Gespräche gegen die Einsamkeit

Im Winter gehen bei den Maltesern verstärkt Notrufe von Senioren ein, die gar keine medizinische Hilfe brauchen. Die alten Menschen brauchen nur jemandem zum Reden. Dafür hat der Hilfsdienst ein spezielles Angebot eingerichtet.

Gesellschaft | Bonn - 15.01.2017

Ski fahren, Schlittschuh laufen, Schneemann bauen – viele Menschen können den Winter gar nicht erwarten. Perfekt wird er, wenn der Schnee möglichst dick fällt und wochenlang liegenbleibt. Da nimmt man das morgendliche Kratzen und den ein oder anderen Stau gerne in Kauf. Für ältere Menschen dagegen ist der weiße Winter eher ein Albtraum. Kälte, Schnee und Eis veranlassen sie, den Rollator stehen zu lassen und zuhause zu bleiben. Wenn der Partner tot oder pflegebedürftig ist und die Kinder weit weg wohnen, bricht für sie eine Zeit der Einsamkeit an.

Notrufe ohne medizinische Not

Das bekommen auch die Malteser zu spüren. Der Hilfsdienst verzeichnet in den Wintermonaten ein Drittel mehr Notrufe von Senioren, die eigentlich keine medizinische Hilfe brauchen. 7.081 Notrufe setzten alte Menschen an den Weihnachtsfeiertagen ab, doch nur 361 Mal musste der Rettungswagen ausrücken. Es gehe den alten Menschen meist darum, mit jemandem sprechen zu können, berichtet Pressereferent Klaus Walraf. Doch Besuch wollten viele Senioren nicht mehr empfangen. Und damit auch keine Besuchsdienste von den Maltesern. Der Grund dafür sei vor allem, dass sie sich oft nicht mehr in Form fühlten oder die Wohnung nicht mehr instand sei.

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Wenn die eigenen Eltern alt werden, stellt sich für viele die Frage, wie man damit umgehen kann und soll. Zu Hause pflegen, ein ambulanter Pflegedienst oder eben doch das Heim? Nicht selten wird diese Entscheidung von Gewissensbissen begleitet. Eine Folge der Serie Ethik2go.
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2008 richteten die Malteser deshalb den "Malteserruf" ein: Bei dem Angebot können sich ältere Menschen kostenlos registrieren, um sich regelmäßig anrufen zu lassen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter kommen dabei aus den Orten, wo die Senioren wohnen – für Walraf entscheidend. "Durch den räumlichen Bezug gibt es mehr Gesprächsthemen", erklärt er. In zwölf Städten gibt es den Malteserruf bisher, unter anderem in Berlin, München und Dortmund: Rund 100 Ehrenamtliche rufen hier jede Woche etwa 300 einsame Menschen an.

Eine der ersten Städte, in der der Malteserruf eingerichtet wurde, war Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Einsamkeit von Senioren ist hier schon lange ein Thema. "Die jungen Menschen bleiben nicht, sondern ziehen dorthin, wo Arbeit ist, nach Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen", sagt Katrin Leuschner von den Maltesern Magdeburg. Die Folge: Viele alte Menschen sind alleine. Leuschner spricht von ganzen Regionen, die "vergreist" seien. Ein Problem, das ganz Deutschland betrifft: 2015 standen laut dem Statistischen Bundesamt 737.575 Geburten 925.200 Todesfällen gegenüber. Der sogenannte Sterbeüberschuss wird durch den Zuzug von Flüchtlingen etwas kompensiert.

Als Diözesanreferentin für Soziales Ehrenamt organisiert Leuschner die Kontakte zu den Senioren und betreut die Ehrenamtlichen. Für Letztere gibt es regelmäßig Schulungen und Weiterbildungen, beispielsweise zu Gesprächsführung und Psychologie. Das sei besonders wichtig, denn ältere Menschen müssten häufig erst lernen, Hilfe anzunehmen, berichtet Leuschner. Für viele sei es kein einfacher Schritt, die eigene Schwäche anzuerkennen. Auch die eigene oder die Krankheit des Ehepartners sei problematisch und bewirke häufig, dass die alten Menschen sich "abkapseln", so die Malteserin. Der Tod des Partners sei dann ein derart gravierender Einschnitt, dass nicht wenige Senioren depressiv würden. Bei manchen führe dies sogar zu Suizidgedanken. 

