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"Gnade geht vor Ethos"

Der Münchner Dogmatiker Bertram Stubenrauch hat sich in die Debatte um die wiederverheirateten Geschiedenen eingeschaltet. In der aktuellen Ausgabe der "Stimmen der Zeit" erläutert der Theologieprofessor, wie und warum diese Katholiken zu den Sakramenten zugelassen werden sollten. "Gnade geht vor Ethos", lautet seine Grundüberzeugung, die er im Interview entfaltet.

Wiederverheiratete | München - 10.05.2014

Der Münchner Dogmatiker Bertram Stubenrauch hat sich in die Debatte um die wiederverheirateten Geschiedenen eingeschaltet. In der aktuellen Ausgabe der "Stimmen der Zeit" erläutert der Theologieprofessor, wie und warum diese Katholiken zu den Sakramenten zugelassen werden sollten. "Gnade geht vor Ethos", lautet seine Grundüberzeugung, die er im Interview entfaltet.

Frage: Herr Professor Stubenrauch, die Debatte um den Umgang der katholischen Kirche mit Gläubigen, die nach einer Scheidung erneut zivil heiraten, ist in vollem Gange. Ein Kernpunkt ist, ob diese Personen weiter generell von den Sakramenten ausgeschlossen bleiben sollen. Sie sagen: nein. Warum?

Stubenrauch: Weil Sakramente für die Menschen da sind. Sie sollen gerade in schwierigen Situationen helfen, Gott zu suchen und zu finden.

Frage: In der Diskussion dominieren bisher moraltheologische, kirchenrechtliche und pastoralpraktische Argumente. Wo sehen Sie die Dogmatik gefragt?

Stubenrauch: Schon die Frage, was Sakramente sind, ist hochdogmatisch. Ebenso, wie sich die Verheißung eines Sakraments zur Leistung der Empfänger verhält. Ich meine, dass die Verkündigung des Reiches Gottes den Vorrang hat. Da wird ein Vorschuss gegeben, und dann folgen daraus Konsequenzen. Man darf dieses Verhältnis nicht umkehren, so, als ob die Gläubigen zuerst etwas vorstrecken müssten, und die Verheißung wäre dann die Belohnung dafür. Es gibt den Vorrang des Glaubens vor dem Ethos. Gerade wenn ich ganz unten bin, brauche ich etwas, woran ich mich festhalten kann.

Frage: Der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, hat früher an Ihrer Fakultät Dogmatik gelehrt. Er sieht aus Gründen der kirchlichen Lehre kein Schlupfloch für Ausnahmen vom Verbot des Sakramentenempfangs. Überzeugt Sie dieser Standpunkt?

Stubenrauch: Nein. Die kirchliche Lehre über die Ehe ist nicht vom Himmel gefallen. Es gab immer schon Entwicklung. Die Kirche hat sich auf menschliche Bedürfnisse eingestellt, nicht um sich vordergründig der Welt anzupassen, sondern um des Evangeliums willen, um das zu allen Zeiten gerungen werden muss, auch jetzt. Es ist klar, dass dabei auch das Beharrliche zum Zug kommen muss, hierin liegt wohl die Aufgabe des Präfekten. Die Aufgabe der Theologen ist es, Alternativen zu suchen und dafür gute Gründe zu nennen. Ich habe die Hoffnung, dass aus diesem Widerstreit ein Fortschritt wird.

Frage: Inwiefern unterscheidet sich Ihre Position von der eines Kardinal Walter Kasper?

Stubenrauch: Kardinal Kasper hat mit seinem Vortrag vor den Amtsbrüdern Perspektiven eröffnet. Dabei ist Neuland sichtbar geworden, das ich dogmatisch auszumessen versuche. Deshalb habe ich Thesen formuliert, keine Fragen. Da kann ich als Theologe weiter gehen als ein Repräsentant der Hierarchie.

Der Münchner Dogmatik-Professor Bertram Stubenrauch bei einem Vortrag.
 KNA

Frage: Streng genommen gibt es kein generelles Verbot des Sakramentenempfangs für die Betroffenen - wenn sich diese in ihrer zweiten Verbindung aller sexuellen Akte enthalten.

Stubenrauch: Da schwingt ein überkommenes Eheverständnis mit, das nicht zum Zweiten Vatikanischen Konzil passt. Früher übereigneten sich die Eheleute mit dem Treueversprechen ihre Körper, so dass ein verbriefter Anspruch auf geschlechtlichen Umgang entstand. Dieser Vertragsinhalt wird wie eine Reliquie an eine neue Verbindung herangetragen und damit zur unaufhörlichen Anklage gemacht, weil er ja nicht mehr erfüllbar ist. Man sollte akzeptieren, dass eine frühere Verbindung im Ganzen beendet wurde.

Frage: Wie kann das geschehen?

Stubenrauch: Entstandene Schuld muss aufgearbeitet werden. Deshalb ist es geboten, wiederverheirateten Geschiedenen, die ausdrücklich die Nähe Gottes suchen, den Weg zum Bußsakrament zu öffnen. Dabei muss deutlich werden, dass die zweite Verbindung objektiv nicht zulässig ist. Man darf diesen Aspekt nicht bagatellisieren. Davon ist noch einmal eine subjektive Ebene zu unterscheiden. Wenn aber Schuld bewältigt und vergeben ist, darf auch eine neue Beziehung kein Grund sein, Christen ins Abseits zu stellen.

Frage: Die katholische Kirche ist inzwischen die einzige Institution weltweit, die beharrlich an der Unauflöslichkeit der Ehe festhält. Zugleich ist es die Lebensrealität von immer mehr Menschen, auch Katholiken, dass Ehen zerbrechen. Verfügt die Theologie schon über eine angemessene Begrifflichkeit für dieses Dilemma?

Stubenrauch: Leider nein. Wir stehen noch ganz am Anfang.

Frage: Das Thema berührt nicht nur das sakramentale Leben der Kirche, sondern auch ihre Arbeitsverhältnisse. Was halten Sie auf diesem Gebiet für geboten?

Stubenrauch: Ich sehe nicht ein, dass Berufsverbote notwendig sind, um die kirchliche Lehre zu schützen.

Von Christoph Renzikowski (KNA)

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