"Gott kann nur Frieden wollen"

Die katholischen Bischofskonferenzen von Deutschland und Polen wollen am Sonntag gemeinsam im polnischen Gleiwitz an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnern. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat als deutscher Leiter der Kontaktgruppe der beiden Bischofskonferenzen die Gedenkfeier mit angeregt. Im Interview spricht er über die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg.

Zweiter Weltkrieg | Bamberg - 28.08.2014

Die katholischen Bischofskonferenzen von Deutschland und Polen wollen am Sonntag gemeinsam im polnischen Gleiwitz an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnern. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat als deutscher Leiter der Kontaktgruppe der beiden Bischofskonferenzen die Gedenkfeier mit angeregt. Im Interview spricht er über die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg.

Frage: Herr Erzbischof, welche Botschaft soll von dem Treffen ausgehen?

Schick: Von Gleiwitz soll eine Botschaft des Friedens für die ganze Welt ausgehen. Wir denken an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, die Massenvernichtungen und Zerstörungen, die bis zu 70 Millionen Toten. Wir wollen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Es soll ein Aufruf zum Frieden werden, auch für die jetzigen Kriegsgebiete wie Irak und Syrien, aber auch Gaza , Nigeria und die Ukraine.

Frage: Der Zweite Weltkrieg kam ja nicht aus heiterem Himmel. Waren die mahnenden Stimmen, gerade auch der Kirchen, in der NS-Zeit, zu leise?

Schick: Von heute aus betrachtet, können wir damalige Versäumnisse und Fehler feststellen. Aus dieser Perspektive müssen wir sagen: Alle haben zu wenig für den Frieden getan, und zwar eigentlich vom Ende des Ersten Weltkriegs 1918 an bis zum Jahr 1939. In diesem ganzen Zeitraum hat sich der Zweite Weltkrieg angebahnt. Da hätten viele mehr für Frieden und gegen erneute Aufrüstung tun müssen, die Kirchen eingeschlossen. Vor allem hätte man Hitler und die Nazis verhindern müssen.

Frage: Was ist versäumt worden?

Schick: Nötig gewesen wären Versöhnungsprozesse mit den Nachbarstaaten, mit Frankreich und England. Die europäische Idee hätte vorangebracht werden müssen. Man hätte die Menschen mehr für den Frieden begeistern sollen. Stattdessen gab es ja – zwar nicht so extrem wie vor dem Ersten Weltkrieg – in Deutschland eine Begeisterung für den Krieg. Mit der Botschaft des Evangeliums "Selig die Friedfertigen", mit den Menschenrechten und der Menschenwürde für alle und jeden, hätte man die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs verhindern können.

Frage: Die Gegenwart ist mehr denn je von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt. Lernt die Menschheit nichts aus der Geschichte?

Schick: Es gibt diese These von Philosophen und Historikern. Ich bin aber überzeugt, dass die Menschen aus der Geschichte etwas lernen können. Sie müssen aber die Geschichte zunächst voll und ganz kennen, um dann daraus Schlüsse zu ziehen. Dazu braucht es auch moralische Maßstäbe. Hier sind die Religionen gefragt. Der Maßstab der Christen und eigentlich aller vernünftiger Menschen muss sein, dass allein Friede zum Wohl der Menschen und der Menschheit beiträgt.

Frage: Aber im Moment werden Kriege sogar mit der Religion gerechtfertigt.

Schick: Partikularismus, Nationalismus, Rassismus, aber auch exklusives Religionsverständnis schaffen Unfrieden. Alle Religionen müssen und können aber den Frieden fördern. Wenn es nur den einen Gott gibt – das behaupten alle großen Religionen – dann ist klar: Dieser eine Gott ist der Schöpfer, Erhalter und Vollender aller Menschen und deshalb kann dieser Gott nur Frieden für alle wollen. Das muss von allen Religionen sehr deutlich zur Sprache gebracht, ein entsprechendes Verhalten eingefordert und auch von ihnen selbst eingehalten werden.

Frage: Aber auch die Kirchen diskutieren wieder über Kriegseinsätze und Waffenlieferungen – muss denn die Antwort hier nicht ein klares Nein sein?

Schick: Natürlich müssen die Kirchen Nein zu jedem Krieg sagen und sie tun es ja auch. Andererseits gibt es Situationen, in denen Menschen von anderen bedroht und sogar getötet werden. Christliche Pflicht ist es dann zu schützen. Wenn das nicht anders geht als mit Waffen, dann auch mit Waffen. Diese dürfen aber nur dazu da sein, die Bedrohten zu beschützen und dazu verwendet werden, die Waffen der Angreifer zu zerstören. Dahin zielt auch die Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz: Welche Waffen das sind und welche in den Nordirak geliefert werden können, müssen die Experten entscheiden.

Frage: ...also kein klares Nein?

Schick: Die Lieferung von Waffen, die die Waffen der Angreifer zerstören und die Bedrohten schützen, ist möglich.

Das Interview führte Christian Wölfel (KNA)

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