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Gegen die Überzeugung

Nikolaus Schneider stand vor einem Dilemma: Soll er den letzten Wunsch seiner krebskranken Frau erfüllen und mit ihr in die Schweiz fahren, damit sie sich dort im Beisein ihrer Liebsten und eines Arztes selbst aus dem Leben nehmen kann? Oder soll er seiner Überzeugung und der seiner Kirche treu bleiben und sich dem Wunsch seiner Frau, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, verwehren?

Sterbehilfe | Bonn - 28.07.2014

Nikolaus Schneider stand vor einem Dilemma: Soll er den letzten Wunsch seiner krebskranken Frau erfüllen und mit ihr in die Schweiz fahren, damit sie sich dort im Beisein ihrer Liebsten und eines Arztes selbst aus dem Leben nehmen kann? Oder soll er seiner Überzeugung und der seiner Kirche treu bleiben und sich dem Wunsch seiner Frau, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, verwehren?

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat sich eindeutig positioniert: Auch wenn er anders glaubt, der letzte Wunsch seiner Frau sei ihm Befehl. "Für Anne würde ich auch etwas gegen meine Überzeugung tun", sagte er vor wenigen Tagen dem "Stern" . Für diesen Entschluss, den er in mehreren Interviews öffentlich vertrat, erntete Schneider einiges Lob und viel Kritik – vor allem jedoch eines: Respekt.

Kein Urteil bilden

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zollte Schneider seinen "höchsten Respekt", obwohl auch er sich im Grunde gegen jegliche Form organisierter Suizidbeihilfe ausgesprochen hat. "Ich möchte, dass Menschen an der Hand eines anderen, aber nicht durch die Hand eines anderen sterben", sagte Gröhe dem Südwestrundfunk (SWR) . Er maße sich kein Urteil an über Menschen, die in schwerster Not eine solche Entscheidung träfen, erklärte Gröhe. Selbsttötung sollte jedoch nicht "zu einem Akt wahrer Freiheit verklärt" werden, mahnte er und forderte mehr schmerzlindernde Palliativmedizin. Vor allem im ländlichen Raum gebe es noch "weiße Flecken" bei der ambulanten Palliativversorgung. Ebenso müsse die Hospizkultur in den Altenpflegeeinrichtungen gestärkt werden.

Dem schloss sich sein Partei-Kollege Wolfgang Bosbach an: "Im Leben eines jeden Menschen gibt es Fragen von wahrhaft existenzieller Bedeutung, die jede(r) Betroffene nur für sich selber - nach bestem Wissen und Gewissen - beantworten kann", schreibt Bosbach in einem Gastbeitrag für das Nachrichtenmagazin "Focus" . Mit seiner Position stehe der Schneider zwar "im Widerspruch zur Haltung seiner Kirche", dies sei allerdings kein Grund zur Kritik, so der CDU-Innenpolitiker.

Kirchen weiterhin gegen Sterbehilfe

Schneiders Entschluss war Wasser auf die Mühlen all jener, die aktive Sterbehilfe generell erlauben möchten. Doch die Evangelische Kirche stelle unmittelbar klar, dass sie trotz der Entscheidung ihres Vorsitzenden an der grundsätzlichen Ablehnung von Sterbehilfe festhält: "Aus christlicher Perspektive ist die Selbsttötung eines Menschen grundsätzlich abzulehnen , weil das Leben als Gabe verstanden wird, über die wir nicht eigenmächtig verfügen sollen. Allerdings schließt die generelle Ablehnung nicht aus, dass Menschen in einer extremen Not- und Ausnahmesituation zu einer anderen Entscheidung kommen können, die ein Außenstehender nicht ermessen kann und die es zu respektieren gilt. Ein moralisches Urteil darüber steht niemandem zu", so ein Sprecher der EKD.

Jemand drückt auf die "Ende"-Taste der PC-Tastatur.  picture-alliance/chromorange

Auch Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin, hat sich in der Debatte um assistierten Suizid klar auf die Seite der Lebensschützer gestellt und die Forderung nach einem Verbot aller organisierten Formen der Suizidbeihilfe bekräftigt. Ausdrücklich begrüßte er, dass sich die große Koalition dieser Aufgabe stellen wolle . "Dienstleistungsangebote, die eine Suizidbegleitung zum Gegenstand haben, bergen die Gefahr in sich, dass gerade jene unter Druck geraten können, die der Hilfe bedürfen", so Jüsten. Je selbstverständlicher und einfacher zugänglich derartige 'Dienstleistungen' würden, desto eher sei zu befürchten, "dass sich Menschen, die sich wegen Alters, Krankheit oder Gebrechlichkeit überflüssig fühlen oder anderen nicht zur Last fallen wollen, verleiten lassen, solche Angebote zu nutzen". Er sehe in dieser Frage nach wie vor große Übereinstimmung mit der evangelischen Kirche in Deutschland, betonte Jüsten. Er gehe davon aus, dass diese Grundhaltung vom Rat der EKD nach wie vor geteilt werde.

Auch Schneiders Position unverändert

Trotz des Widerspruchs hält Schneider auch weiterhin an seiner Überzeugung fest und warnt vor einer organisierten Form von Sterbehilfe, die dadurch zu einem Normalfall bei aussichtsloser Krankheit werde: "Medizin soll heilen, aber nicht wild alles bekämpfen", so Schneider in der "Zeit". Es sei fraglich, ob gesetzliche Regelungen die Grauzone von Ausnahme- und Grenzsituationen ausleuchten könnten. Nach einem gescheiterten Anlauf will der Bundestag im kommenden Jahr über eine Gesetzesreform entscheiden, mit der organisierte kommerzielle Sterbehilfe verboten werden könnte.

Der EKD-Ratsvorsitzende hatte Ende Juni wegen der Krebserkrankung seiner Frau seinen Rücktritt zur nächsten EKD-Synode im November angekündigt. Der Wunsch, soviel Zeit wie möglich mit ihr und der Familie zu verbringen, sei mit seinen EKD-Ämtern nicht zu vereinbaren. 2005 war die erst 22 Jahre alte Tochter Meike des Ehepaar Schneiders Leukämie gestorben. Der Tod habe seinem Glauben "Risse gegeben", bekannte der frühere Präses der Rheinischen Landeskirche. Für theologische Erklärungen wie "Gott prüft uns durch solche Schicksalsschläge", habe er nichts übrig. "Mit dieser Art göttlicher Pädagogik kann ich nichts anfangen", so Schneider. Mit Blick auf seine krebskranke Frau aber erklärte er, sie im Ernstfall zu begleiten, wenn sie Sterbehilfe wünsche. "Das wäre zwar völlig gegen meine Überzeugung", sagte Schneider der Wochenzeitung "Zeit", "aber am Ende würde ich sie wohl gegen meine Überzeugung aus Liebe begleiten. (...) Die Liebe ist entscheidend." (mir/KNA)

Alternative zur Sterbehilfe

"Schwerstkranke wollen gar nicht sterben", eine Meinung, die nicht nur der Palliativ-Mediziner Heiner Melching von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). Oft sei es die Angst, die einen aus dem Leben treibt. Doch es gibt eine Alternative zur Sterbehilfe. Zum Artikel

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