Gemeinsam für die Religionsfreiheit

Die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit findet in diesem Jahr in Dresden statt. Mit dabei sind Vertreter von sechs Religionen und deren gemeinsamer Wunsch: das Recht auf Religionsfreiheit.

Tag der Deutschen Einheit | Dresden - 02.10.2016

Vertreter von sechs Religionen haben am Sonntag in Dresden ein "Wort der Religionen" zum Tag der Deutschen Einheit 2016 unterzeichnet. Zu den Erstunterzeichnern gehörten der Bischof von Dresden-Meißen, Heinrich Timmerevers, der evangelische Landesbischof Sachsen, Carsten Rentzing, sowie der Rabbiner der jüdischen Gemeinde Dresden, Alexander Nachama.

Mit der gemeinsamen Erklärung bekräftigen Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Sikhs und Bahá’í zum einen das Recht auf Religionsfreiheit. Gleichzeitig beklagen die Unterzeichner aber die mangelnde Freiheit der Religionsausübung in vielen Teilen der Welt und die Verfolgung und Unterdrückung von Andersgläubigen. Die Erklärung steht im Mittelpunkt einer interreligiösen Initiative zum Tag der Deutschen Einheit.

Sechs Religionen erstmals gemeinsam unter einem Dach

Zu den Feierlichkeiten kommen die sechs Religionen dafür erstmals unter einem Dach zusammen – im "Zelt der Religionen" an der Dresdener Kreuzkirche. Dort wollen sie zeigen, dass die Religionen ein wichtiger Teil des vereinten Deutschlands sind. "Die Christen stellen sich dabei gemeinsam vor", sagte Elisabeth Naendorf von der Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen (ACK) in Sachsen. Zwar seien die Christen mit Abstand die größte Religionsgemeinschaft, jedoch betrage der Anteil von Menschen, die sich zu einer Religion bekennen in Sachsen insgesamt nur 20 Prozent. "Wir sind hier alle Minderheit", sagt Naendorf. Verbindend sei die Goldene Regel, die in allen Religionen gelte. Auf Stellwänden ist im "Zelt der Religionen" die jeweilige Version dieser Goldenen Regel zu lesen. Am Stand der Christen ist dies ein Zitat aus dem Neuen Testament: "Alles, was ihr wollt, dass Euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso."

Das Verbindende betonte auch der Vertreter der muslimischen Gemeinde in Dresden, Muhammed R. Wellenreuther. Die Gemeinsamkeiten seien für ihn stärker als die Unterschiede. Zu den Anschlägen der vergangenen Woche, unter anderem auf eine Dresdener Moschee, sagte er: Auch wenn man nicht wisse, wer für die Anschläge verantwortlich sei, handele es sich um eine Provokation, die man nicht überbewerten dürfe. "Gerade und trotzdem müssen wir weiter Brücken bauen." Wellenreuther selbst war als Erwachsener vom Christentum zum Islam konvertiert. Das Brückenbauen finde im Alltag statt. Die Neugier an der "Blackbox Islam" sei in Sachsen groß. Die meisten Menschen wüssten kaum etwas über die Religion. Wellenreuther beklagte zudem, dass muslimische Frauen zunehmend wegen ihres Kopftuches beleidigt würden.

Vertreter aller sechs beteiligten Religionen bei der Vorstellung der Initiative "Zelt der Religionen" in Dresden.
 katholisch.de

Von Beleidigungen berichtete auch der Präsident und Dresdner Vertreter der Sikhs, Baljit Singh Bhullar. Männer mit dem traditionellen Turban der Sikhs würden für radikale Muslime gehalten und angegriffen. Bhullar hob das traditionelle Gebet der Sikhs hervor, das die Friedfertigkeit der Welt zum Anliegen hat. Ein Wort aus dem Heiligen Buch von Guru Grant Sahib ist symptomatisch dafür: "Ich bin ein Fremder für niemanden und niemand ist ein Fremder für mich."

Für die Jüdische Gemeinde Dresden ist das an diesem Wochenende beginnende jüdische Neujahrsfest eines der höchsten Feste. Trotz der gemeindlichen Einbindung in den beginnenden Festkreis sei man während der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit präsent, sagte Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. So gebe es am Stand im Zelt Unterstützung von Vertretern der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit und der Freunde der Synagoge. Sie verwies auf eine lange Tradition im interreligiösen Dialog und die über 1000-jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde in Dresden.

