn Jesus dann doch einmal erbost war, ging es meistens in Richtung der eigenen Glaubensbrüder und –schwestern. Mit Fremden barmherzig zu sein geht manchmal einfacher, als mit den eigenen Mitbrüdern. Anscheinend ging es Jesus nicht anders. Vielleicht ist es eine gute Herausforderung für die Fastenzeit, mit den nahen Menschen, die wir so gut kennen, barmherzig zu sein.

Bruder Benedikt Hülsmann OSB
"Ich lasse mich berühren vom Schicksal des anderen Menschen, ich schaue nicht weg", ist Bruder Benedikts Impuls für die Fastenzeit.  Bruder Benedikt Hülsmann OSB

Neben den "normalen" Gästen im Jugendhaus, im Männerhaus und im Stillen Bereich für Einzelgäste kommen aber auch andere Besucher zu uns. In den vergangenen zwei Jahren waren es viele Flüchtlinge, die in unserer Kirche Asyl gesucht haben. Menschen aus dem Sudan, aus dem Iran, aus Afghanistan und von der Elfenbeinküste. Die meisten von ihnen waren Muslime. Plötzlich stehen Menschen vor der Tür. Nicht die Flüchtlinge selbst sind es dann, die anklopfen. Es sind Menschen, die in großer Sorge um sie sind und uns deshalb diese Fremden bringen. Was sollen wir tun? Im Buch Levitikus heißt es: "Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen" (Lev 19,34). In der Offenbarung lesen wir und hören diesen Satz vielleicht auch innerlich: "Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir." (Off 3,20)

Als Gemeinschaft haben wir uns entschieden, diese Gäste nach unseren Möglichkeiten aufzunehmen. Jeder der Gäste aufnimmt, weiß, dass ein Gast auch Zeit braucht, dass ein Gast auch anstrengend und lästig werden kann, dass ein Gast auch Geld kostet. Wir haben auch schon einen Gast gehabt, der uns am Ende bestohlen hat, nachdem wir uns so sehr für ihn eingesetzt hatten. Es war kein Flüchtling, sondern ein drogenabhängiger Deutscher. Aber auch ihn gilt es nicht fallen zu lassen, auch ihn schaut Christus barmherzig an. Deshalb ist es auch meine Aufgabe, das zu tun. Der Blick der Barmherzigkeit öffnet die eigene Seele und auch die des Anderen. Zumindest ist es meine Erfahrung. 

Themenseite: Heiliges Jahr

Vom 8. Dezember 2015 bis zum 20. November 2016 findet das von Papst Franziskus ausgerufene "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" statt. Diese Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zum Heiligen Jahr.

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Ganz besonders gern erinnern wir uns an Peter*. Mit zwanzig ging er ins Gefängnis. Die Liste seiner Straftaten war sehr lang – und auch vor Gewalt hat er nicht zurückgeschreckt. Im Gefängnis gab es jedoch die Wende. Auch, weil ihn die Seelsorger und Psychologen nicht aufgegeben hatten. Nach sieben Jahren Haft kam er schließlich zu uns. War es Naivität oder Unvernunft oder Barmherzigkeit ihn bei uns aufzunehmen? Vielleicht gehören zur Barmherzigkeit auch ein wenig Unvernunft und Naivität. Peter hat dann 18 Monate bei und mit uns gelebt. Es war eine aufregende, eine reiche Zeit. Und es war eine Zeit der Barmherzigkeit. Peter ist ein ganz besonderer Mensch, der uns auch heute noch sehr am Herzen liegt. Wir sind stolz auf ihn, wenn er jetzt sein Abitur macht. Wir haben Achtung vor ihm, dass er sich schonungslos seinem Leben stellt. Ihn aufzunehmen war ein Wagnis, aber Christus aufzunehmen, der mir im Fremden begegnet, ist immer ein Wagnis. Die Liste der "Fremden" ist lang und so mancher Fremde wurde zum Freund.

Mit dem Nächsten Christus aufnehmen

Der Prophet Jesaja sieht die Fastenzeit als eine besondere Zeit der Barmherzigkeit: "Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen." (Jes 58, 6f) Nicht jeder hat die Möglichkeit, Fremde in das eigene Haus aufzunehmen. Vielleicht gebe ich aber dem Fremden Platz in meinem Inneren: Ich kann mich berühren lassen vom Schicksal des anderen Menschen. Ich schaue nicht weg und zu Boden, sondern schaue einen Menschen an, und mein Schauen wird zu einem Gebet, indem ich ihm Gott hinhalte. Dem Obdachlosen auf der Straße wünsche ich einen guten Tag oder frage ihn, wie es ihm heute geht und gebe ihm so Raum in meinem Herzen.

Die Fastenzeit kann so eine Zeit sein, den Einzelnen in den Blick zu nehmen und mir einen Menschen vertraut zu machen. "Ich möchte heute bei dir zu Gast sein", sagt Jesus zum Zöllner Zachäus. Ob Zachäus wusste, wen er aufnimmt? "Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt." (Hebr 13,2)

* Name geändert

Linktipp: Benediktiner

Der heilige Benedikt von Nursia und Vater des abendländischen Mönchtums gründete 529 das Kloster Montecassino. Dort führte er das wichtigste Werkzeug der Mönche ein, das auch nach rund 1.500 Jahren noch gilt.

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Linktipp: Kloster Nütschau

Das nördlichste Benediktinerkloster Deutschlands wurde 1951 gegründet. Damit ist Nütschau ein relativ junges Kloster. Es lädt ein zu Bildungsveranstaltungen, Meditation und Exerzitien.

Zum Internetauftritt von Kloster Nütschau

Von Bruder Benedikt Hülsmann OSB

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