Ganz großes Theater

Lange Reihen von Panzern mit aufmontierten Raketen fahren durch die Straßen, uniformierte Menschenmassen skandieren kriegerische Parolen, Soldaten hetzen ihre Hunde symbolisch auf südkoreanische Politiker. Unter Gebell zerbeißen die Tiere die Papp-Gesichter. "Wenn der Befehl kommt, dann marschieren wir los", kommentiert dazu der befehlshabende Soldat. Fast schreit er den Satz heraus, über Fernsehen und Internet findet er weltweit Gehör.

Politik | Bonn - 11.04.2013

Lange Reihen von Panzern mit aufmontierten Raketen fahren durch die Straßen, uniformierte Menschenmassen skandieren kriegerische Parolen, Soldaten hetzen ihre Hunde symbolisch auf südkoreanische Politiker. Unter Gebell zerbeißen die Tiere die Papp-Gesichter. "Wenn der Befehl kommt, dann marschieren wir los", kommentiert dazu der befehlshabende Soldat. Fast schreit er den Satz heraus, über Fernsehen und Internet findet er weltweit Gehör.

Das schon bekannte Säbelrasseln des jungen nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un ist derzeit ungewöhnlich laut. Der Konflikt mit Südkorea schwelt seit Monaten, doch in den vergangenen Tagen erreichten die Provokationen des kommunistischen Nordens eine neue Qualität. "Bis zur vergangenen Woche sah das noch nach der üblichen Kraftmeierei aus, inzwischen ist die Sache doch ernster. Kim Jong Un scheint um jeden Preis entschlossen, kräftig die Muskeln spielen zu lassen", sagt Reinhard Würkner, Korea-Experte beim katholischen Hilfswerk Caritas international.

Südkoreanische Panzer bei einer Militärübung im Februar 2012.
Südkoreanische Panzer bei einer Militärübung im Februar 2012.
 dpa/picture alliance/Myunggu Han

Nordkorea ist isoliert

Das Kriegsgebaren beunruhigt nicht nur Südkorea, Japan und die USA. Inzwischen üben auch Russland und China – sonst der einzige Verbündete des kommunistischen Landes – harsche Kritik. Das Land der Mitte hat seine Grenze zu Nordkorea geschlossen. "So deutlich wie jetzt war die Kritik Chinas an Nordkorea noch nie", sagt Würkner.

Zuvor hatte Kim Jong Un die gemeinsam mit Südkorea betriebene Industrieanlage Keasong auf Eis gelegt, Botschaftsmitarbeiter in Nordkorea und schließlich auch in Südkorea lebende Ausländer zur Ausreise aufgefordert. Es sei zu ihrer eigenen Sicherheit. "Die Empfehlung an die Botschaften war eine List, um Aufmerksamkeit zu bekommen und ein Schreckenszenario aufzubauen. Aber das Kalkül ist erst einmal gescheitert", sagt Würkner. Bisher ist von keiner Botschaft bekannt, dass sie sich von den Drohgebärden beeindrucken ließ. Stattdessen kündigten die Diplomaten an, ihre Arbeit in dem Land weiterzuführen.

Experten: Nordkorea hat kein Interesse an heißem Konflikt

Trotz der Kriegsrhetorik: Kaum ein Experte geht derzeit davon aus, dass Nordkorea wirklich ein Interesse an einem heißen Konflikt hat. Schließlich käme das einem politischen Selbstmord gleich: "Im Kriegsfall würde Nordkorea aufhören zu existieren, die Machtposition der Dynastie Kim wäre Geschichte", erklärt Reinhard Würkner.

Auch Bernhard Seliger, der für die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung in Seoul arbeitet, ist davon überzeugt, dass das wirtschaftlich am Boden liegende Land in kurzer Zeit kollabieren würde. "Vorher könnte es aber noch viel Unheil auf der dichtbevölkerten koreanischen Halbinsel anrichten, für seine Bewohner und die Südkoreas", prognostiziert er düster.

Bloß kein "Krieg aus Versehen"

Fachleute sorgen sich daher, dass in der aufgeheizten Atmosphäre schon ein kleiner Zwischenfall einen Flächenbrand auslösen könnte. "Deshalb hat Kim Jong Un - trotz nach außen martialischer Gesten - im Innern die Soldaten an der Grenze davor gewarnt, sozusagen aus Versehen einen Krieg auszulösen", weiß Seliger.

Statt einer echten kriegerischen Auseinandersetzung hat die Kriegsrhetorik des 30 Jahre jungen Diktators also vor allem das Ziel, die eigene Bevölkerung von den überwältigenden Problemen des Landes abzulenken. "Kim Jong Un will der Bevölkerung einen Sündenbock für die wirtschaftlichen Probleme liefern", sagt Seliger.

Im Kriegsfall würde Nordkorea aufhören zu existieren, die Machtposition der Dynastie Kim wäre Geschichte

Reinhard Würkner, Caritas international

So interpretiert das auch die Koreanische Bischofskonferenz. Um die erschöpfte Bevölkerung von der schwierigen Lage des Landes abzulenken, müssten Präsident Kim Jong Un und die militärische Führung einen äußeren Feind schaffen, sagte deren Vorsitzender, Bischof Peter Kang U-il, gegenüber dem Nachrichtendienst Fides. Laut Bernhard Seliger gibt es noch ein anderes, ganz praktisches und daher entlarvendes Argument, warum ein Krieg für Nordkorea derzeit ungünstig wäre: "Später im April beginnt die Reispflanzzeit, bei der alle Soldaten im Einsatz sein müssen, wenn Nordkorea nicht eine neue Hungersnot haben will", sagt er.

Christen würden von Sturz des Regimes profitieren

Dass die ausgemergelte Bevölkerung überhaupt noch hinter der Regierung steht, gründet sich das Ansicht von Reinhard Würkner auf ein durchorganisiertes System der Angst. Die Menschen seien darauf gedrillt, sich stets auf Linie des Regimes zu verhalten. "Wer aus dieser Ordnung ausschert, der ist geliefert. Das heißt dann Arbeitslager", sagt Würkner. Die Menschen seien von Informationen von außen völlig abgeriegelt: "Das ist ja nicht wie früher in der DDR, wo die Menschen heimlich Westfernsehen schauen konnten".

Für die Christen im Land könnte die Lage jedenfalls nur besser werden, falls das Regime stürzt. "Nordkorea wird von Menschenrechtsgruppen konsistent als Land mit der härtesten Christenverfolgung bezeichnet. Eine Öffnung, oder zumindest eine Änderung der Religionspolitik, ist von daher sehr wichtig", so Seliger.

Aus dem südkoreanischen Seoul berichtet er, dass die Menschen bisher relativ ruhig bleiben: "Man lebt seit sechs Jahrzehnten mit Drohungen". Allerdings habe das Trommelfeuer der vergangenen acht Wochen die Menschen schon etwas mürbe gemacht und auch die Märkte würden nervöser. "Dennoch, es gibt keine Hamsterkäufe, nichts wirklich Beunruhigendes". Man kann nur hoffen, dass es so bleibt. (mit Material von KNA)

Von Gabriele Höfling

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