"Glaube ist ungeheuer wertvoll"

Seine Band heißt "Unheilig", und er selbst nennt sich nur "Der Graf". Lange war er vor allem in der Gothic-Szene ein Star. Doch seit seinem Hit "Geboren um zu leben" kennt fast jeder den Mann mit der markanten Stimme. Im Interview spricht "Der Graf" über Gott, Gebet, Religion - und auch über das Geheimnis des ungewöhnlichen Bandnamens.

Musik | Bonn - 17.10.2012

Seine Band heißt "Unheilig", und er selbst nennt sich nur "Der Graf". Lange war er vor allem in der Gothic-Szene ein Star. Doch seit seinem Hit "Geboren um zu leben" kennt fast jeder den Mann mit der markanten Stimme. Im Interview spricht "Der Graf" über Gott, Gebet, Religion - und auch über das Geheimnis des ungewöhnlichen Bandnamens.

Frage: Herr Graf, wenn ich Sie mal so anspreche. Ihr Lied "Geboren um zu leben" ist einer der größten "Hits" bei Beerdigungen. Sind Sie stolz darauf?

Der Graf: Na ja, da musste ich mich schon erst mal dran gewöhnen, dass es pietätloserweise eine solche Hitliste gibt. Aber ich habe dann extra bei Autogrammstunden mal gefragt, wann und wo die Leute unsere anderen Lieder hören. Manche lassen "Mein Stern" bei der Geburt im Kreißsaal laufen, und "Unter deiner Flagge" ist eines der meistgespielten Hochzeitslieder. Seitdem weiß ich: Alles ist gut, wir sind nicht nur Begleiter beim Tod, sondern auch mitten im Leben.

Frage: Das heißt also, Sie freuen sich inzwischen über die Nummer 1 in den Friedhofscharts?

Der Graf: Freuen ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber ich finde es ganz bezeichnend, dass ein Lied mit dem Titel "Geboren um zu leben" bei einer Beerdigung gespielt wird. Damit feiert man in dem Moment das Leben, und das ist eine Art von Abschied, den ich wichtig finde und nach dem sich viele Menschen auch sehnen: dass man in dem Moment die Erinnerung feiert an das, was man im Leben hatte. So gesehen ist es dann schon schön und wichtig, wenn unser Lied den Menschen so etwas gibt.

Frage: Heißt im Umkehrschluss dann "Geboren um zu leben", dass man jeden Tag nutzen muss?

Der Graf: Ja, auf jeden Fall. Und ich habe die letzten zwei Jahre gemerkt, wie wertvoll das ist, wenn du die Möglichkeit hast, das zu können. Das merkt man ja oft erst, wenn man Menschen trifft, die das nicht mehr können. Ich bin in Sterbehospizen gewesen und auf Krebsstationen, weil die Menschen sich das gewünscht haben. Und danach war die Sichtweise auf das eigene Leben eine ganz andere. Da relativiert sich das. Und der Glaube hilft da, er ist ungeheuer wertvoll. Ob es nun der Glaube an Gott ist oder der Glaube an die Familie oder an was auch immer. Ich plane mein Privatleben seitdem auch ganz anders und versuche den Menschen, die ich liebe oder die mir nahe sind, irgendwie näher zu sein.

Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Der Graf: Ja, wir sehen uns alle wieder. Diese Vorstellung hilft mir jetzt auch, im Leben klarzukommen. Sonst fände ich alles ziemlich sinnlos. Ich glaube, dass wir uns alle wiedersehen. Und ich glaube auch daran, dass es den Leuten, die ich vermisse, da oben gut geht - ich hoffe es jedenfalls. Und ich glaube, dass die ab und zu mal so vorbeigucken, wie es einem so geht, und vielleicht sogar das eine oder andere Rädchen drehen, wenn man gerade Probleme hat. Diese Vorstellung hilft mir, und daran glaube ich.

Frage: Wie passt das zu Ihrem Bandnamen "Unheilig"?

Der Graf: Mein großer Traum war immer, Musiker zu sein, und der Weg war schon sehr lang, und irgendwann sagte meine Mutter "Du musst ein bisschen Gottvertrauen haben". Da habe ich über dieses Thema sehr viel nachgedacht - Glaube, Religion und alles was dazu gehört. Ich habe gemerkt, dass ich ein gläubiger Mensch bin, sehr gläubig sogar, und fast jeden Tag bete, aber mit den ganzen Religionen, die es so gibt, nicht besonders viel anfangen kann. Und dann habe ich in der Bibel entdeckt, dass solche Menschen dort die Unheiligen genannt werden: Menschen, die sich den Ritualen und Gesetzen und Geboten und Verboten nicht unterwerfen. Und da war mir klar: So möchte ich gerne heißen.

Zur Person

"Der Graf" ist Frontmann und Songschreiber der Band "Unheilig". Der Musiker gibt nur wenige Informationen über sein Privatleben preis, verschiedentlich wird sein Name mit Bernd Heinrich Graf angeben. Mit seiner Band gelang ihm 2010 mit dem Stück "Geboren um zu leben" ein großer Charterfolg. Am 19. Oktober erscheint das Livealbum zur jüngsten CD "Lichter der Stadt".

Frage: Was ist an"Unheilig" dann heilig?

Der Graf: Alles was mit dem Leben zu tun hat! Meine Familie ist mir auf jeden Fall heilig. Ich sehe den Namen "Unheilig" auch nicht als Gegenpol zu "heilig". Ich habe nur für mich bisher noch keine Religion gefunden, in der ich mich wirklich zu Hause fühle. Das ist aber keinesfalls eine Absage an alle Religionen. Ich brauche sie nur für mich nicht als Brücke zu Gott. Aber viele Menschen brauchen diese Brücken, um sich Gott näher zu fühlen, und das finde ich absolut okay.

Frage: Gehen Sie in die Kirche?

Der Graf: Ich bin römisch-katholisch erzogen worden, habe auch meine ersten musikalischen Gehversuche im katholischen Kinderchor gemacht. Und heute gehe ich auch schon mal gerne in eine Kirche oder eine kleine Kapelle. Manchmal habe ich einfach das Gefühl, dass es gerade notwendig ist. Es gibt Momente, wo ich dort eine Kerze anmache, obwohl ich das ja auch zu Hause machen könnte. Ob es dann an der Ruhe liegt, keine Ahnung. Manchmal brauch ich das!

Frage: Beten Sie?

Der Graf: Immer bevor ich auf die Bühne gehe. Ich bete vorher, jedes Mal. Meistens, wenn ich irgendwie Angst habe zu versagen, wenn irgendwas Besonderes los ist. Aber ich bete nie, dass der liebe Gott da oben das für mich regelt, sondern ich bitte höchstens, dass er mir die Kraft gibt in dem Augenblick, dass er einfach nur da ist, das reicht. Wenn ich weiß, ich bin in dem Moment nicht allein, ist das für mich ganz wichtig.

Frage: Und das hilft? Auch einem "Unheiligen»"?

Der Graf: Ja! Klar! Der Glaube versetzt Berge. Dieser Spruch ist bei mir in diesem Moment auf jeden Fall wirksam. Und das ist für mich ganz, ganz wichtig.

Das Interview führte Marco Chwalek

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