Gottes Bodenpersonal im Wartestand

Die Fernsehbilder ähneln sich. Sie zeigen ein riesiges asphaltiertes Gelände, menschenleer, Zugangsstraßen ohne Autos, Innenaufnahmen von großen leeren Fluren. Und immer wieder: Die endlos langen Rohrleitungen der Anlagen zur Entrauchung und Belüftung, auf die fachkundig aussehende Menschen ratlose Blicke werfen.

Flughafen Berlin Brandenburg | Berlin - 16.01.2013

Die Fernsehbilder ähneln sich. Sie zeigen ein riesiges asphaltiertes Gelände, menschenleer, Zugangsstraßen ohne Autos, Innenaufnahmen von großen leeren Fluren. Und immer wieder: Die endlos langen Rohrleitungen der Anlagen zur Entrauchung und Belüftung, auf die fachkundig aussehende Menschen ratlose Blicke werfen.

Auch Wolfgang Felber kennt diese Bilder. Aber den Jesuitenpater betreffen die Aufnahmen und Berichte vom Desaster des Flughafens Berlin-Brandenburg mehr als den Otto-Normal-Fernsehzuschauer. Sie sind für ihn eine wichtige Informationsquelle. An einem Tag im Mai 2012 veränderten sie sogar ein Stück weit seine berufliche Zukunft.

Es kam alles anders

Erst wenige Wochen zuvor war der heute 52-jährige in sein neues Amt als Berliner Flughafenseelsorger eingeführt worden. Ein Schwerpunkt sollte die Arbeit am neuen Großflughafen Willy Brandt sein. Der Eröffnungstermin stand schon fest: Der 3. Juni 2012. Doch es kam anders: An jenem Tag im Mai verkündeten die Betreiber die Verschiebung der Eröffnung auf den 17. März 2013. Es sollte nicht die letzte Planänderung sein.

"Wir haben davon aus der Presse erfahren", erinnert sich Felber. Nun hieß es Umplanen für ihn und seinen evangelischen Kollegen Justus Fiedler. Dabei hatten sie alles genau vorbereitet: Zwölf Ehrenamtliche hatten sie für den Einsatz auf dem neuen Flughafen mit dem Kürzel BER geschult. Im Mai 2012 war deren siebenmonatige Ausbildung abgeschlossen. "Aus der Verschiebung der Flughafeneröffnung ergaben sich Schwierigkeiten. Wir mussten das ganze System der Flughafenseelsorge, das wir bereits geplant hatten, umkonzipieren", sagt der 38-jährige Fiedler. Das Büro am Flughafen Schönefeld hatten die Geistlichen schon gekündigt, Umzugskartons gekauft. Doch die Büroräume, die sie sich die Kirche auf dem neuen Flughafen ausgeguckt hatte, konnten nicht bezogen, die Flughafenkapelle nicht fertig gebaut werden.

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Flughafen spendet im Handgepäck gefundene Flüssigkeiten
 Klinkhammer/KNA

Aus der Not wird eine Tugend

Däumchendrehen kam für die Seelsorger trotzdem nicht infrage. "Auch die Ehrenamtlichen scharrten bildlich mit den Hufen. Sie wollten nach ihrer Ausbildung nun endlich mit ihrem Einsatz beginnen", erinnert sich Felber. So machte das Team aus der Not eine Tugend: Statt auf dem neuen Großflughafen sind die Ehrenamtler nun auf den 'alten' Airports Tegel und Schönefeld präsent. "Unser Motto war: Wenn der Bau später fertig wird, dann fangen wir eben früher an", fasst Justus Fiedler zusammen.

In Schönefeld und Tegel werden die Seelsorger gebraucht. Auch das hängt mit dem Desaster um den dritten Berliner Flughafen zusammen. Die Mitarbeiter sind beunruhigt ob der unsicheren Verhältnisse. Beschäftigte in Tegel etwa, die später am neuen Großflughafen arbeiten sollen, brauchen Planungssicherheit, um sich auf den Umzug einzustellen. Schließlich ändern sich nicht nur ihre Arbeitswege. Dem Jesuiten Felber haben Mitarbeiter in Gesprächen auch von Überlegungen erzählt, ihren Wohnort näher an BER zu legen. Dazu kommt ein finanzieller Aspekt: Während in Tegel nach Westtarif bezahlt wird, gilt nach Angaben des Geistlichen auf dem Flughafen Berlin Brandenburg Osttarif. Das bedeutet ein Minus auf dem Gehaltszettel.

Unterwegs in fliederfarbenen Westen

Einige Tegeler haben sogar Angst um ihren Job: "Manche Arbeiten, die es in Tegel gibt, werden auf dem Flughafen Willy Brandt gar nicht mehr gebraucht", weiß Felber. So würden die Flugzeuge statt über Tanklastwagen künftig über Schläuche aus dem Boden betankt. "Alle Faktoren zusammen verursachen eine riesige Unsicherheit".

Dreimal in der Woche sind die Flughafenseelsorger mit ihren fliederfarbenen Westen auf jedem der beiden Flughäfen unterwegs. Sie kommen mit den Passagieren ins Gespräch, besuchen Gastronomen und Boutiquenbesitzer und schauen an den Schaltern der Fluggesellschaften vorbei. Wenn ein Flugzeug landet mit einer Familie an Bord, die im Urlaub einen Angehörigen verloren hat, dann gehen sie noch auf dem Rollfeld an Bord und helfen bei den ersten Formalitäten und leisten Trauerarbeit.

Die Seelsorger sind diskret und verschwiegen

Bei ihrer Arbeit haben sie den Vorteil, einerseits als feste Institution zum Flughafen zu gehören, anderseits aber einen gewissen Abstand zu haben: "Wir sind regelmäßig vor Ort, haben die Ausweise, mit denen man überall hinkommt, sogar auf das Rollfeld. Auf der anderen Seite sind wir aber von der Kirche und stecken nicht mit irgendwem unter eine Decke", erklärt Felber. Die Menschen an den Flughäfen kennen die Seelsorger, schätzen, dass sie diskret und verschwiegen sind.

Trotzdem sind die Arbeitsbedingungen auf den alten Flughäfen eher provisorisch: Es gibt keine ruhigen Rückzugsräume, und auch keine Flughafenkapelle. Die wartet auf der Dauerbaustelle BER auf die ersten Besucher. Noch ist aber völlig unklar, wann diese kommen. Während der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Mittwoch das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden antreten möchte, will sich die Flughafengesellschaft lieber gar nicht mehr auf einen neuen Eröffnungstermin festlegen. Informationen fließen weiter spärlich. "Mein Gefühl ist, dass die Kommunikation insgesamt noch ausgebaut werden kann" - während der evangelische Pfarrer Justus Fiedler seine Kritik recht zurückhaltend formuliert, wird sein Kollege Wolfgang Felber deutlicher: "Wir wollen informiert werden, wenn sich etwas ändert, schließlich sind wir ja Bauträger. Wie viele andere Nutzer des Flughafengebäudes wurden wir kaum direkt informiert, sondern haben viel erst durch die Presse erfahren", ärgert er sich.

Bis sich Genaueres abzeichnet, wirken die Seelsorger weiter auf den Fluren von Schönefeld und Tegel. Schon bilden Wolfgang Felber und Justus Fiedler eine neue Gruppe von Ehrenamtlichen aus. Und sie werden die Berichterstattung in Fernsehen und Presse auch in Zukunft aufmerksam verfolgen.

Von Gabriele Höfling

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