Goldenbogen: Antisemitismus nicht wirklich verschwunden

Auch Goldenbogen beklagte ein feindliches Klima. Wenn auch die jüdische Gemeinde derzeit nicht mehr im Fokus stehe, sei der "Antisemitismus nicht wirklich verschwunden", so Goldenbogen. Sie beklagte zudem die Verrohung der Sprache: "Wenn Parolen verwendet werden, die an das Dritte Reich erinnern, dann ist das schlimm." "Völkisch" sei das Kontrastprogramm zu dem, wofür die Vertreter der sechs Religionen hier zusammengekommen seien.

Die Vertreterin der Bahá'í, Ritika Ghose, erzählte von den 25 Mitgliedern in Dresden und ihrer erst im 19. Jahrhundert im persischen Kulturkreis gegründeten Religion. Deren verbindlichstes Motto lautet: " Einheit Gottes – Einheit der Menschen – Einheit der Religionen."

Der buddhistische Vertreter Hoang Thanh An vom Vietnamesisch-Buddhistischen Kulturzentrum Dresden sagte bei der Vorstellung des gemeinsamen Projekts, dass er Glück und Dankbarkeit empfinde, den Glauben als freier Bürger in seiner zweiten Heimat leben zu können. Er sei bereits seit 40 Jahren in Dresden und freie Religionsausübung sei den Buddhisten zu DDR-Zeiten nicht möglich gewesen. Er hoffe auf mehr Verständigung mit Bürgern der Stadt auf dem Bürgerfest.

Von Markus Kremser

Dokumentation: Das Wort der Religionen

Wir sind überzeugt,
- dass jeder Mensch das Recht hat, gemäß seiner eigenen Glaubensüberzeugungen zu leben und niemand ihm einen anderen Glauben aufzwingen darf,
- dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religionszugehörigkeit zu wechseln, einen anderen oder auch keinen spezifischen Glauben mehr zu haben,
- dass jeder Mensch das Recht hat, seinen Glauben öffentlich und gemeinsam mit anderen zu bekennen und Religion daher nicht nur Privatsache ist,
- dass Staat und Religion getrennt sein sollen und es dennoch die Aufgabe des Staates ist, seine Bürger auch in der Ausübung ihrer Religion zu fördern.

Wir sind dankbar dafür,
- dass die Religionsfreiheit in Deutschland vom Grundgesetz her garantiert und den Religionen ihre Religionsausübung im Rahmen der Gesetze möglich ist,
- dass die Zusammenarbeit von Staat und Religionen zum Wohl der Bürgerinnen und Bürger rechtlich klar geregelt ist,
- dass es viele Beispiele für das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionen in Deutschland gibt.

Wir beklagen,
- dass die Religionsfreiheit in vielen Teilen der Welt nicht gewährleistet wird und Menschen aufgrund ihres Glaubens verfolgt oder unterdrückt werden,
- dass nicht überall die Religionen gleich behandelt werden und gleiche Rechte und Pflichten haben,
- dass Gewalt im Namen von Religionen ausgeübt und gerechtfertigt wird,
- dass sich Menschen zu Hass gegen andere Religionen aufstacheln lassen,
- dass auch in Deutschland Menschen die Religionsfreiheit nicht achten.

Wir verpflichten uns
- zuzulassen, dass auch Menschen anderer Religion von ihrem Glauben privat und öffentlich Zeugnis geben dürfen,
- dafür einzutreten, dass sich auch Angehörige anderer Religionen überall in der Welt würdige und angemessene Gebetsstätten errichten können,
- gegenseitig aufeinander zu hören und einander tiefer verstehen zu wollen,
- keine Zerrbilder der anderen Religion zu zeichnen und den interreligiösen Dialog zu suchen,
- dafür einzutreten, dass Gewalt in jeder Form keine Rechtfertigung aus der eigenen Religion erhält,
- die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Männern und Frauen zu fördern,
- zum Wohl der Gesellschaft mit Partnern aus anderen Religionen und der nicht-religiösen Gesellschaft zusammenzuarbeiten.

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