Glaube, der unter die Haut geht

Immer öfter ließen sich Menschen christliche Motive wie den Rosenkranz, Dürers betende Hände oder Mariendarstellungen in ihre Haut ritzen. Aber warum? Dieser Frage geht der Bochumer Religionspädagoge Patrik Dzambo in seiner Promotion nach.

Theologie | Bochum - 25.03.2016

Patrik Dzambo sitzt an seinem Schreibtisch und blickt auf den PC-Bildschirm. Mit der Maus öffnet er ein Foto. Es zeigt einen Arm und einen Oberkörper voller Tattoos. Keine üblichen Motive: Über die Schulter zieht sich ein Rosenkranz und auf der Brust ruhen betende Hände.

Körperbemalungen mit religiösen Anklängen faszinieren Patrik Dzambo. Der 26-Jährige ist katholischer Theologe und schreibt an seiner Promotion zu diesem eher exotischen Thema in seinem Fachbereich. Wie der Religionspädagoge auf das Thema gekommen ist? "Durch einen guten Freund, der sich entschlossen hatte, sich tätowieren zu lassen. Ich habe dann mit ihm den Entstehungsprozess vom Anfang bis zum Ende durchlaufen", erzählt der Theologe in seinem Büro in der Bochumer Universität.

"Religion ist heute in vielen Bereichen der Gesellschaft wieder präsent. Man findet sie in Rockmusik, Pop, oder Film", erklärt der Wissenschaftler begeistert. "Warum also nicht auch in Tätowierungen?" Immer öfter ließen sich Menschen christliche Motive wie den Rosenkranz, Dürers betende Hände oder Mariendarstellungen in ihre Haut ritzen. "Auch wenn natürlich nicht hinter jeder religiösen Tätowierung ein religiös christlicher Glauben steht, muss es eine gewisse Verbindung zwischen dem Individuum und der Botschaft geben, die hinter dem Symbol steckt", ist Patrik Dzambo überzeugt.

"Das ist dann unwiderruflich Bestandteil von mir"

Im Gegensatz zu Film oder Musik bringen für ihn die Tätowierungen eine neue Qualität mit sich. Wer ein religiöses Lied höre, werde nur für drei Minuten mit dem Thema konfrontiert und schalte es wieder ab. Bei einem Tattoo sei das ganz anders. "Das ist dann unwiderruflich Bestandteil von mir." Denn trotz der Möglichkeiten, die Körperzeichnungen mit modernen Methoden wieder zu entfernen, sind "die Tätowierungen prinzipiell für die Ewigkeit gedacht".

Patrik Dzambo ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Katechetik an der Ruhr-Universität Bochum. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in den religiösen Dimensionen von Tätowierungen.
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Schon in seiner Examensarbeit hat sich Dzambo mit der Frage beschäftigt, welche Funktion diese Tattoos haben. Er sieht darin vor allem den Versuch, Angst zu bewältigen und in irgendeiner Form Trost und Halt zu finden. Auch wenn es hier noch nicht ausdrücklich um Glaube und Gott gehe, schwinge die religiöse Dimension deutlich mit.

Tätowierungen können nach den Erkenntnissen des Theologen aber auch dabei helfen, nicht nur Angst, sondern auch Leid und Unrecht zu bewältigen. So werden damit häufig Gewalterfahrungen, psychische oder seelische Verletzungen kompensiert. "Die betroffene Person holt sich durch eine Tätowierung die Macht über den eigenen Körper, der vorher missbraucht wurde, wieder zurück und verarbeitet dadurch diese Unrechtserfahrung."

Tätowierungen stehen oft im Zusammenhang mit Krankheiten

Zudem stehen Tätowierungen laut Dzambo oft im Zusammenhang mit Krankheiten, die den Menschen in eine Ohnmacht drängen und am Aufstehen hindern. Das Stechen mit dem brennenden Schmerz gebe den Betroffenen das Gefühl: "Hier bin ich derjenige, der aktiv Macht über meinen Körper ausübt. Und so hole ich mir die Handlungsfähigkeit in irgendeiner Form wieder."

Es sind Grenzerfahrungen des Lebens, die sich mit Nadel und Farben tief in die Haut eingraben. Nicht ohne Grund taucht in der PC-Fotosammlung das Motiv des Grabsteins oder ein zerbrochenes Ziffernblatt auf, darunter ein Geburts- und ein Sterbedatum. "Hier wird versucht, eine Todeserfahrung zu verarbeiten", erklärt der Theologe. Genau, wie dies auch die Religion tut.

Von Melanie Pies (KNA)

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