"Genug über Friedhöfe gegangen"

Ein Leben als steter Kampf gegen das Vergessen: "Wer sich verschwört, die Erinnerung an die Opfer auszulöschen, der tötet sie ein zweites Mal", sagte Elie Wiesel 2000 vor dem Bundestag. Jetzt wird der Holocaust-Überlebende 85 Jahre alt.

Holocaust | New York - 30.09.2013

Ein Leben als steter Kampf gegen das Vergessen: "Wer sich verschwört, die Erinnerung an die Opfer auszulöschen, der tötet sie ein zweites Mal", sagte Elie Wiesel 2000 vor dem Deutschen Bundestag. Sein Vater Schlomo, seine Mutter Sarah und die kleinste seiner drei Schwestern starben in der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Der 1928 in Rumänien geborene Wiesel überlebte das Grauen der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald.

Seitdem engagiert sich der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger, der inzwischen in New York lebt, für das Wachhalten der Erinnerung an die sechs Millionen Opfer des Holocaust - als Lehre für alle Zukunft. An diesem Montag wird Wiesel 85 Jahre alt.

Sein 1958 veröffentlichtes und in 30 Sprachen übersetztes Werk "Die Nacht", in dem er prägnant und eindringlich seine Erlebnisse im Konzentrationslager Auschwitz schildert, ist bis heute eines der meistgelesenen Bücher zum Holocaust. Vor allem in den USA wurde Wiesel damit zur Kultfigur und gilt als einer der führenden Köpfe des amerikanischen Judentums. Kritiker werfen ihm jedoch vor, vor allem sich selbst zu vermarkten.

1928 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Siebenbürgen geboren, hatte Wiesel eigentlich Rabbi werden sollen. Doch seine behütete religiöse Erziehung in dem kleinen Karpatenstädtchen Sighet bricht 1944 jäh ab, als die Familie nach Auschwitz deportiert wird. "Uns sagte der Name gar nichts", sagte Wiesel später in einem Interview. "Es dauerte nur wenige Minuten, und schon waren alle Familien auseinandergerissen, Männer und Frauen wurden getrennt."

Häftling Nummer A-7713

Seine Mutter sollte Wiesel nie wiedersehen. Mit seinem Vater kam er als Häftling Nummer A-7713 zunächst ins Stammlager, später nach Buchenwald, wo der Vater kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers starb. "An dem Tag, an dem er starb, war das einer der dunkelsten Tage meines Lebens", berichtete Wiesel 2009 bei einem Besuch mit US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Buchenwald. "Er rief nach mir und ich hatte zu viel Angst, um mich zu bewegen. Wir alle hatten zu viel Angst, um uns zu bewegen. Und dann starb er. Ich war da, als er starb, aber ich war eben nicht da."

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Die Erlebnisse prägen Wiesel bis heute. Die Schuldgefühle der Überlebenden, die Zweifel an der Existenz Gottes in einem solchen Grauen und die Fragen jüdischer Identitätsfindung - all diese Themen blieben bestimmend für sein Denken und Schreiben.

Nach dem Krieg kam Wiesel in ein Waisenhaus in Frankreich. Später studierte er in Paris Philosophie und Literatur und arbeitete dann als Journalist und Auslandskorrespondent, bis ihn der französische Literaturnobelpreisträger Francois Mauriac (1885-1970) ermunterte, "an das Unsagbare zu erinnern". Wiesel schrieb fast 50 Bücher, Essays, Romane und Theaterstücke, in denen er sich für verfolgte Minderheiten in aller Welt stark macht. 1986 bekam er für seinen Einsatz den Friedensnobelpreis.

Immer wieder als Versöhner

Dabei zeigt er sich auch immer wieder als Versöhner. "Ich habe nie an eine Kollektivschuld geglaubt", sagte er im vergangenen Jahr bei einem Kongress in Auschwitz. "Die Kinder der Mörder sind keine Mörder, sondern Kinder." Die Menschheit müsse sich endlich ändern und Frieden schaffen, forderte er 2009 in Buchenwald. "Wir sind genug über Friedhöfe gegangen."

Seit fast 40 Jahren hat Wiesel eine Professur für Geisteswissenschaften an der Universität in Boston. Daneben kämpft er mit einer Stiftung gegen Intoleranz und Ungerechtigkeit in der Welt und setzt mit unvermindertem Elan seine schriftstellerische Tätigkeit fort, meist auf Französisch. Seine Frau Marion ist die wichtigste Übersetzerin seiner Werke ins Englische.

Auch in die internationale Politik mischt sich Wiesel nach wie vor ein. Erst im März forderte er die Festnahme des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, den er als eine Bedrohung für den Staat Israel bezeichnete. Vergangenes Jahr gab Wiesel aus Protest gegen die staatlich geförderte Rehabilitierung rechtsradikaler Politiker aus der Nazi-Zeit in Ungarn einen ungarischen Staatsorden zurück, den er 2004 verliehen bekommen hatte. "Eine Person mit Integrität kann den Unterschied machen", sagte Wiesel einst. "Den Unterschied zwischen Leben und Tod."

Von Christina Horsten und Lisa Maria Hagen (dpa)

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