Gläubige ohne Kirche

Fast zwölf Jahre lang haben die Besetzer der katholischen St. Frances Xavier Cabrini Church bei Boston ausgeharrt. Nach Ausschöpfen aller Rechtsmittel geben die aufmüpfigen Gemeindemitglieder nun auf.

USA | Boston - 04.06.2016

Am Sonntag kamen die Gläubigen von Scituate im US-Bundesstaat Massachusetts noch einmal zusammen. Rund 200 Menschen versammelten sich am Altar ihrer 2004 geschlossenen Kirche, um noch einmal Gottesdienst zu feiern. Wie jeden Sonntag seit dem offiziellen Ende der St. Frances Xavier Cabrini Church. "Jede Revolution hat ihre Kollateralschäden", verleiht Jon Rogers, einer der Wortführer von Scituate der Stimmung Ausdruck. "Unsere geliebte Kirche ist eines dieser Opfer."

So sehen es viele Katholiken in der Neuengland-Kleinstadt. Sie haben das Gefühl, ihre Gemeinde müsse den Preis für die Untaten von Kinderschändern in den Reihen des Klerus zahlen. Seit 2004 wurden allein im Erzbistum Boston geschätzt rund 100 Millionen Dollar Schmerzensgeld fällig.

Bei den Gläubigen liegt die Vermutung nahe, die Kirchenleitung versuche, die Löcher im Haushalt mit Hilfe der Schließung von Gemeinden zu stopfen. Der Sprecher des Erzbistums, Terrence Donilon, weist dies entschieden zurück. "Wir verstehen, wie schwer es ist, eine Pfarrgemeinde aufzugeben", versichert er. Die Enttäuschung der Betroffenen sei nachvollziehbar. Für nachvollziehbar halten unabhängige Beobachter wie der Geschichtsprofessor James O'Toole vom jesuitischen Boston College vor allem das Misstrauen der Gläubigen.

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Seit elf Jahren kämpfen die Katholiken in Scituate für ihre Kirche. Die soll nach dem Willen der Erzdiözese Boston geschlossen werden. Ein Gericht hat den Pfarreimitgliedern nun Aufschub gewährt - und die vermuten hinter der drohenden Schließung einen ganz bestimmten Grund.

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"Die Art und Weise, wie mit dem Missbrauchsskandal umgegangen worden ist, hat das Vertrauen vieler Leute in die Hierarchie erschüttert", sagte O'Toole, der in dem Aufstand von Scituate ein Symptom dafür erkennt. Theologisch seien die Grundlagen für das Selbstbewusstsein der Laien beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) gelegt worden. "Wenn sie den Menschen über 50 Jahre sagen, sie seien die Kirche, dann fangen sie an, es zu glauben und danach zu handeln", so der Historiker gegenüber der "New York Times".

Dass dieser innerkirchliche Disput im vergangenen Jahr gar die Gerichte beschäftigte, zeigt, wie tief die Gräben inzwischen geworden sind. Der Rechtsstreit um den Verbleib der Gemeindemitglieder in dem Gotteshaus ging bis vor das Oberste Gericht der USA. Vergangenen Monat schließlich wies der Supreme Court eine letzte Beschwerde ab und machte damit einen Räumungsbeschluss rechtsgültig.

Seit Dienstag ist die spektakuläre langjährige Kirchenbesetzung Geschichte. Die "Schichtpläne", die eine permanente Anwesenheit von Gemeindemitgliedern sicherstellten, gehören ebenso der Vergangenheit an wie die von Laien organisierten Andachten, Gottesdienste und Hochzeiten. "Ich bin ein wenig nervös und fühle mich gleichzeitig erleichtert", beschreibt Margaret O'Brien (86) die Ambivalenz ihrer Gefühle, die sie nach dem finalen Richterspruch empfindet. "Wir haben einen guten Kampf geführt."

Seán O'Malley ist Erzbischof von Boston.
Erzbischof von Boston ist Kardinal Seán O'Malley.
 KNA

Die Erzdiözese Boston hofft unterdessen, dass sich die Gemüter in den nächsten Wochen beruhigen und die nun heimatlosen Gläubigen sich einer der umliegenden Pfarreien anschließen. Die Türen dort stünden weit offen, hieß es. Doch stattdessen denken die Kirchenbesetzer darüber nach, eine unabhängige Gemeinde zu gründen. Dies wäre gleichsam ein Bruch mit der katholischen Kirche.

Noch ist es nicht so weit. Am nächsten Sonntag wollen sich die Gläubigen zunächst an einem Ort außerhalb der Kirche treffen. Bei ihrem letzten Gottesdienst in der St. Frances Xavier Cabrini Church stimmte die Gemeinde beim Auszug das Gospel-Lied "When the Saints Go Marching In" an - trotzig hoffend, dass es irgendwie weitergeht.

Von Thomas Spang (KNA)

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