Verhärtete Fronten

Ein weiterer Grund für die Einsamkeit vieler älterer Menschen sind Familienkonflikte. In den meisten Fällen gehe es dabei um das Erbe. "Da sind vielfach die Fronten verhärtet und es fehlt an Verständnis füreinander", so Leuschner. Der Hausnotruf sei in der Vergangenheit dann vielfach der "Türöffner" gewesen. In "vertrauensvollen Gesprächen" erführen die Mitarbeiter des Hilfsdienstes bei solchen Gelegenheiten häufig erstmals von den vielfältigen Nöten der Senioren.

Die Nöte kennt auch Helga Schindler. Die 70-Jährige hat im Sommer den Malteserruf in Bad Reichenhall gegründet. Die Idee sei aufgekommen, weil viele Senioren "wegen Kleinigkeiten" den Hausnotruf betätigten. "Sie sagen dann beispielsweise, dass ihnen das Essen nicht geschmeckt hat, und fangen an zu erzählen", berichtet Schindler. Das neue Angebot werde sehr gut angenommen, immer mehr Menschen würden sich für den Telefonservice anmelden. Mittlerweile hat die Malteserin schon fünf Ehrenamtliche gewonnen, die ihre Telefonpartner regelmäßig anrufen – meist einmal pro Woche.

"Man entwickelt tatsächlich ein Vertrauensverhältnis", sagt Schindler. Die älteren Menschen berichteten viel von sich selbst und ihren Interessen, von der Familie und von früher. "Teilweise sind es Dinge, die man sich vielleicht gar nicht erzählen würde, wenn man sich gegenüber säße." Sie mache sich persönlich immer Notizen, dann könne sie beim nächsten Gespräch direkt wieder dort anknüpfen, erzählt Schindler. Für demente Menschen sei das zudem eine große Hilfe. "Ich sage dem Gesprächspartner dann beispielsweise: ‚Sie haben letztes Mal von Ihrem Hund berichtet.‘ Und dann erinnern sie sich wieder", so die Malteserin.

Sie sagen dann beispielsweise, dass ihnen das Essen nicht geschmeckt hat, und fangen an zu erzählen.

Helga Schindler

Eine bestimmte ältere Dame, die sie regelmäßig anrufe, habe den Kontakt zu ihrer Familie verloren. "Da muss etwas vorgefallen sein, sie spricht ständig davon", sagt Schindler, die den Malteserruf aber nicht als Seelsorge sieht. Ihr geht es vor allem darum, dass die alten Menschen erzählen können – bei Bedarf auch immer wieder dasselbe. Dennoch sind die Gespräche auf eine halbe Stunde begrenzt. Einerseits, um die Senioren nicht zu belasten, andererseits aber auch, um die Ehrenamtlichen zu schützen. Generell könne man sich aber schon leichter abgrenzen, als wenn man jemandem gegenübersteht, berichtet Schindler. Ihren Dienst möchte sie nicht mehr missen: "Ich merke, dass die Gespräche gut tun. Und das tut mir gut."

Ehrenamt für Menschen ab 60

Klaus Walraf sieht in dem Malteserruf deshalb das optimale Ehrenamt für "Menschen ab 60". Sie hätten zu den noch Älteren ab 80 Jahren einen engeren Draht als junge Ehrenamtliche. Außerdem könnten sich Senioren engagieren, die ein Ehrenamt suchten, das nicht zu belastend sei. Manchmal entsteht nach vielen guten Gesprächen bei den Telefonpartnern der Wunsch nach einem Treffen. In Bad Reichenhall gab es deshalb Anfang Herbst ein großes Grillfest, zu dem alle eingeladen wurden. "Das sind viele gekommen", erzählt Schindler.

Von Julia Maria Lauer

Linktipp: Traurige Weihnachts-Bilanz der Malteser

7.081 Hausnotrufe sind an den Weinnachtstagen beim Hilfsdienst der Malteser eingegangen. Nur 361 Mal musste allerdings der Rettungswagen ausrücken. Die Hilferufe hatten oft einen anderen Grund.

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