Geschichten gegen das Vergessen

Sie hat ihre Geschichte schon so oft erzählt. Hundertmal, Tausendmal. Doch wenn Inge Deutschkron am Mittwoch vor den Bundestag tritt, um dort anlässlich des Holocaust-Gedenktages als Zeitzeugin zu sprechen, tut sie dies mit "gehörigem Bammel". Sonst erzählt die 90-Jährige ihre Geschichte in kleinerem Rahmen: in der Blindenwerkstatt in der Rosenthaler Straße in Berlin, vor Schülern.

Erinnerung | Bonn - 27.01.2013

Sie hat ihre Geschichte schon so oft erzählt. Hundertmal, Tausendmal. Doch wenn Inge Deutschkron am Mittwoch vor den Bundestag tritt, um dort anlässlich des Holocaust-Gedenktages als Zeitzeugin zu sprechen, tut sie dies mit "gehörigem Bammel". Sonst erzählt die 90-Jährige ihre Geschichte in kleinerem Rahmen: in der Blindenwerkstatt in der Rosenthaler Straße in Berlin, vor Schülern.

Dann erzählt sie von Sara, dem Namen, der niemals richtig zu ihr gehörte, dem Namen, den ihr die Nazis aufgezwungen haben. Denn Inge war den Nazis zu Deutsch, Juden heißen nicht Inge. Ein Name, der nur dazu gedacht war, Inge zu stigmatisieren – sie, die Jüdin, die nie eine sein wollte. Denn erst die Nazis haben sie dazu gemacht, sie selbst hatte mit Religion nur wenig am Hut.

Sie erzählt aber auch von Menschen, die als Kind ihr im Vorbeigehen einen Apfel oder Lebensmittelmarken in die Manteltasche geschoben haben. Sie erzählt von stillen Helden wie Otto Weidt, der in seiner Blindenwerkstatt hauptsächlich Juden beschäftigte und sie mit falschen Pässen und Bestechungsgeldern vor der Deportation bewahrte. Sie erzählt von jenen Menschen, die sie und ihre Mutter versteckten und die es Inge Deutschkron überhaupt ermöglichten, ihre Geschichte zu erzählen.

Zur Wachsamkeit mahnen

Seit 1996 ist der 27. Januar der offizielle Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Roman Herzog, der damalige Bundespräsident, hat den Gedenktag eingeführt, um auch künftige Generationen zur Wachsamkeit zu mahnen:

"Die Erinnerung darf nicht enden. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt", sagte Herzog damals und weiter: "Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken."

Erzählt ihre Geschichte gegen das Vergessen: Inge Deutschkron.
Erzählt ihre Geschichte gegen das Vergessen: Inge Deutschkron.
 dpa

Ein Gedenktag, der Raum schafft, Raum für Inge Deutschkrons Geschichte und die Geschichten der vielen anderen Zeitzeugen. Ein Gedenktag, der in den Augen von Thomas Köhler, Historiker und Mitarbeiter der NS-Gedenkstätte "Villa ten Hompel" in Münster, längst überfällig war. "Wir leben in einer Zeit der Übergänge", sagt Köhler. "Einerseits haben wir die Zeitzeugen, die aber nach und nach aussterben. Und andererseits haben wir die nachfolgende Generation, die gar keinen Bezug mehr zu Holocaust hat. Doch gerade die gilt es, für das Thema zu gewinnen."

Und dies sei keine Frage der Fakten: "Wenn ich Schülern erzähle, dass da ein Zug mit 4.000 Menschen von Ahlen nach Auschwitz fuhr, dann sind das Zahlen, die von relativ weit weg nach ganz weit weg fahren. Aber mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen hat das nichts mehr zu tun."

Die Berichte von Zeitzeugen könnten eine Brücke zwischen den Generationen bauen, so Köhler. Doch Zeitzeugen waren lange Zeit überhaupt nicht gefragt: "Es waren unbequeme Zeugen. Man hat ihnen lieber keine Stimme gegeben, weil niemand wirklich Lust hatte, sich mit seinen eigenen Taten auseinanderzusetzen."

Alt-Nazis und 68er

Die Nationalsozialisten waren mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht einfach weg. Das hat auch Inge Deutschkron bemerkt: Nach dem Krieg floh sie zunächst nach Großbritannien. Doch als "enemy alien" – also „feindlicher Ausländer“ – musste sie sich einmal pro Woche bei den Behörden melden, durfte sich nicht weiter als drei Meilen vom Wohnort entfernen und durfte weder ein Radio noch ein Fahrzeug besitzen.

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Zum Holocaust-Gedenktag: Wolfgang Gerstner vom Maximilian-Kolbe-Werk über Erinnern und Mahnen.
 Nicole Stroth

Also kehrte sie 1955 der Insel den Rücken und arbeitete fortan als Korrespondentin für die israelische Tageszeitung "Maariw" in Bonn. Doch die mit Alt-Nazis durchsetzte Bundesrepublik und die pauschale Israelkritik vieler 68er vertrieb sie erneut aus Deutschland. Inge Deutschkron zog 1972 nach Israel. Es dauerte 30 Jahre, bis sie wieder nach Deutschland kam: 1992, um die Proben des Grips-Theaters zu begleiten.

Das Ensemble wollte Deutschkrons Geschichte auf die Bühne bringen wollte. Und Inge Deutschkron blieb. Auch wenn sie stets betont, dass "Heimat" in ihrem Wortschatz kein Zuhause habe. Das Theater-Stück "Ab heute heißt Du Sara" war ein Erfolg – noch immer steht es in vielen Theatern und Schulen auf den Spielplan.

Geschichte vor der eigenen Haustür

Auch Thomas Köhler kennt die Geschichte von Inge Deutschkron. Und er freut sich, dass sie erzählt wird: "Inge Deutschkron war in den 1930er und 1940er Jahren etwa so alt wie Schüler heute. Damit können sich die Jugendlichen identifizieren. Das spürt man an den Fragen, die sie stellen, wenn sie mit Zeitzeugen diskutieren."

Und plötzlich spielt die Geschichte nicht mehr in Auschwitz, sondern in Berlin, Frankfurt, Münster – oder vor der eigenen Haustür: "Dann wird auch schnell klar, was die Geschichte mit ihnen zu tun hat, nämlich dass Demokratie kein Selbstläufer ist, sondern immer wieder neu erkämpft werden muss", sagt Köhler. Insofern sei der Begriff Gedenktag ein wenig irreführend, schließlich gehe es weniger darum, nachzudenken, was vor vielen Jahren war, sondern darum, welche Lehren sich für das Hier und Jetzt daraus ziehen lassen, so der Historiker.

Mittlerweile lebt Inge Deutschkron wieder in Berlin. Die Blindenwerkstatt hat sie zu einem Museum ausgebaut. Die "Gedenkstätte stille Helden" ist ein Ort der Geschichte und der Geschichten. Am Sonntag wird an vielen Orten der Opfer des Holocaust gedacht, und an vielen Orten werden viele kleine Geschichten erzählt. Für Köhler ein Grund zur Freude: "Denn es gibt noch immer viele, die diese Geschichten hören wollen." Die zentrale Gedenkfeier im Bundestag ist am Mittwoch – mit Inge Deutschkron. Und dann wird sie ihre Geschichte erzählen – sie, die Jüdin, die nie eine sein wollte.

Von Michael Richmann

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